Paradies der falschen Vögel

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2017, Titel: 'Paradies der falschen Vögel', Seiten: 216, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Der Rembrandt Procegovinas

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Apr 2018

Ayax Mazyrka war der herausragende Maler seines procegovinischen Vaterlandes. Ein Nationalheld, der nicht nur als Künstler von größter Bedeutung war und alle anderen in den Schatten stellte, sondern auch als Exponent der patriotischen Gesinnung. Gern und oft malte Mazyrka den großen procegovinischen Helden und Kriegsherrn Szygmunt Musztar, wie er gegen die Feinde der Nation kämpfe, Invasoren und Eroberer abwehrte. Er griff den Mythos von Musztar auf und hob ihn noch weiter in den Himmel. Schenkte seinen Landsleuten Werke von unvergleichlicher Schönheit und unerschütterlichem Stolz.

Der beste Maler in der Geschichte Procegovinas malte den größten Helden und machte sich dadurch noch wichtiger für das Land, das ihm alles bedeutete und das ihn niemals vergessen sollte. So hatte es sich Onkel Robert ausgedacht. Zum eigenen Wohl und zum Wohl seiner zufälligen Wahlheimat Procegovina, die inmitten des Balkans liegt, eingeschlossen von verschiedenen anderen Ländern, die nicht weiter wichtig sind.

Als professioneller Kunstfälscher lebte Onkel Robert sehr gut. Aber erst in jenem merkwürdigen, kleinen Land Procegovina gelangte er zu wirklicher Größe. Er begnügte sich nicht mehr damit, den staatlichen Museen Fälschungen weltweit bekannter Maler zu verkaufen. Er schuf selbst einen Maler. Ayax Mazyrka, den procegovinischen Rembrandt. Onkel Robert entwarf den Mythos vom vaterlandsliebenden Ausnahmekünstler, der unerkannt und unbemerkt in der Provinz gelebt und gemalt hatte. Bis die Welt ihn zufällig entdeckte. In Gestalt von Onkel Robert, dem die Aufgabe zufiel, der Menschheit einen großen Maler zu präsentieren, von dem jedes namhafte Museum doch mindestens ein Werk in der Ausstellung haben musste, wenn es sich zur Kunstelite zählen wollte. Zugleich leistete er einen ungeheuren Beitrag zum procegovinischen Nationalstolz.

Wolfgang Hildesheimer schrieb (bereits 1953) einen höchst unterhaltsamen Fälscherroman, bei dem der Leser oft nicht weiß, in welchem Moment das spaßige Fantasieren des Autors beginnt und wann es endet. Unter bekannte Gemälde mischt er solche, die nur er kennt und bei denen man große Augen macht. Er verleitet und verwirrt. Mit großer Leichtigkeit, so wie Onkel Robert ohne große Mühen weiße Kaninchen und Ayax Mazyrka aus dem Hut zaubert, um den procegovinischen Kulturminister zu beglücken und sich selbst zu bereichern.

Monika Aichele illustrierte die Ausgabe der Edition Büchergilde und bewies dabei nicht nur ihr künstlerisches Können, sondern auch reichlich Sinn für Humor. Einunddreißig falsche Vögel hat sie beigesteuert und damit den Unterhaltungswert dieses grandiosen Buches noch weiter in die Höhe getrieben. Man lernt den Palmenschwanz (Ala inutilis palmiforma), den Spiegelkakadu (Histrio histrionicus), den Fontänenpfeifer (Fons fonticuli) und viele andere wortwitzige Paradiesvögel kennen, deren deutsche und lateinische Namen auflachen lassen, sobald man sie in Verbindung mit den Bildern setzt, die den jeweiligen Vogel bei seiner typischen Tätigkeit zeigen. Hinzu kommen – dabei muss man erneut lachen und freut sich umso mehr über dieses Buch – die im Anhang befindlichen Erklärungen zu den falschen Federwesen.

Über den Vogel auf dem Buchcover schreibt sie unter anderem:
„Im Volksmund wird der Zeppelinvogel auch Luftfisch genannt. Er ernährt sich von Luft und Liebe, von Schwermetallpartikeln und Flechten. Der Nachwuchs wird im Beutel an der Unterseite transportiert. Sein Antriebssystem ist noch wenig erforscht, möglicherweise dienen die filigranen Beine gleichzeitig als Antriebspropeller.“

Das Buch ist mit einem überaus schönen Einband versehen und wieder einmal ein Beleg für die herausragende, hingebungsvolle Arbeit im Hause der Edition Büchergilde, die jedem Literaturliebhaber uneingeschränkt zu empfehlen ist. Es in den Händen zu halten ist schon eine Freude, es zu lesen umso mehr.

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