Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • : Paul Zsolnay Verlag, 2017, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Schriller Jazz zur frohen Ausbeutung

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Okt 2017

In Stadtland regieren Gier und Lust. Nichts ist heilig und nichts ist sicher vor dem unbändigen Streben nach Geld und Sex. Alles wird ihm unterworfen. Verluste jeder Art werden in Kauf genommen, die Leute hintergehen einander und prügeln sich. Jeder noch so nichtige Anlass ist ihnen gut genug. Es gibt schlichtweg keine Grenzen, in denen sie sich bewegen müssen, da jeder die Grenzen überschreitet, Anstand und Moral für nichts aufgibt. Enthemmt kommen sie zusammen und prallen aufeinander. In Stadtland lebt jeder für sich, in ständigem Kampf mit den anderen und dem Leben. Es ist ein intensives Leben, das keine Erholung und Besinnlichkeit, sondern nur Raserei, schnelles Geld und wilde Lust bietet. Im Tram 83 konzentriert sich das Nachtleben von Stadtland, es ist der Ort, an dem sich alle Schichten der Gesellschaft treffen, sich ausnutzen und hassen, aber auch auf der Suche nach Zuneigung und Glück sind.

Auf den gemischten Toiletten ist immer Betrieb, die jungen Frauen werden nicht müde und die jungen Männer können ihnen nicht widerstehen. Jeder wird angesprochen und so lange bearbeitet, bis er nachgibt, seiner Lust nachgibt. Anstatt auf das Essen oder das nächste Bier zu warten, verschwinden sie kurz mit einem der Mädchen auf den Toiletten. Schnell und einfach. Aber manch einer verliebt sich dabei auch und wirft später sein ganzes Leben über den Haufen, gibt alles auf und will nur noch das fleischliche Glück mit der Frau seiner Träume erleben. Meistens aber geschieht nichts dergleichen, es gibt danach nur eine Einladung auf einen Grillspieß.

„Am Anfang war der Stein, und der Stein schuf den Besitz und der Besitz den Rausch, und im Rausch kamen Menschen, jedweder Gestalt, die schlugen Bahntrassen in den Fels, fertigten ein Leben aus Palmwein und erdachten zwischen Markt und Minen ein System.“

Der Beginn des Buches gibt den Rahmen vor, in dem sich das Spektakel des Tram 83 abspielt. Rohstoffe, fremdbestimmte Industrialisierung, Ausbeutung und ein neues Leben machen die Geschichte brisant und geben ihr Relevanz über die reine Unterhaltung hinaus. Stadtland liegt irgendwo in Afrika und überall in Afrika. Fremde Augen finden die Diamanten und bringen fremdes Geld, mit ihm kommt dann auch ein fremder Lebensstil. Die vorherigen Verhältnisse werden umgeworfen und zunichte gemacht, sie müssen dem Gewinnstreben weichen. Das menschliche Leid interessiert niemanden dabei, alle verlieren ihre Wurzeln und ihre Kultur. Das Zwischenmenschliche ist kein Maßstab mehr. Der Bergbau ist wild und ungestüm, mit den Steinen brechen die Menschen entzwei, zwischen ihnen wird ausgesiebt. Einzig der Protagonist des Buches, ein junger Schriftsteller, ist anders, er zeigt wenig Interesse an den leichten Mädchen und dem schnellen Geld im Bergbau, während um ihn herum der Wahnsinn immer schneller und größer wird. Für seine ungewöhnliche Haltung wird er geliebt und gehasst, wird umschmeichelt und zusammengeschlagen. Schließlich ist er ein Träumer, der mehr verspricht und sich nicht den Härten des Lebens in Stadtland stellt.

Die Musik im Tram 83 ist von besonderer Bedeutung. Scheinbar ohne Unterbrechung wird im Hintergrund Jazz, Salsa oder ein altes Revolutionslied gespielt. Doch ist die Musik mehr als nur ein Schmuck in der farbenfrohen Ausstattung des Tram 83. Die ganze Geschichte atmet Musik. Fiston Mwanza Mujila hat mit viel Geschick Rhythmus und Melodie zwischen die Zeilen gesteckt und bringt die Geschichte vom verträumten Schriftsteller und der postkolonialen Ausbeutung zum Klingen. Er macht aus dem Tram 83 einen Resonanzkörper, in dem die Stimmungen und Stimmen der Personen widerhallen und den Leser tiefer in den Zauber von Stadtland ziehen.

Wer den Autor einmal bei seiner Lese-Performance beobachten konnte, wird noch viel mehr Musik beim Lesen hören und die ungewöhnliche Energie spüren, die bei der Entstehung des Buches gewirkt haben muss. Dem kann und will man sich nicht entziehen.

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