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Sebastian Riemann
Fokkin Literatur, links, rechts, und mitten auf die zwölf

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jan 2019

Es gibt ordentlich auf die Fresse in Aura Xilonens Debütroman. Nichts für Zartbesaitete, die sich an ausfälliger Sprache und Gewalt stören. Hartes Pflaster. Beschimpfungen bilden das Fundament des Umgangs, es wird unablässig geflucht und gepöbelt. Obszönitäten werde wie Speisesalz über die Sätze gestreut, damit sie besser schmecken und nicht so fade daherkommen. Knochen werden gebrochen und Blut fließt. Viele müssen ins Krankenhaus, manch einer stirbt sogar. Nur wer die Augen offen hält und die Zähne zusammenbeißt, hat eine Chance.

Die junge Autorin aus Mexiko hat mit ihrem Roman einen Nerv getroffen und für viel Aufsehen gesorgt. Eine kleine Sensation. Sie befasst sich mit einem schwierigen Thema, das meist in politische oder wissenschaftliche Begriffe verpackt wird, damit es nicht zu Irritationen führt und Unwohlsein hervorruft. Die Stellung von Migranten, die nicht erwünscht sind. Die vielmehr beschimpft und verfolgt werden, sich verstecken und durchkämpfen müssen. Illegal eingereiste Mexikaner in den USA. Eine Bevölkerungsgruppe, die sehr groß ist und selten die Möglichkeit hat, aus ihrer Perspektive zu erzählen. Denn meistens sprechen US-Amerikaner über die Mexikaner in ihrem Land, klagen sie an oder deuten auf sie, um auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Selten aber kommen die Mexikaner selbst zu Wort. Aura Xilonen hat nun mit Gringo Champ ein Zeugnis für diejenigen abgelegt, die meist überhört werden. Sie hat das dreckige und harte Dasein in unverfälschter Sprache wiedergegeben, hat kein Blatt vor den Mund genommen und somit einen lebensnahen Einblick ermöglicht, der den täglichen Überlebenskampf, die Angst und den Zorn zeigt.

Liborio heißt der junge Mann aus Mexiko, der siebzehn, achtzehn oder neunzehn Jahre alt ist, sich mit allen möglichen Gelegenheitsjobs über Wasser hält und eigentlich nicht viel vom Leben verlangt. Er hat seine Heimat hinter sich gelassen, weil ihn die Patentante aus dem Haus gejagt hatte. Sie wollte sich nicht mehr um ihn kümmern, um diesen dummen Jungen, der keine Familie mehr hatte und selten etwas sagte. Ein Dickschädel, der Beschimpfungen, Schläge und Tritte einsteckte, ohne sich zu beklagen. Eine Zumutung für die Patentante und bald darauf einer von vielen, die hinauf in den Norden streben und dort ein besseres Leben suchen. Denn außer Armut und Gewalt hat ihnen die Heimat wenig zu bieten.

Doch auch im verheißungsvollen Nachbarland ergeht es Liborio nicht besser. Nur knapp und mit viel Glück überlebt er die unbarmherzige Hitze der Wüste, die ihn bei seiner Ankunft in der neuen Wahlheimat niederstrecken und vernichten will. Später muss er sich in der Erde verkriechen, damit ihn die automatischen Waffen einer paramilitärischen Einheit, die sich auf Migrantenjagd befindet, nicht durchsieben und als Kadaver zurücklassen. Wie ein Hund muss er ums Überleben kämpfen.

Hart im Nehmen und zäh ist Liborio. Deshalb gibt er nicht auf. Auch wenn ihn die Welt immer wieder zurückwirft und umstößt, er steht auf und geht weiter. Und so erreicht er schließlich doch eine Stadt im Süden der USA, findet einen Buchhändler, der ihn als Gehilfen aufnimmt und ihm eine Dachkammer als Unterkunft anbietet. Die beiden werden Freunde und beschimpfen sich bei der gemeinsamen Arbeit im Laden.

»Chief, ich will mir ein Handy kaufen, das intelligent ist, welches empfehlen Sie mir?«
»Sei kein Schwachkopf, virtueller Wirsing. Kauf dir lieber ein Buch und lies. Intelligente Telefone! Hua, hiu, hiu, hiu! Was willst du damit, Stinkwanze?«
»Na, reden.«
»Und mit wem zum Teufel willst du reden, wo du auf der Welt einsamer bist als deine Scheißmutter? Los, feg die Straße und kratz dir den Arsch!«

Jedoch ist die Buchhandlung mehr als nur ein Unterschlupf für Liborio. Dort kommt er auch mit Literatur in Berührung. Nach Feierabend nimmt er sich stets ein paar Bände mit in die Dachkammer und liest sie mithilfe eines Wörterbuches. Sein Wortschatz erweitert sich und sein Wissen. Zugleich regt sich in ihm aber große Abneigung gegen die Bücher, die er liest. Die fokkin Literatur hat nichts mit seinem Leben zu tun, sie will ihn belügen und betrügen. Sein Leben ist hart und hässlich, ganz anders als die blumigen, eleganten Worte in den dicken Wälzern, die vorgeben, vom Leben und von der Liebe zu erzählen. Jeder schön geschriebene Roman ist eine Verhöhnung seines brutalen Alltags.

In der Gegend gibt es jede Menge Mickerficker und Mackerfacker. Liborio nietet ein paar Jungs um, da er ein Mädchen beschützen will, das ihm gefällt. Die Vergeltung kommt kurz darauf. Sie überfallen Liborio von allen Seiten, werfen ihn zu Boden und treten auf ihn ein, bis kaum noch Leben in ihm steckt. Er überlebt durch Glück und erregt Aufsehen. Denn wie immer hat er die Schläge eingesteckt, ohne ein Wort zu sagen. Er hat nicht um Hilfe gerufen, nicht um Gnade gefleht. Kein Ton war von ihm zu hören. Er ist ein eiserner Kämpfer.

Auf Umwegen wird er schließlich zum Boxer, lernt seine ungewöhnliche Kraft einzusetzen und seine Gegner im Ring mit einem Schlag auf den Boden zu schicken. Plötzlich und unerwartet eröffnet sich ihm eine Zukunft. Mit Boxen kann er vielleicht Geld verdienen, kann auf sich aufmerksam machen.

Gringo Champ ist unterhaltsam, ernst und brutal. Das Buch gibt viel Rassismus wieder, viel Misshandlung und Schinderei. Liborio geht mehrmals durch die Hölle, bevor er sich Hoffnung auf ein anständiges Dasein machen darf. Er hat keinen Anspruch auf Menschlichkeit, muss erdulden und ausharren. Oft wird er weggestoßen, verlacht oder geschlagen. Aber neben all der Feindseligkeit gibt es auch Hoffnung, Zuneigung und Liebe im Buch. Der junge Migrant findet Freunde und Unterstützer. Mit ihrer Hilfe kann er voranschreiten.

Besonders außergewöhnlich ist die Migrantensprache im Buch, die weder auf die eine, noch auf die andere Seite der Grenze gehört. Sie ist ein wildes Mischmasch aus Spanisch und Englisch – das in der deutschen Übersetzung zu Deutsch und Englisch wird - , sowie den willkürlichen Ergänzungen aus Romanen und Wörterbüchern, die Liborio in seiner Dachkammer gelesen hat. Schrill und wirr ertönen die Stimmen im Buch. Die nötige Schärfe verleihen die Schimpfwörter und Beleidigungen. Es ist die Sprache eines Champion, der gegen die ganze Welt kämpfen musste. Es ist aufschreckend und authentisch.

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