Hier ist noch alles möglich

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Aufbau Verlag, 2018, Seiten: 192, Originalsprache

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Lisa Reim
Der Wolf als Metapher

Buch-Rezension von Lisa Reim Nov 2018

Eine namenlose Fabrik in einem namenlosen Ort mit einer namenloser Protagonistin, die auf der Suche nach sich selbst ist: Gianna Molinari, Gewinnerin des 3sat-Preises des Ingeborg Bachmann Wettbewerbs, schließt sich mit ihrem Debüt dem aktuellen Trend der Selbstfindungs-Romane an. In diesem Fall begleiten die Leser eine junge Ich-Erzählerin, die einen Job als Nachtwächterin einer Fabrik antritt. In jener Fabrik arbeitet man jedoch bereits dem Ende entgegen, sie soll bald geschlossen werden. Aber dann macht sich innerhalb dieser Endzeitstimmung Aufregung breit: Der Koch behauptet auf dem Gelände einen Wolf gesehen zu haben. Doch nicht nur die Suche nach dem tierischen Eindringling lockert den ansonsten langweiligen Job der Nachtwächterin auf. Auch der rätselhafte Fall eines Flüchtlings, der aus einem Flugzeug auf das Fabrikgelände fiel, lässt sie bald nicht mehr los.

Das eingezäunte Fabrikgelände entpuppt sich schnell als metaphorisches Abbild unserer Welt, in das Molinari ein minimalistisches Figurenensemble gesetzt hat. Doch die Zäune haben Löcher, durch die der unberechenbare Eindringling in Form eines Wolfes in die zwar geordnete, jedoch zerfallende Ordnung vorstößt. Dieses „Etwas“, von dem bis zum Schluss nicht eindeutig klar ist, ob es wirklich existiert, gilt es zu fangen, unschädlich zu machen, wegzusperren, obwohl von ihm keinerlei Gefahr auszugehen scheint. Darüber hinaus findet sich der unbekannte Flüchtling, dessen Leben auf dem weitläufigen Gelände ein vorschnelles Ende findet (man beachte den symbolträchtigen Flughafen, der sich direkt neben der eingezäunten Fabrik befindet). Identitätslos, ohne jede Geschichte, verkörpert dieser Flüchtling das große Unbekannte, das Tragische, das (beinahe!) unbeobachtet und scheinbar willkürlich die wohlbehüteten Grenzen durchbricht und die Menschen mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert.

Ein interpretatorisch vielschichtiges Werk, das bestimmt bald Einzug in die schulischen Lehrpläne finden wird. Tatsächlich bieten Setting und Figuren reichlich Potential, gerade weil der Text vieles ungesagt und die Leerstellen für sich sprechen lässt. So wird die Jagd nach dem Wolf und die Aufklärung des Schicksals des verstorbenen Flüchtlings zu einer Suche nach dem Selbst, dem Sinn des Lebens und zu einem Versuch, die Einsamkeit zu füllen, die durch die mühsam aufgebauten Grenzen erst entstand.

Nun ist offensichtlich, dass eine solche Geschichte nicht einfach nur erzählt werden kann. Die Sprache selbst wird zum tragenden Teil der Geschichte, soll die Leere der Figuren und ihrer Umgebung verdeutlichen. Molinari versucht dies mithilfe von Wortwiederholungen, aneinandergereihten Hauptsätzen und emotionslosen Darstellungen. Hinzu kommt die in der gehobenen Gegenwartsliteratur beinahe schon obligatorische Vermeidung von direkter Rede. Das Ergebnis ist ein niederschmetternd nüchterner Text, der angenehmerweise nicht ganz 200 Seiten umfasst.

Hier ist also noch alles möglich: Nicht nur in der leeren Welt der Figuren, sondern auch im minimalistisch gehaltenen Text. Eine Geschichte über die alles durchdringende Leere unserer Gesellschaft ist bestimmt nicht die passendste Lektüre für den Sommer. Ob man sich auf dieses schwerfällige Büchlein einlassen will und kann, muss jeder selber stimmungsabhängig entscheiden.

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