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Monika Wenger

Buch-Rezension von Monika Wenger Aug 2018

Willa Drake ist ein Gutmensch. Immer hilfsbereit und doch zurückhaltend, aber stets auch an sich zweifelnd. Sie muss nicht im Mittelpunkt stehen. Ihre Kindheit ist geprägt durch das Verhalten der labilen Mutter, welche manchmal einfach verschwindet und durch die unerschütterliche Sanftmut ihres Vaters, der sämtliche Launen seiner Frau zu tolerieren scheint. Verstörende Erfahrungen für die beiden Töchter. Willa und ihre Schwester Elaine lernen, dass schweigen besser ist als reden. Angepasst sein erleichtert und vereinfacht ihr Leben enorm.

Anne Tyler erzählt Willa’s Geschichte in verschiedenen Lebensabschnitten. In allen Phasen ihres Lebens passt sich Willa immer wieder den Umständen an. Das Verhaltensmuster, welches sie sich als Kind angeeignet hat, bestimmt ihr Leben. Stets freundlich, hilfsbereit und immer ihre Bedürfnisse hinten anstellend.

1967: Willa ist gerade elf Jahre alt. Ihr Leben ist fokussiert auf ihre Mutter und deren unberechenbares Verhalten. Immer wieder verschwindet die Mutter für unbestimmte Zeit und wenn sie dann wieder zurückkommt, ist sie überschwänglich, überbesorgt und überfürsorglich. Der Vater nimmt sämtliche Launen seiner Frau in Kauf und scheint dem allem nichts entgegensetzen zu können. So wachsen die beiden Mädchen in einer Welt auf, wo alles vom Angepasstsein abhängt. Jedes Aufbegehren könnte den Zorn der Mutter nach sich ziehen und ungeahnte Folgen haben.

1977: Willa ist mittlerweile einundzwanzig Jahre alt. Sie studiert am College im dritten Jahr. Ihr Freund Derek möchte unbedingt ihre Eltern kennenlernen. Auf dem Flughafen erwähnt er beiläufig, dass er bei ihren Eltern um ihre Hand anhalten möchte. Willa ist überrascht und überrumpelt. Nähme sie den Antrag an, würde sich ihr Traum, Sprache und Literatur zu studieren, in Luft auflösen. Doch Derek drängt auf eine rasche Hochzeit, da sein Job schon in zwei Monaten beginnt. Willa ist hin- und hergerissen.

1997: Willa ist inzwischen mit Derek verheiratet und Mutter von zwei fast erwachsenen Söhnen. Auf dem Weg zu einer Party, während eines Streits wegen Ian, dem jüngeren Sohn, verursacht Derek einen Unfall und kommt dabei ums Leben. Willa fühlt sich schuldig und macht sich grosse Vorwürfe. Sie versucht, mit dem Leben als Witwe zurechtzukommen und ihren Söhnen eine gute Mutter zu sein. Doch das Verhältnis ist distanziert und eine enge Bindung scheint nicht möglich. Die beiden jungen Männer ziehen von zu Hause weg und halten wenig Kontakt zu ihrer Mutter.

2017: Willa hat noch einmal geheiratet und lebt mit ihrem zweiten Ehemann in Arizona. Peter spielt leidenschaftlich gerne Golf. Aus diesem Grund sind die Beiden in eine Golfsiedlung ausserhalb von Tucson gezogen. Ihren Job als Lehrerin musste sie wegen des Umzuges aufgeben. Die Tage ziehen sich nun, so ohne eine Aufgabe, endlos hin.

Eines Tages erhält Willa einen Anruf aus Baltimore. Die Nachbarin von Denise, einer Ex-Freundin ihres Sohnes Sean, ruft an und bittet sie um Hilfe. Denise ist angeschossen worden und liegt im Krankenhaus. Jemand muss sich um ihre kleine Tochter kümmern. Obwohl Willa nicht die Grossmutter ist, entschliesst sie sich, nach Baltimore zu fliegen und zu helfen. Sie trifft auf ein ihr absolut unbekanntes Milieu. Eigenwillige, ja exzentrische Nachbarn, eigenartige Lebensweisen. Alles scheint ein wenig verrückt und ohne Plan zu sein. Willa taucht ein in diese Welt. Der vorerst kurze Aufenthalt wird länger und länger. Peter drängt seine Frau, nach Hause zu kommen. Er besteht darauf, Willa in seiner Nähe zu haben. Also bucht sie einen Rückflug – und beginnt zu zweifeln.

Anne Tyler erzählt viele alltägliche Details aus dem Zusammenleben ihrer Figuren mit einem unglaublichen Blick und Gespür. Die Geschichte ist unaufgeregt und doch berührend, denn manch einer findet sich darin wieder. Mit viel Witz und Humor nimmt sie den täglichen kleinen Familientragödien die Spitze.

Anne Tyler wuchs in North Carolina auf und studierte an der Duke und der Columbia University Slawistik. Seit 1965 veröffentlicht sie vorwiegend Romane, die das Schicksal verschiedener Protagonisten in wechselnden Perspektiven von erzählerischer Nähe bis hin zu psychologisierendem Fernblick thematisieren.

Launen der Zeit

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