Niagara Motel

Niagara Motel
Niagara Motel
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Kathrin Plett
711001

Belletristik-Couch Rezension vonJul 2017

Roadstory quer durch Amerika

Wie fühlt es sich an, ohne Vater aufzuwachsen, mit einer Mutter, die einen selbst mit 16 Jahren bekommen hat und den gemeinsamen Lebensunterhalt durch Tanzjobs, sprich „Strippen“ verdient? Klingt nicht so einfach, werden jetzt wahrscheinlich die meisten vermuten. Ist auch nicht so einfach, vor allem nicht, wenn die eigene Mutter an Narkolepsie erkrankt ist und beispielsweise beim Überqueren der Straße plötzlich einschlafen kann. Was beim Streiten noch ganz praktisch sein mag, ist hier auf jeden Fall lebensgefährlich. Noch komplizierter wird es, wenn die eigene Mutter einem einfach nicht verraten will, wie der eigene Vater heißt, wo er lebt und wie er aussieht. Und wenn man dann auch noch immer wieder umzieht und nie lange an einem Ort bleibt, dann kann man sich ungefähr vorstellen, wie der elfjährige Tucker lebt.

Wenn man Tucker Melone fragt, wo er geboren wurde, wird er „in einem Waschsalon in Paris, Ontario“ antworten. Mit seiner Mutter, der 27jährigen Gina, zieht er in Kanada von Stadt zu Stadt, denn Gina ist Stripperin und kann daher immer nur so lange an einem Ort bleiben, wie sie noch Kunden hat, die sie noch nicht kennen. Danach geht es mit dem Bus weiter. Neue Stadt, neue Schule für Tucker, neues Motel, in dem sie leben. Als Gina eines abends nicht zurückkehrt, ahnt Tucker schon, dass ihr etwas schlimmes zugestoßen ist und muss erfahren, dass sie im Krankenhaus liegt und sich die nächste Zeit nicht um ihn kümmern kann. So landet er im Jugendheim, wo er mit Abstand der jüngste Bewohner ist und es dementsprechend schwer hat. Zum Glück wohnt dort auch Meredith, sechzehn und schwanger, mit der er sich anfreundet. Gemeinsam machen sie sich auf die Reise in die USA, denn dort vermutet Tucker seinen Vater. Auf dem Highway Richtung Süden begegnen ihnen Glücksritter, Verrückte und Beladene. Und alle sind sie auf der Suche...

Ashley Little hat Creative Writing studiert, bevor sie begann, Romane für Jugendliche und Erwachsene zu schreiben. Ashley Little lebt im Okanagan Valley in British Columbia. Für ihr Werk wurde sie mit mehreren kanadischen Literaturpreisen ausgezeichnet.

In „Niagara Motel“ erzählt Ashley Little die Geschichte des kleinen Tucker, der unter nicht ganz einfachen Bedingungen aufwächst. Mit seiner narkoleptischen Mutter, um die er sich eigentlich mehr kümmern muss, als sich diese um ihn kümmert, zieht er durchs Land, sodass er für sein Alter schon sehr selbstständig und reflektiert ist. Die Autorin schreibt dabei aus der Perspektive ihres jungen Protagonisten, was dem Roman einen besonderen Charme verleiht. Es gelingt ihr gut, die kindlich-naive Seite Tuckers mit seiner Sicht auf das Leben und die Welt durchkommen zu lassen, was ihre Erzählung authentisch wirken lässt. In entsprechend einfacher Sprache, die zum Wortschatz und zum Ausdruck eines Kindes passt, erzählt sie, wie er seine Situation mit einer alleinerziehenden Mutter empfindet und wie sehr es ihn belastet, dass er seinen Vater weder kennt noch irgendetwas über ihn weiß. Einfühlsam und gefühlvoll erzählt Ashley Little, wie sich Tucker durchs Leben schlägt und auf die große Reise von Kanada bis nach Texas macht. Da die Geschichte immer wieder Überraschungen bereithält, bleibt die Story bis zum Ende spannend, da sich nicht vorhersehen lässt, wie der Schluss aussieht.

Alles in allem ein gelungener Roman, der durch seine besondere Perspektive und seine abwechslungsreiche Handlung überzeugen kann.

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