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Lea Gerstenberger
Ein überzeugend präsentiertes Dilemma, das aktueller nicht sein könnte

Buch-Rezension von Lea Gerstenberger Apr 2019

Jan Brock ist Journalist und schreibt für das Feuilleton der Frankfurter Nachrichten, als ihm erstmals die Gedichte von Storm Linné begegnen. Er gehört der intellektuellen Bewegung der Neuen Rechten an. Sein Werk trieft vor Nationalstolz, völkischem Gedankengut und romantisierten Gewaltvorstelllungen. Brock ist abgestoßen und schreibt einen Verriss. Schließlich sieht er es als „Kerngeschäft des Journalismus“ an, zu „schreiben, was ist, und nicht, was sein soll“. Nicht zurückschrecken will er, sondern sich dem politischen Gegner mit Mut nähern und eine Auseinandersetzung fördern – auch, weil er über den unerwarteten Zuspruch, den Linné im Internet erhält, bereits erschrickt. Und weil er ein weitgehend unbeackertes Thema für eine Reportage wittert.

So unternimmt er eine Recherchereise tief in den Spessart. Auf Burg Zornfried hat sich rund um den Besitzer, einen Freiherr von Schierling, eine Art Linné-Fanclub angesiedelt, den Brock unter die Lupe nehmen will. Die schrulligen Gestalten, die sich dort regelmäßig versammeln, sind vereint durch ihre unschöne Gesinnung und ihre merkwürdigen Rituale. Schierling ist ein Verehrer des deutschen Waldes und seiner archaischen Waffensammlung, hat einen unüberschaubaren Kreis an Töchtern mit seltsamen Namen und isst gern Hirse (ein deutsches Getreide, das vor der Kartoffel da war) sowie Salami (weil schon in der Schlacht von Salamis die Griechen gegen die Perser gewonnen haben). Filmemacher Krathmann träumt von gewaltverherrlichenden und rassistischen Sujets. Namenlose Frauen fühlen sich vom meisterhaften Dichter inspiriert und in ihrem Frausein bestätigt. Im Burghof trainiert regelmäßig eine Art Wehrsportgruppe. Storm Linné dagegen bekommt Brock lange nicht persönlich zu Gesicht. Bei den sogenannten Tafelrunden werden seine Gedichte gelesen, reihum, jeder und jede deklamiert ein paar Verse.

Je mehr Bekanntschaften Brock schließt, desto dringlicher stellt er sich die Frage, wer auf Burg Zornfried eigentlich wen belauert. Brock befindet eigentlich schon, dass er genug gesehen habe, als eine weitere Journalistin auf der Burg Quartier nimmt und er doch noch bleibt. Jenny Zerwien lässt sich noch bereitwilliger als er auf Schrumpfköpfe, Germanentum und Waldspaziergänge ein, knüpft den besseren Draht zu den Burgbewohnern und erhält so deutlich mehr Antworten als Brock, was dessen Konkurrenzgeist schürt. Die Grenzen zwischen teilnehmender Beobachtung und beobachtender Teilnahme verschwimmen, wie der Klappentext bereits ankündigt, mehr und mehr.

„Zornfried“ ist ein kleines Buch, dessen Bedeutung umso größer ist. Bei den romantisierenden Gedichten Linnés und den teils abstrusen Gedankengängen der neurechten Vordenker bekommt der Leser einen Kloß im Hals, denn die Burg im Spessart und ihre Bewohner sind keine besonders weit hergeholte Fiktion. Man hätte sich die Satire fast noch abwegiger gewünscht, denn durch die fast reale Beklemmung, die sie hervorruft, erhält sie erst ihre Schärfe.

Ein wesentlicher Fokus der Geschichte liegt auf dem Dilemma der Medien. Der Journalismus ist verpflichtet, zu berichten; eine streitbare Demokratie sollte kein Thema totschweigen. Auf der anderen Seite sollte man sich fragen, wie groß die mediale Bühne sein muss, die man Strömungen wie der Neuen Rechten bietet – und was eine gute Story wert ist. Die Erfahrung macht auch Brock: Je sensationeller er berichtet, desto größer die Resonanz. Und zwar nicht immer in seinem, dem demokratischen, Sinne.

„Zornfried“ überzeugt nicht nur thematisch, sondern auch mit einer formidablen Sprachbeherrschung. Pointierte Formulierungen und geschliffene Wendungen, Anspielungen und auch die verwendeten Namen treffen stets den richtigen Ton. So ist der Roman einerseits rasch zugänglich und lädt andererseits auch zur mehrfachen, genauen Lektüre ein.

Fazit:

Was die verschrobenen bis perfiden Bewohner von Burg Zornfried so von sich geben, kommt erschreckend wenig satirisch daher. Die Stärke des Romans liegt gerade im Subtilen. Damit gelingt Jörg-Uwe Albig die überzeugende Darstellung eines sehr aktuellen Themas, gepaart mit Witz, sprachlicher Finesse und einer berechtigten Portion medialer (Selbst-)kritik, die unbedingt lesenswert ist.

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