Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • München: Hanser, 2018, Seiten: 176, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Der streunende Blick

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2018

Wenn man versteht, was ein Hosenberater ist, versteht man auch das neue Buch von Wilhelm Genazino. Der Frankfurter Autor hat gewissermaßen einen Hosenberaterroman geschrieben. Er zeigt darin auf, wie das Leben eines Hosenberaters verläuft, was er macht und nicht macht, was er mit seiner Zeit anstellt, woran er denkt und wovor er Angst hat. Über den Beruf des Hosenberaters verliert er auch einige Worte. Es geht um Falten und Flecken, um die richtige Hose für den richtigen Mann. Aber eigentlich geht es um die Person des Hosenberaters, denn natürlich gibt es den Beruf nicht und somit auch kein wirkliches Betätigungsfeld für den Hosenberater. Er ist vielmehr ein Sonderling, ein komischer Kauz inmitten der anonymen Masse alltäglicher Gestalten, die ihres Weges gehen, sich um die Arbeit, die Familie und das Geld sorgen. Die gewöhnlichen Bestrebungen lehnt der Hosenberater ab, sie sind ihm zuwider. Lieber verbringt er seine Tage mit dem Umherstreunen in der Stadt, mit dem Tagträumen ohne Ziel und Ordnung. Er ist ein Aussteiger, der zuhause geblieben ist und sich ruhig den Erwartungen widersetzt. Das Leben eines Revolutionärs oder Abenteurers wäre ihm zu anstrengend, außerdem scheut er den Konflikt. Lieber geht er beharrlich seinem Alltag nach, schaut sich in der Gegend um und trifft sich mit alten Geliebten.

In Frankfurt bemühen sie sich, viel Geld zu verdienen, erfolgreich zu sein und von den Mitmenschen verehrt zu werden. Sie verfolgen Ziele, wollen gerne ein großes Haus, ein schnelles Auto und dazu eine hübsche, zufriedene Familie, die ihren Urlaub an exotischen Stränden verbringt und tolle Geschichten zu erzählen hat. In Frankfurt sind sie wie allerorts. Nur der Hosenberater sticht heraus. Aber niemand bemerkt ihn, denn er bleibt im Verborgenen. Aufmerksamkeit erregt er nicht gern, bleibt lieber mit seinen Gedanken allein.

Der neue Roman von Wilhelm Genazino ist gewöhnungsbedürftig. Man weiß nicht so recht, was man mit ihm anfangen soll. So wie auch der Hosenberater – der Erzähler – nicht weiß, was er will oder, ob er überhaupt etwas will. Er ist unschlüssig und hängt seinen Gedanken nach. Lässt sich treiben, wie jemand der auf einem Ausflugsdampfer sitzt, den Blick mal in die eine, mal in die andere Richtung wendet, um zu sehen, was es zu sehen gibt.

Einen Großteil seines Tages verbringt der Hosenberater mit Erinnerungen an seine ehemaligen Geliebten und seine verstorbenen Eltern. Sie interessieren ihn meist mehr als die Gegenwart, die für ihn ohnehin nur aus vorbeiziehenden Unbekannten und anonymen Gebäuden besteht. Er ist eingeschlossen in seinen ganz persönlichen Mikrokosmos. Insofern ist die Überlegung, als Hosenberater arbeiten und anderen Menschen mit ihren Hosenproblemen helfen zu wollen, schon ein beachtlicher Schritt der Annäherung an die restliche Menschheit.

Das Buch verfolgt keine genaue Absicht, da der Erzähler in den Tag hineinlebt und keine größeren Pläne verfolgt. Es ist eine Ansammlung von lose verbundenen Überlegungen und Ereignissen. Der Erzähler beschreibt und reflektiert, eine Geschichte hat er jedoch nicht zu erzählen. Insofern sollte man von diesem Buch nichts erwarten, sich vielmehr auf Zerstreuung und inhaltliche Ungezwungenheit einlassen.

Wilhelm Genazino schreibt entgegen den Erwartungen der Gesellschaft. Wie man sein Leben leben soll oder wie man einen Roman schreiben soll, das interessiert ihn nicht. Selbstverliebt setzt er sich über alle Erwartungen hinweg, streift durch die Stadt und lässt den Leser teilhaben am literarischen Streunen.

Am 12. Dezember 2018 ist Wilhelm Genazino verstorben. Er wurde u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten deutschen Literaturpreisen, ausgezeichnet und war mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert. Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze war sein letzter Roman.

Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze

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Letzte Kommentare:
19.12.2018 19:54:54
Novizin

Ich habe das Buch nicht gelesen, aber die Rezension lässt darauf schließen, dass der Autor Wilhelm Genazino wusste, dass er bald sterben wird und ihm war klar, dass sein Leben so unbedeutend ist wie das des Hosenberaters. Ihm ist wahrscheinlich klar geworden, wie einfältig wir Menschen doch sind und sich jeder für etwas Besonderes hält.

Wir Menschen tuen immer so betroffen, obwohl es uns nie interessiert hat. Wenn ich jetzt behaupte: Oh, es tut mir ja so leid, dass der Autor gestorben ist - dann würde ich glatt lügen. Ich kannte ihn ja persönlich nicht.

Und wenn ich sterbe, dann ist das auch kein großer Verlust für die Menschheit. Im Gegenteil - die Gesellschaft hat ein Problem weniger und ich ganz viele Probleme weniger.