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Birgit Borloni
Mehrere tausend Kilometer Fußmarsch vor laufenden Fernsehkameras

Buch-Rezension von Birgit Borloni Mär 2019

Christoph Maria Herbst wird auf der Rückseite von Timur Vermes zweitem Roman „Die Hungrigen und die Satten“ mit folgenden Worten zitiert: „ Wenn Timur Vermes Erstlingswerk böse, realistisch und komisch ist, so ist sein zweiter Geniestreich böser, realistischer und komischer.“ Ist Vermes Zweitling komischer als das Debüt? Nein, ist er nicht. Ist er böser? Ja, aber auf andere Weise. Ist er realistischer? Ja, definitiv.

In „Die Hungrigen und die Satten“ hat sich Europa erfolgreich vor Flüchtlingen abgeschottet. In Afrika sind riesige Lager entstanden, in den Millionen von Flüchtlingen festsitzen, denn einen Weg nach Europa zu finden, ist fast unmöglich, die Schlepperpreise sind für keinen mehr zu zahlen. Einer dieser Flüchtlinge ist Lionel, der anfangs nur „Der Flüchtling“ heißt und später den Namen Lionel erhält. Er träumt davon, einen Weg zu finden - zur Not möchte er zu Fuß gehen. Als ein deutscher Sender seine Starmoderation, Nadeche Hackenbusch, für eine Spezialausgabe der Sendung „Engel im Elend“ entsendet, erkennt und ergreift Lionel seine Chance und bricht zu seinem Fußmarsch auf - mit ihm weitere 149 999 Flüchtlinge. Die Kameras sind live dabei und übertragen die Geschehnisse und das Vorankommen in mehrere Länder. In Deutschland - dem Ziel des Zugs- ist man zunächst entspannt, scheint das Vorhaben doch fern jeglicher Realität. Doch je weiter die Flüchtlinge kommen, desto unruhiger werden Volk und Politiker - und steuern prompt auf eine Katastrophe zu.

Nicht mit „Er ist wieder da“ zu vergleichen

Wer von „Er ist wieder da“ begeistert war und sich was ähnliches auch im jetzigen Buch erwartet, wird enttäuscht werden. Als Vermes Hitler wieder auferstehen ließ, konnte er aus dem Vollen schöpfen. Die witzigen Szenen und Einfälle, die Ironie, die bissigen Szenen und der schwarze Humor ergaben sich fast von selbst. Gerade weil es ein so skurriler Einfall war - und so fern jeglicher Realität. Das Thema in „Die Hungrigen und die Satten“ ist, wie Christoph Maria Herbst ganz richtig feststellte, realistischer, näher an uns dran. Auch hier überspitzt Vermes die Darstellung - bleibt aber dichter an der Wahrheit und den Möglichkeiten, als einem lieb sein kann und das löst beim Lesen Unbehagen aus. Gerade weil dieses Buch so dicht an der Realität ist, ist es weniger sarkastisch und komisch, denn Flüchtlingslager und die Not der Insassen sind zu dicht an uns dran, zu real dafür. Doch böse ist das Buch trotzdem. Nicht durch Sarkasmus und Ironie, sondern durch den Spiegel, den Vermes der Gesellschaft vorhält, der in der heutigen Zeit immer häufiger Isolation, Kälte und Egoismus vorgeworfen wird.

Der Autor geht diesmal subtiler vor, man muss mehr zwischen den Zeilen lesen, doch er legt trotzdem treffsicher den Finger in die Wunde. Nadeche Hackenberg steht für die vielen B- oder C-Sternchen, die das Fernsehen bevölkern. Sie ist ungebildet, benutzt Fremdwörter falsch, spricht ein grauenhaftes Englisch und ist sehr von sich selbst überzeugt. Gleichzeitig besitzt sie eine gewisse Gerissenheit, die sie so erfolgreich macht und ist mit einer gutherzigen Naivität gesegnet, die sie überhaupt erst in dieses Abenteuer führt. Denn sie begleitet diesen Zug an Flüchtlingen und setzt sich mit aller Kraft für dessen Gelingen ein - wenn auch in dem Wissen, dass für sie die Entbehrungen nur vorübergehend und jederzeit zu beenden sind. Da ist Astrid von Roël, die sich als Starjournalistin und Vertraute von Nadeche sieht, und ihre Reportagen in bester Relotius-Manier auf Super-Illu-Niveau schreibt und dabei ständig das Gefühl hat, das ihr Genie total verkannt wird. Da ist Lionel, der in einer naiven Art vom Leben in Deutschland träumt und seine Chance ergreift, als die Fernsehteams im Lager auftauchen. Der sich aber plötzlich mit der gigantischen Aufgabe konfrontiert sieht, 150 000 Menschen auf dem Marsch zu versorgen und dafür die mafiösen Strukturen seiner Umgebung in Anspruch nimmt. Da sind die Produzenten im Sender, die von dem Format hin- und hergerissen sind, sich aber letztlich den Quoten beugen. Da sind die Politiker in Deutschland, die keine Ahnung haben, was sie machen sollen und schließlich verzweifelt versuchen, es „dem Volk“ recht zu machen. Bis auf einen, der das Rückgrat hat, zu sagen, was am menschlichsten wäre und das auch umsetzen will - und dafür die bitteren Konsequenzen zu tragen hat. Sein Nachfolger versucht es mit einer diametral entgegensetzen Methode - und löst eine Katastrophe aus, die ihn völlig unvorbereitet trifft, auch wenn sie nur folgerichtig ist.

Empfehlenswert trotz einiger Schwächen

„Die Hungrigen und die Satten“ ist ein Buch, dass sich zu lesen lohnt. Allerdings muss man sich von der Erwartung verabschieden, das gleiche Leseerlebnis zu haben wie in „Er ist wieder da“. Es ist ein ganz anderes Buch mit einem anderen Thema und einer anderen Herangehensweise des Autors. Es gibt auch deutliche Längen in diesem Buch, in dem die Geschichte gefühlt nur vor sich hin plätschert. Erst im letzten Viertel nehmen Dramatik und Spannung zu und entwickeln eine sogähnliche Wirkung. Lediglich ganz am Schluss übertreibt Vermes, diese Wendung hätte nicht mehr sein müssen, da sie sich nicht schlüssig erklären lässt und damit überflüssig wirkt. Trotzdem stellt man sich nach Ende der Lektüre die Frage, ob das Szenario trotz aller Übertreibungen nicht vorstellbar wäre - und kommt zu einer beklemmenden Antwort.

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