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Sebastian Riemann
Ein grandioses Ensemble

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Sep 2018

Wer die Erzählungen von George Saunders kennt, ist mit einem Höchstmaß an Kreativität und Stilsicherheit vertraut. Sie sind bis ins letzte Detail durchdacht, entführen den Leser in kürzester Zeit in eine kleine, abgeschlossene Welt und berichten von einer Unglaublichkeit im alltäglichen Zusammenleben, die unter die Haut geht. Dabei bauen sie ungezwungen und geradezu geräuschlos Spannung und Atmosphäre auf, schlingen ihre unsichtbaren Arme um den Geist des Lesers. Am Ende muss man durchatmen wie nach einem Tauchgang, bei dem man die Entfernungen falsch eingeschätzt hat. Wer George Saunders gelesen hat, kommt nicht mehr von ihm los, sein Talent, Geschichten zu erzählen und Charaktere lebendig zu gestalten, ist unübertroffen. Er ist der König der Erzählungen in unserer Zeit.

Nun hat Saunders einen Roman vorgelegt, seinen ersten. Natürlich erwartet seine Leserschaft auch in diesem Fall nur das Beste vom Besten, will so gut wie bei seinen Erzählungen unterhalten werden. Eine Probezeit zum Romanschreiben gibt es nicht. Wer im Rampenlicht steht, muss sofort liefern und begeistern, das gilt auch für Saunders.

Das Risiko und die Erwartungen waren sehr hoch. Ein Erfolg würde wohl Saunders den Romanautoren hervorbringen und als übergroße Figur im Literaturbereich installieren. Ein Misserfolg hingegen hätte den ersten Versuch als Zeugnis seiner Unfähigkeit genommen. Man hätte ihm geraten, bei seinen Erzählungen zu bleiben und das Schreiben von Romanen den Kennern und Könnern zu überlassen. Er hätte sich geschlagen geben und zurückziehen müssen. Auf einem abgemagerten Gaul hätte er den Rückzug antreten, hätte die Weiten der Romanlandschaft aufgeben müssen, wie Napoleon die unfassbare Größe des russischen Zarenreiches als Niederlage hinnehmen musste.

Aber natürlich ist Saunders mit seinem ersten Roman ein Meisterwerk, ein leichter, unbeschwerter Geniestreich gelungen. Er hat seine Kunst auf das große Format übertragen und dabei geglänzt wie eh und je. Ein besonderes Stück Literatur, das sofort von allen Seiten gelobt und mit Preisen bedacht wurde. Ein voller Erfolg und eine weitere Krone, die nun auf George Saunders Kopf sitzt.

Die Handlung des Buches ist schnell erzählt. Willie Lincoln, Sohn des legendären US Präsidenten, stirbt an einer Erkrankung, die er sich bei kaltem Wetter zuzog. Er wird ins Bett gesteckt und soll sich erholen. Aber der Junge hat kein Glück, das Fieber ergreift ihn und ringt ihn über die nächsten Tage nieder. Der Vater ist untröstlich, kann das Ableben seines geliebten Sohnes weder fassen noch ertragen. Obwohl er sich bewusst ist, dass sein Handeln ungewöhnlich und merkwürdig anmuten muss, besucht er das Grab des kleinen Willie, zieht den Körper aus dem Sarg und hält ihn in seinen Armen, um ihm noch einmal nahe zu sein.

Abraham Lincoln ist zu dieser Zeit amtierender US Präsident und bestimmt über das Wohl einer Nation, die sich im Krieg befindet. Täglich sterben junge Männer auf den Schlachtfeldern, sowohl auf Seiten der Nordstaaten als auch auf der Seite der Südstaaten Konföderation. Es gibt viele Stimmen, die an ihm und seiner Führungsqualität zweifeln. Als er seinen Sohn verliert, kommen Sorgen auf, ob er den großen Herausforderungen seiner Zeit gewachsen sei, während der persönliche Rückschlag ihn offensichtlich stark mitgenommen hat. Abraham Lincoln wirkt kraftlos, aber das Land sucht nur Stärke in jenen kriegerischen Zeiten.

Das Buch befasst sich jedoch nur nebenbei mit den historischen Ereignissen. Vielmehr verfolgt es Willie Lincoln nach seinem Tod. Der Junge gelangt in eine Zwischenwelt, die auf das Ableben folgt, aber noch nicht das Jenseits darstellt. Es ist ein Schwebezustand: Noch nicht gänzlich vergangen, noch nicht im Totenreich angekommen. Im tibetanischen Buddhismus wird dieser Zustand als Bardo bezeichnet.

Dort verweilt der kleine Willie Lincoln, weil er noch nicht bereit ist, loszulassen. Die Bindung an seinen Vater ist sehr stark, er will sich von ihm nicht trennen. Da auch Vater Lincoln sich nicht richtig vom verstorbenen Sohn lossagen kann, bleibt dessen Geist im Bardo vorerst gefangen.

Das Besondere sind die Erzählstimmen im Buch. Saunders hat bei seinem ersten Roman einfach alle Konventionen über den Haufen geworfen und ein ganzes Ensemble an Erzählern angestellt, damit sie den Leser unterhalten. Es gibt nicht einen Erzähler, der in gleichbleibendem Ton die Ereignisse wiedergibt und kommentiert, sondern eine große Vielzahl an Stimmen, die von der Welt der Lebenden, aber auch von den Geschehnissen im Bardo berichten. Von den historischen Begebenheiten erzählen (vermeintlich) historische Quellen, aus der Welt der Halbtoten hört man die Geister sprechen. Und dabei geht es drunter und drüber, einer fällt dem anderen ins Wort, widerspricht ihm, empört sich über das Gesagte. Es wird geflucht, gejammert, gebettelt und geschrien. Saunders ist ein Genie, so lebendig wurde noch keine Geschichte erzählt. Man hat das Gefühl alten Freunden beim Erzählen gegenüberzustehen. In wildem Durcheinander berichten sie, was ihnen neulich passiert ist und was man nicht glauben wird. Nur in diesem Falle handelt es sich um Geister, die so wunderbar lebendig zu erzählen wissen.

George Saunders ist mit Lincoln im Bardo etwas außergewöhnliches gelungen. Eine scheinbar einfache, wenig spektakuläre Geschichte, die an einem Nicht-Ort stattfindet und von Geistern erzählt wird, dabei aber große US Geschichte verpackt und durch eine dynamische Vielstimmigkeit, wie man sie zuvor noch nicht gesehen hat, von Anfang an überzeugt. Saunders erster Roman ist phänomenal, ist nicht von dieser Welt.

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