Dein Leben und meins

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Brombergs, 2017, Titel: 'Ditt liv och mit', Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2018, Seiten: 368, Übersetzt: Christel Hildebrandt

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Lisa Reim
Aufarbeitung des verdrängten Grauens

Buch-Rezension von Lisa Reim Nov 2018

Märit kehrt für die Feier ihres 70. Geburtstages nach Norrköping zurück. Ein Ort, den sie lange hinter sich gelassen hatte und an den sie nie wieder zurückkehren wollte. Denn Märit plagt die Vergangenheit, in der ihr geistig behinderter Bruder von der Familie verstoßen und in einer Anstalt weggesperrt und vergessen wurde. Ein Umstand, den die Familie totschweigt, war Lars doch nur ein lästiges Anhängsel. So liebte es Märits Zwillingsbruder Jonas seine Schwester und seinen behinderten großen Bruder zu quälen und auch der stets fluchende Großvater und die sich in Selbstmitleid ergehende Großmutter kümmerte ihr Enkel nicht. Einzig Märits Mutter liebte ihren Sohn, dessen Schicksal nach ihrem Tod jedoch besiegelt war. Im Stillen ertrug Märit die Grausamkeiten gegen ihren Bruder, wagte es aber nicht sich gegen ihre Familienmitglieder zu stellen. Trost fand sie bei ihrer besten Freundin Kajsa, doch auch das Verhältnis zwischen den beiden Frauen verschlechterte sich zunehmend. Je näher Märit nun ihrer alten Heimat kommt, desto schwerer fällt es ihr, nicht an ihren Bruder und ihre Mitschuld zu denken. Sie muss sich nicht nur ihrem eigenen schlechten Gewissen stellen, sondern auch dem Rest ihrer Familie, der lieber die Vergangenheit ruhen lassen würde.

Märits Reise ist auf zweierlei Weise eine Aufarbeitung: Aufarbeitung für Märit, die ihrer Familie nie ganz zustimmen, jedoch auch nie Gegenwehr leisten konnte, und Aufarbeitung für ein Land, das in seinen Psychiatrien viel Unrecht geschehen ließ. So beschreibt die Autorin und Journalistin Majgull Axelsson die Schattenseiten ihres Heimatlandes Schweden, welche zugleich auch die Schattenseiten eines jeden anderen westlichen Landes sind: Misshandlungen geistig behinderter Menschen, ihre Isolation und ihr Leiden in den eigens für sie eingerichteten Anstalten, die alltägliche Demütigung, Grausamkeit und Missachtung. Märit steht sinnbildlich für eine Gegenwart, die sich ihren Fehlern und ihrer Scham stellt, die um ihre Schuld weiß und sich nicht scheut, auch andere dazu zu bringen, diese Verfehlungen aufzuarbeiten.

Eine Gegenwart, die auch sprachlich zum Ausdruck kommt, denn die Rahmenhandlung um Märits Besuch in Norrköping wird im Präsens erzählt, wohingegen in Rückblenden die Geschichte ihrer Familie dargelegt wird. Es ist ein gründliches Sezieren der Vergangenheit, ein Herauskramen längst vergessener und verdrängter Ereignisse. Dazu gezwungen wird Märit von der Anderen, ihrer tot geborenen Zwillingsschwester, deren Stimme sie in ihrem Inneren zu hören meint und die all die unangenehmen Dinge zur Sprache bringt, die Märit eigentlich vergessen wollte.

So hilfreich das strapaziöse Lamentieren der Anderen für Märit auch sein mag, so beschwerlich gestalten sich diese Passagen für den Leser, der doch nur sehnsüchtig auf die spannenden Episoden über Märits Vergangenheit wartet. Denn dort beweist die Autorin ihr Gespür für die Belange und innere Zerrissenheit verschiedenster Persönlichkeiten. Dagegen dreht sich die Rahmenhandlung zu oft im Kreis und schafft es erst gegen Ende ihr Potential zu entfalten und das permanente Betonen von Märits Schuld hinter sich zu lassen.

Es ist eine Achterbahnfahrt der Lesegefühle: Spannende Abschnitte im Wechsel mit stumpfen Passagen, beeindruckende Figurenzeichnungen gepaart mit zäher Gefühlsexegese. Bringt man es übers Leseherz, über die weniger interessanten Abschnitte hinwegzulesen, bleibt eine bedrückend traurige, aber wichtige Geschichte, welche einen relevanten Beitrag zur Aufarbeitung einer oftmals übersehenen schwarzen Episode westlicher Medizingeschichte leistet. Warum aber ausgerechnet Koi-Fische auf das Cover gesetzt wurden, wird wohl ein Geheimnis bleiben.

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