Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Berlin: S. Fischer, 2018, Titel: 'Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt', Seiten: 160

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Sebastian Riemann
Er, sie, du und ich. Wir?

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Aug 2018

Christoph spioniert Lena nach. Er läuft ihr in Stockholm hinterher und beobachtet sie. Aus sicherer Entfernung. Ansprechen will er sie, doch vorerst wagt er es nicht. Es gewinnen die Zurückhaltung und die Nervosität, er begnügt sich damit, ein Auge auf sie zu werfen. Er darf nichts überstürzen. Denn Lena ist kein beliebiger Mensch für ihn. Er läuft ihr nicht nach, weil sie außergewöhnlich gutaussehend und auffällig ist. Seit Langem kennt er sie, sie ist ihm vertraut. Mit ihr ist er schmerzlich verbunden. Obwohl er sie noch nie zuvor gesehen hat. Erst am nächsten Tag fasst sich Christoph ein Herz, lässt Lena eine Nachricht zukommen und bittet sie um ein Treffen im Park. Er muss ihr etwas erzählen. Seine Geschichte. Ihre Geschichte. Eine gemeinsame, geteilte Geschichte, von der Lena jedoch nichts weiß.

Peter Stamm spielt gerne mit der Identität seiner Charaktere. Sie spiegeln sich, gehen ineinander über und scheinen eins zu werden. So auch im neuen, vorliegenden Roman. Es wird die Geschichte von Christoph erzählt, der mit Magdalena glückliche Jahre verlebt hatte, bevor sich beide trennten. Damals war die Trennung mit viel Schmerzen für Christoph verbunden. Aber auch mit einer Möglichkeit, sich ganz dem Dasein und Schaffen als Schriftsteller widmen zu können. Es war ein Tausch von Glückseligkeit gegen künstlerische Berufung. Den Menschen, den er liebte wie niemanden zuvor oder danach, gab er auf und stürzte sich in sein Romanprojekt. Natürlich war Magdalena die zentrale Figur in seinem Buch. Die Liebe zu ihr war das wichtigste Ereignis in seinem Leben. Als Christoph Lena trifft, will er ihr seine Geschichte erzählen, denn Lena ist auch Magdalena. Sie befindet sich in einer Beziehung zu einem jungen Mann, der Christoph ist, nur jünger. Um den Fehler, den er damals für das Wohl seiner Tätigkeit als Schriftsteller beging, zu vermeiden, redet Christoph Lena ins Gewissen. Das junge Paar solle nicht denselben Fehler machen wie das junge Paar, das Christoph und seine Magdalena damals waren. Zurecht schaut Lena verdutzt und hinterfragt die abstruse Geschichte, die ihr Christoph erzählt. Schließlich will er ausdrücken, dass ihr Leben nur die Kopie eines anderen Lebens ist, ihr Freund nur eine Wiederholung von Christoph, dem Mann, den sie bis vor Kurzem noch nicht kannte.

Aufmerksam auf sein Double wurde Christoph als er zu einer Lesung in seine Heimatstadt eingeladen wurde. Vor kleinem Publikum las er aus seinem Roman, in dem er die Zeit mit seiner Magdalena verarbeitet hatte, danach ging er mit dem Veranstalter noch trinken. Die Sinne vom Alkohol leicht vernebelt kam er an seinem Hotel an. Dasselbe Hotel, in dem er früher zu Studentenzeiten gearbeitet hatte. Er klingelte, um dem Nachtwächter zu rufen, und staunte nicht schlecht, da der junge Mann, der sich zeigte und die Tür öffnete, ein Abbild seiner selbst war. Nur jünger. Ungefähr im gleichen Alter, in dem sich Christoph befand, da er selbst den Job als Nachtwächter im Hotel ausgeübt hatte. Natürlich kann das alles gar nicht sein. Christoph grübelt und will vernünftig an die Sache herangehen. Also folgt er dem Jüngeren. Er will sehen, ob dieser wirklich dasselbe Leben lebt, das er früher zu Studentenzeiten gelebt hatte. Zu seiner Verwunderung muss er feststellen, dass es sich genau so verhält. Der junge Student ist er selbst. In einer anderen Zeit.

Wie schwer wiegt die Liebe, wenn man bereits weiß, dass sie vergehen wird? Diese Frage muss sich Lena stellen, da ihr Christoph vom Ende seiner Beziehung mit Magdalena erzählt. Er sagt ihr voraus, wie sie selbst und ihr Freund sich trennen werden, mögen sie auch noch so verliebt sein und die gemeinsamen Momente genießen. Das Ende naht. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aber es gäbe auch Abweichungen, entgegnete Lena. Ja, die gäbe es auch.

Peter Stamms Doppelgängergeschichte bietet viel Unterhaltung und erhabenen Lesegenuss. Der Autor erzählt mit viel Finesse vom wiederholten Leben, stellt Fragen nach Einzigartigkeit und wahrer Liebe, die zum Nachdenken und Sympathisieren einladen. Dabei geschieht recht wenig, die Handlung ist knapp gefasst und wenig spektakulär. Sie soll nicht ablenken vom philosophischen Reflektieren, vom schönen Gedankenspiel um Christoph und Lena.

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

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