Diese gottverdammten Träume

Erschienen: Februar 2019

Bibliographische Angaben

Ungekürzte Ausgabe / Spieldauer: 22 Stunden und 25 Minuten
Sprecher: Stefan Kaminski

ET Gebundenes Buch:  29. November 2016, DuMont Buchverlag
ET Hörbuch:  7. Februar 2019

Couch-Wertung:

99

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Stefanie Eckmann-Schmechta
…ähnlich wie bei einem Fluss, gibt man sich diesem Roman einfach anheim und lässt sich durch die Geschichte treiben.

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Mai 2019

Geschichten aus Empire Falls

Zwei Familien, ein Fluss und ihre Schicksale: Wir gehen ein paar Jahrzehnte zurück, zum reichen Fabrikantensohn C.B. Whiting. Der möchte am Flussufer von Empire-Falls seine eigene kleine Hazienda bauen. Dann aber muss er feststellen, dass der ganze Unrat, der im Fluss so vor sich hin treibt, ausgerechnet auf seinem Grundstück landet. Um den „Fehler Gottes“ – als den er ihn schließlich entlarvt  - auszumerzen, lässt er kurzerhand einige Biegungen des Flusses wegsprengen, so dass das Flüsschen, in den jahrelang die Abwässer seiner Textilfabriken geflossen sind, nun „munterer“ dahinfließt.

Dies soll aber auch schon das letzte sein, bei dem C.B. das vorerst letzte Wort hat; teilt er doch mit seinem Vater und Großvater das Schicksal aller Whiting-Männer: Sie alle heirateten unausstehliche Frauen.

Ein Sprung in die Gegenwart von Empire Falls:  Wir lernen Miles Roby kennen, Mittvierziger und Betreiber des Empire Grills. Er ist ein vorsichtiger, zurückhaltender Mann, der seine Frau Janine nicht glücklich machen konnte und deshalb jetzt in Scheidung lebt. Deshalb, aber auch weil sich Janine in den „Silver Fox“ verguckt hat, der laut trällernd Tag für Tag in Miles Diner kommt, wenn er nicht gerade sein Fitness-Studio überaus heldenhaft leitet. Der Fox möchte gerne glauben, dass er dem armen Miles mit seinen geschäftlichen Tipps nur Gutes tut, doch die Wahrheit ist, dass er ihn provoziert, wo er nur kann. Mit seinen Fitness-Studio-Muckis, mit seinen überheblichen Gerede und natürlich damit, dass er Miles die Frau ausgespannt hat, was er auch immer gerne wiederholt.

Miles´ Ex, Janine, ist auf dem Selbstfindungstrip und hat dazu etliche Kilos abgenommen. Sexuell und auch sonst frustriert, sieht sich ihr einziges Glück fortan darin, sexy auszusehen und den Silver Fox zu heiraten, der, im Gegensatz zu Miles,  ihren „Punkt“ gefunden hat. Aber Janine ist nie mit etwas zufrieden und als sie die Wahrheit über ihren tollen Macker erfährt, ist diese noch viel trauriger als es das Leben mit ihrem Ex je war.

Eine weitere Hauptperson ist Tick –Christina Roby – die Tochter von Miles (und natürlich Janine) und dessen Augenstern. Der kluge Teenager sieht und versteht viel; aber genervt und verschlossen, wie heranwachsende Teenager zuweilen sein können, macht sie es Miles nicht leicht, den Kontakt zu ihr aufrecht zu erhalten.

Nicht vergessen sollte ich auch nicht Max Roby, den Vater von Miles und dessen Bruder David; Max ist ein wahrer Taugenichts, der nicht einmal davor  zurückschreckt, seinen eigenen Sohn zu bestehlen. Ihn als Schlitzohr zu bezeichnen, wäre eine echte Untertreibung. Aber er ist für so manche Pointe gut und daher nicht gänzlich unsympathisch.

… Oder wie man die Träume eines anderen zerstört, ohne es zu wollen

Miles ist zu nett für diese Welt, zu unentschlossen, zu defensiv und eigentlich zu klug, um sich von einem dümmlichen Typen wie dem Silver Fox oder von hintertriebenen Menschen wie der alten Mrs. Whiting (die Witwe von C.B. Whiting, der den Fluss mal eben begradigt hat) herumschubsen zu lassen. Aber genau das lässt er zu. 

