Der große Wahn

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • New York: Vintage, 2016, Titel: 'Where My Heart Used to Beat', Seiten: 336, Originalsprache
  • Hamburg: Mare, 2017, Seiten: 432, Übersetzt: Jochen Schimmang

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Sebastian Riemann
Die Unmenschlichkeit der Kriege, erinnert und verdrängt

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Mai 2018

Robert Hendricks widmet sein Leben dem Wohlsein der Anderen. Er hilft den hoffnungslosen Fällen, den Vergessenen und Ausgegrenzten. Als talentierter Psychologe hatte er die Möglichkeit, seine Arbeit und sein Wirken einem vielversprechendem Feld zu widmen, auf dem er sich einen Namen hätte machen und viel Geld verdienen können. Aber er entschied sich für die armen Seelen, denen niemand mehr eine Chance gab und für die sich scheinbar kein Aufwand mehr lohnte. Seine Patienten wurden in abgelegenen Krankenhäusern aufbewahrt und mit allerhand Medikamenten ruhiggestellt. Sie wurden sich selbst überlassen und den Tabletten. Mehr wusste man mit ihnen einfach nicht anzufangen. Doch Robert hatte Hoffnung, ihnen helfen zu können, indem er ihnen Aufmerksamkeit schenkt und zuhört. Er kam auf die verrückte Idee, seine Patienten ernst zu nehmen, und hatte damit durchaus Erfolg.

Privat aber ist er ist einsam und unglücklich. Kein erfolgreicher Mann. Er hat Probleme sich an jemanden zu binden und eine Beziehung einzugehen. Meistens bevorzugt er die kühle Distanz zu seinen Mitmenschen. Als seine Geliebte ihn verlässt, ist er unsicher, wie er sich fühlen soll. Vermissen wird er sie nicht, da sie für ihn nicht wichtig war. Zugleich aber empfindet er ihren Weggang als eine Niederlage und einen weiteren Schritt in Richtung ewige Einsamkeit, vor der er sich nicht zu retten weiß.

Sein arbeitsames Leben wird durcheinandergebracht, da er einen Brief von einem Neurologen erhält, der ihn zu einem Besuch einlädt und dabei in Aussicht stellt, Informationen über seinen Vater preiszugeben. Sogleich wird Robert aufgeschreckt, denn sein Vater ist für ihn eine trübe Gestalt, jemand, den er nicht zu fassen bekommt. Als Robert noch jung war, starb der Vater im Krieg. Seitdem schwebte er nur als Erinnerung über der Familiengeschichte. Der Neurologe Pereira kämpfte mit Roberts Vater im Krieg. Bei der Durchsicht seiner Aufzeichnungen und Tagebücher fand er Hinweise auf den alten Kameraden und entschied sich den Sohn zu kontaktieren. Zugleich interessiert sich Pereira für die Arbeit Roberts. Er sieht gewisse Parallelen zu seinem eigenen Schaffen.

Voller Erwartungen macht sich Robert auf den Weg zu einer kleinen Insel vor der französischen Mittelmeerküste, auf der Pereira zurückgezogen und ruhig den Herbst seines Lebens verbringt.

Robert kämpfte wie sein Vater als Soldat. Im zweiten Weltkrieg war er Teil eines Feldzugs in Italien, bei dem er verletzt wurde und an den er vorzugsweise nicht zurückdenkt. Überhaupt vermeidet er Erinnerungen an die Kriegszeit. Kontakt zu den ehemaligen Kameraden hält er nicht, auch wenn sie ihm damals lieb und teuer waren. Die damalige Zeit spielt in seinem Leben keine Rolle, weil er nicht möchte, dass sie Einfluss auf ihn nimmt. Erst im Austausch mit Pereira lässt er sich dazu verleiten, jene Jahre aufzubereiten, sich ihnen zu stellen und sie als Teil seiner Selbst zu akzeptieren. Was der Krieg mit ihm angestellt hat und was zuvor seinem Vater passierte, wird dabei vermischt und in Verbindung gebracht. Es zeigen sich beängstigende Ähnlichkeiten zwischen Vater und Sohn.

In dieser Geschichte über das Erinnern und das Verdrängen werden einzelne Schicksale aus den Jahren der Weltkriege gezeigt, aber auch ein Bild der Menschheit entworfen. Mehrmals weist Robert in seinen Gesprächen mit Pereira darauf hin, dass er das zwanzigste Jahrhundert mit seinen unvergleichlichen Kriegen für einen großen Wahn hält. Eine Nervenkrankheit der Menschheit, die nicht annähernd so gesund und zurechnungsfähig ist, wie sie sich gern darstellt. Während seine Patienten aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, weil sie verrückt und unheilbar sind, werden andere, die gemordet und unsagbares Leid verursacht haben, als normale Bürger akzeptiert, mitunter sogar verehrt für ihre Leistungen.

Der erste Weltkrieg wurde schon zu seiner Zeit als Wahnsinn und Albtraum wahrgenommen. Er unterschied sich grundlegend von den vorangegangenen kriegerischen Auseinandersetzungen. Nervengas wurde zum ersten Mal eingesetzt. Viele Soldaten ließen ihr Leben in den tief gegrabenen Schützengräben, in denen sie einen Großteil der Zeit verbrachten, während Artilleriefeuer über ihre Köpfe hinweg ging.

Wer für die entmenschlichten Kriegsszenen Bilder sucht, sei an das Werk von Otto Dix´ verwiesen, der sich der Darstellung der Zerstörung und des Wahns widmete. Seine vom Schmerz verzogenen Gesichter und die verwüsteten Landschaften, aber auch seine verstümmelten Kriegsveteranen sprechen die gleiche Sprache wie Robert Hendricks in Der große Wahn.

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