Das Spinnennetz

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • München: dtv, 2004, Seiten: 128, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Leutnant Lohse ist zu allem bereit

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Mär 2018

Theodor Lohse ist nicht zufrieden. Wie so viele. Sie leiden unter der Armut, dem Hunger, der Aussichtslosigkeit und dem verlorenen Krieg. Fühlen sich betrogen und bedroht. Theodor muss sich als Hauslehrer verdingen, nachdem er im Krieg jemand war und zum Leutnant ernannt wurde. Die Arbeit gefällt ihm nicht. Bei einem reichen Juden muss er sein Brot verdienen, muss dessen Sohn unterrichten, während er lieber die Frau verführen würde. Aber er ist niemand und niemand interessiert sich für ihn. Daheim machen sie sich über ihn lustig und achten ihn nicht. Er flößt keinen Respekt ein. Muss zufrieden sein mit dem, was für ihn übrig bleibt.

Aber Theodor hat Ambitionen, will jemand werden. Auch wenn niemand an ihn glaubt. Nicht einmal Theodor glaubt an sich. Der Frust ist jedoch so groß, dass er ihn um jeden Preis überwinden will. Koste es, was es wolle. Er will nicht mehr der verlachte Hauslehrer sein, der sich nur mit den billigsten Flittchen vergnügen kann. Die Frau des reichen Juden will er haben und den Leuten bekannt sein. Sein Name soll Gewicht haben.

Das Schicksal will es so, dass Theodor den Prinzen Heinrich kennenlernt, sich bei ihm anbiedert und ihm sehr nahe kommt. Daraus ergibt sich dann eine Anstellung mit Spionageauftrag. Theodor soll die Feinde der Nation infiltrieren und sie zur Strecke bringen. Hauptsächlich Kommunisten oder solche, die sich nicht völlig der vaterländischen Macht verschreiben. Abweichler und Kritiker. Sie alle stehen im Weg der Wiedererstarkung Deutschlands. Voller Stolz und Euphorie stürzt sich Theodor in die neue Aufgabe, kündigt seine Arbeit als Hauslehrer und läuft fortan mit erhobenem Haupt durch die Straßen. Sein Dasein und Handeln hat Sinn erhalten. Er dient einer großen Sache und wird dadurch selbst größer und wichtiger.

Schnell macht sich Theodor verdient, liefert Ergebnisse und Verräter. Seine Name wird in den Zeitungen erwähnt. Er erhält Bonuszahlungen. Doch er will mehr und ist bereit, alles dafür zu tun. Aus den Schatten seiner Vorgesetzten will er treten, um im Licht der Helden zu stehen.

Joseph Roth schuf mit der Figur des Theodor Lohse ein Sinnbild der Generation von jungen Männern, die nach dem ersten und vor dem zweiten Weltkrieg zur Entfaltung kamen. Er ließ Theodor stellvertretend über die Juden und ihren Wohlstand schimpfen, ließ ihn Vorlesungen zur Rassentheorie hören, um seinen Zorn und seine Selbstgerechtigkeit anzufeuern. Tief saß der Wille zur Überwindung aller Erniedrigungen in der Brust Theodors und trieb ihn an, Feinde zu sehen und mit allen Mitteln zu bekämpfen. Macht um der Macht willen strebte er an und nahm ohne Zögern die Niederlage der Menschlichkeit in Kauf. Denn jedes Hindernis war nur geeignet seinen Anspruch und seine Wut zu steigern, niemals aber ihn zum Zweifeln und Reflektieren zu leiten. Sich selbst war er der nächste.

Das Spinnennetz war der erste Roman Joseph Roths und erschien 1923, also in dem Jahr, da Hitler, Ludendorff und andere in München einen Putschversuch unternahmen, um die verhasste Weimarer Republik zu stürzen und an ihrer Stelle eine nationalistische Diktatur zu errichten. Sie richteten sich dabei explizit gegen Juden und Marxisten, die sie als Lenker der Berliner Regierung und Antreiber volksfeindlicher Bewegungen sahen.

Verfasst ist Das Spinnennetz in kurzen, knappen und markant formulierten Sätzen. Roth verliert keine Zeit, spart sich jedes überflüssige Wort und schafft eine faktische Welt für Theodor Lohse, in der alles einfach und klar ist, es keine großen Überlegungen und Zweifel gibt. Militärisch könnte man den Stil nennen. Aber natürlich mischt sich Roths große Erzählkunst in den rigorosen Stil der Ordnung und Beherrschung. Er macht das Geschehen lebendig und anschaulich, verleiht ihm Schönheit und Brutalität.

Als Zeitzeugnis hat Das Spinnennetz großen Wert, jedoch sollte man seine literarischen Qualitäten nicht unterschätzen, denn schon in seinem ersten Werk zeigte sich Roth als starker und energischer Autor, schuf eine fesselnde Persönlichkeit, deren Geist faszinierend und schockierend zugleich ist.

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