Die Rolle der Mrs. Whiting, die über dem kleinen Ort herrscht und alles zu wissen scheint, ist lange undurchsichtig, aber ich würde sagen, sie ist die Mensch gewordene, schonungslose Wahrheit.

Miles Mutter, die in Mrs. Whitings Diensten ein Leben lang Buße tut, wünscht sich nichts sehnlicher, als dass Miles studiert; am besten so weit von Empire Falls entfernt wie möglich. Doch als sie schwer erkrankt, ist es Mrs. Whiting, die Miles zurück ruft, um der Mutter beizustehen. Ungewollt zerstören Mutter und Sohn einander die Lebensträume. Und ein Mensch wartet besonders darauf, dass Miles dies bewusst wird. Wenn es sein muss, auch ein Leben lang.

Man könnte man es glatt  göttlichen Zynismus nennen. 

Wie sich alles in Richard Russos Roman zusammenfügt, wer wem schon mal begegnet ist, wer mit wem noch eine alte Rechnung offen hat, wer ein falsches Spiel spielt, wer – wie fast alle – die Fassade immer schön aufrecht erhält - und wie dem guten alten C.B. Whiting am Ende doch noch Gerechtigkeit widerfährt, das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Jede der weit verzweigten Beziehungsgeschichten weiter aufzuführen, wäre amüsant bis erkenntnisreich, würde aber absolut den Rahmen sprengen. Richard Russo hat einen wirklich vielschichtigen und – wie das Leben - detailgenauen Roman entwickelt. Auch wenn man es gar nicht merkt, wie er scheinbar dahinplätschert, ist er zu keiner Zeit langatmig. Die lebhaften Rückblenden in die Vergangenheit, die die einzelnen Puzzleteile zusammenfügen, die Gedanken seiner Protagonisten, die wirklich guten Dialoge, voller Witz und Schlagfertigkeit, das alles ist so interessant zu lesen, dass man sich – ähnlich wie bei einem Fluss – diesem Roman einfach anheimgibt und sich durch die Geschichte treiben lässt.

Und es gibt sie, die neuralgischen Punkte, die bereits aufmerken lassen und einen Sog erzeugen: Man ahnt, dass etwas ganz anderes unter der Geschichte lauert.

Unsanft, brutal, aber ehrlich, schließt sich in gewisser Weise der Kreis und die Tatsache, dass das Schicksal sich seine Missetäter ebenso holt wie der am Ende doch nicht so leicht bezähmbare Fluss, vermittelt ein gutes Gefühl.

2002 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet

Das 2001 in den USA erschienene Buch von Richard Russo, das 2002 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde, hat erst spät seinen Weg zu uns nach Deutschland gefunden. In der Zwischenzeit (2005) wurde der Film mit Paul Newman verfilmt, der als bester Nebendarsteller einen Emmy gewann. Die Mini-Serie, bzw. der TV-Film, gewann im Jahr 2006 jeweils einen Golden Globe.

Ganz großes Kino für die Ohren

Stefan Kaminski brilliert bei dieser Hörbuchfassung mit seinem ganzen schauspielerischen Talent! Die unterschiedlichen Stimmfarben mit denen er die Darsteller charakterisiert - mit kleinen Nuancen im Akzent,  mal verwaschen, mal rau, mal überdeutlich und mit gewissen Untertönen - tragen jeden einzelnen Darsteller, ob alt, jung, verrückt, hochnäsig, unsicher, privilegiert oder am unteren Rand der Gesellschaft, so dass man jeden Moment vor seinem inneren Auge hat.

Mehr noch, Kaminski bringt die humorvoll-zynischen Schwingungen Russos zum Klingen und spielt sogar mit einer Ausgelassenheit Lachanfälle - wie der des gebeutelten ehemaligen Schuldirektors, dem wohl als einziger das ganze Ausmaß dieser Tragik-Komödie klar wird - dass man als Zuhörer nicht anders kann, als laut mitzulachen.

Aber auch Stefan Kaminskis Gesangstalent kann sich durchaus sehen lassen, wenn er den Silver Fox Perry Como-Songs zum Besten geben lässt, während der ins Diner von Miles schlendert und die anderen Gäste pflichtschuldig mit einem gelangweilten „Chapapapeia“ antworten. Großartig!

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