Archiv der toten Seelen

  • Frankfurt am Main: Schöffling, 2016, Titel: 'Archiv der toten Seelen', Seiten: 336
Archiv der toten Seelen
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Sebastian Riemann
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Belletristik-Couch Rezension vonOkt 2017

Unglaublich und unterhaltsam

Die Stadt Maribor, im Norden Sloweniens an der Grenze zu Österreich gelegen, war im Jahr 2012 die Kulturhauptstadt Europas. Die Besucher konnten allerhand Veranstaltungen besuchen und sich unterhalten lassen. Womit sie jedoch nicht gerechnet hatten, war der geheime Angriff auf den großen Ork. Damit hatte niemand gerechnet, auch nicht der große Ork selbst. Es war ein überraschender Angriff, aber das musste er sein, um sich die Möglichkeit auf Erfolg zu wahren. Er brauchte das Überraschungselement, damit sein Opfer sich nicht erholen, neu formieren und wohl überlegt verteidigen konnte. Nur einmal im Leben hat man die Chance den großen Ork zu vernichten, diese geheimnisvolle Vereinigung, um deren Existenz die meisten Menschen nicht wissen, von der sie aber gelenkt und gesteuert werden.

Adam Bely stammt aus Maribor und zu den Feierlichkeiten im Jahr 2012 kehrt er wieder zurück in seine Stadt. Dabei wird er begleitet von einer Reporterin des ORF. So zumindest stellt er Rosa Portero vor, wenn sie sich zu zweit den Persönlichkeiten des Ortes präsentieren. Adam selbst ist den meisten Leuten bekannt, er engagierte sich früher beim Theater und hatte viele Freunde, die sich freuen ihn nach all den Jahren wiederzusehen. Eine Überraschung ist es für die meisten, dass sie Bely nach so langer Zeit plötzlich vor sich sehen und dazu in Begleitung einer Journalistin. Doch inmitten der zahlreichen Veranstaltungen bleibt kaum Zeit für weitere Fragen, jeder ist beschäftigt und so kümmert man sich nicht allzu sehr um Bely und Rosa. Die beiden drehen eine kurze Reportage für das österreichische Fernsehen, so wie es viele Reporter gibt, die sich für die Ereginisse in der Stadt interessieren. Eigentlich fallen sie nicht weiter auf. Aber dann kommt es zu einer Reihe seltsamer Vorfälle, die das Leben in der beschaulichen Stadt durcheinander bringen und für Unruhe sorgen. Wichtige Persönlichkeiten werden mit einem Mal wahnsinnig, sie kriechen auf dem Boden herum, lecken ihn ab, beißen andere Leute, springen wie wilde Affen umher.

Adam und Rosa sind nicht als Reporter unterwegs, das wird dem Leser sehr schnell klar. Sie sind in einer ganz anderen, in einer mystischen Mission unterwegs, die unmittelbar die Geschicke der Welt verändern und in die Geschichte der Menschheit eingreifen will. Nicht die Geschichte der Menschheit, die man zu kennen glaubt, sondern die wahre Geschichte, die jehnseits unserer Vorstellung liegt und weit über alles hinausgeht, was wir über unsere Existenz zu wissen glauben.

Ales Steger debüttierte als Romancier mit dem vorliegenden Buch, welches nun endlich auf Deutsch erhältlich ist und den Lesern ein ganz besonderes Erlebnis verschafft. Es ist voller überraschender Wendungen und fantastischer Geschichten, die sich auf ein fulminantes Ende zubewegen, das es in sich hat. Dabei vermischt Steger viele Genres, bringt Theater zusammen mit Verschwörungstheorien, Fantasy mit nüchterner Erzähltechnik. Das Ergebnis ist ein wildes Potpourri mit hohem Unterhaltungswert.

Adam Bely und Rosa Portero lernten sich unter sehr ungewöhnlichen Umständen kennen. Adam war Mitglied einer religiösen Bewegung, die vor extremen Handlungen nicht zurückschreckte, und Rosa gehörte zu einer Gruppe von Menschen, die von jener religiösen Bewegung als minderwertig eingestuft wurde. In einem blutigen Ritual sollte Adam dem Leben Rosas ein Ende bereiten und sich selbst in einen höheren Kreis erheben. Doch im entscheidenden Moment entschied sich Adam anders und rettete Rosa. Beide entflohen dem Ritual und widmeten sich fortan einem anderen Ziel, der Zerstörung des großen Ork.

Dem Leser bleiben bis zum Ende Zweifel bezüglich des großen Orks, da auch allen Charakteren im Buch entsprechende Zweifel bleiben. Was er ist oder aus wem er besteht, das sind die zentralen Rätsel des Buches, welche Adam und Rosa lösen wollen. Ihnen folgt der Leser und hadert mitunter an ihren Motivationen und Begründungen, die so abwegig und manchmal hilflos erscheinen.

Das Archiv der toten Seelen ist eine Seltenheit, daran besteht kein Zweifel. Wer unkonventionelle Literatur mag und sich gern überraschen lässt, wird hier fündig, kann sich amüsiert den Bauch halten, während er über die bizarren Wendungen im Buch lacht und dem großen Finale zugeht.

Archiv der toten Seelen

Aleš Šteger, Schöffling

Archiv der toten Seelen

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