Das Leben wartet nicht

  • Diogenes
  • Erschienen: Januar 2017
  • Palermo: Sellerio Editore, 2014, Titel: 'L'ultimo arrivato', Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2017, Seiten: 304, Übersetzt: Maja Pflug
Das Leben wartet nicht
Das Leben wartet nicht
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Sebastian Riemann
82

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2017

Eine Kindheit wie ein Abenteuer und dann der Rest des Lebens

Pelleossa nannten sie ihn, da er nur aus Haut und Knochen bestand. So dünn war er. In der Gegend waren alle arm, vielen fehlte es am nötigsten, aber in seiner Familie fehlte meistens noch ein bisschen mehr. Zu essen hatten sie kaum, die Mutter strich ihm morgens eine Sardelle auf eine Scheibe Brot und sagte ihm, er solle es nicht wagen, die Küche noch einmal zu betreten. Ein Sardellenbrot am Tag musste reichen, mehr gab es schlichtweg nicht. Die restlichen Mahlzeiten musste er mit seinem Schulfreund zusammenklauen. Das waren die guten Zeiten seiner Kindheit. Wenigstens konnte er in die Schule gehen und etwas lernen, konnte dem Lehrer zuhören, seine Gedanken schweifen lassen. Dann aber erlitt die Mutter einen Schlaganfall und die wenigen Freuden kamen zu einem abrupten Ende. Der Junge musste die Schule verlassen und den Vater fortan als Hilfsarbeiter auf dem Land unterstützen. Es war harte Arbeit, die schlecht bezahlt wurde. Abends schlief er oft hungrig ein, die Zukunft sah düster aus. Der Vater redete immerzu auf ihn ein, dass er doch auswandern solle, sich einem der anderen Arbeiter anschließen und sich auf in den Norden machen sollte, um sich dort eine richtige Arbeit zu suchen. All das Elend wollte der Vater lieber allein ertragen, wollte seine Sorgen ertränken und beim Kartenspiel vergessen, ohne auf einen Sohn Rücksicht nehmen zu müssen. Für ihn war das Leben schon vorbei, er konnte nichts mehr gewinnen, keine Freude und keine Hoffnung.

Das Leben wartet nicht erzählt die Geschichte eines armen Jungen aus Süditalien, der, wie so viele seiner Generation, dem Elend entfloh und sich im Norden, in den Industriezentren des Landes, versuchte. Dort hält er sich mit Aushilfsarbeiten über Wasser und wartet darauf eine Festanstellung zu ergattern. Da er jedoch zu jung dafür ist, muss er sich zuerst mit wenig begnügen. Natürlich verliebt er sich in ein junges Mädchen, das ebenfalls auf der Suche nach Arbeit in den Norden kam. Die beiden schmieden zusammen Pläne, fahren zurück in ihre Heimatdörfer, um sich gegenseitig zu zeigen woher sie kommen, welcher Armut sie entspringen, und um sich trauen zu lassen. Zusammen wollen sie sich eine bessere Existenz im Norden aufbauen, wollen eine Familie gründen und ein einfaches, aber angenehmes Leben führen.

Marco Balzano erzählt eine beispielhafte Geschichte der Migration innerhalb Italiens. In Vorbereitung für das vorliegende Buch führte er mehrere Interviews mit Personen, die in den 1950er und 1960er Jahren aus dem Süden in den Norden auswanderten und ihm von den damaligen Ereignissen berichteten. Auf Grundlage des gesammelten Materials verfasste er Das Leben wartet nicht, in dem er diesen Personen und ihrem Schicksal ein kleines Denkmal setzt, er erinnert an ihre Entbehrungen und die Unannehmlichkeiten, die sie in ihren abwechslungsreichen Leben erfahren haben. Ein besonderes Augenmerk legt sein Buch auf den Vergleich von turbulenter Jugend und dem gesicherten, ruhigen Lebensabschnitt, der begann, da die jungen Arbeiter das fünfzehnte Lebensjahr vollendeten und endlich in Vollanstellung in einer Fabrik arbeiten konnten. Sie erhielten regelmäßig ihren Lohn, waren versichert und konnten einen Kredit aufnehmen, um sich ein kleines Haus oder eine Wohnung am Stadtrand zu kaufen. Die darauffolgenden Jahrzehnte verbrachten sie damit, den Kredit abzuzahlen und ihre Kinder großzuziehen. Es passierte nichts Aufregendes, sie führten ein normales und unspektakuläres Dasein. Im Vergleich zu ihrer Kindheit erscheinen diese Jahre langweilig und beliebig, es hätte das Leben von jedermann sein können, während Armut und die Auswanderung der frühen Jahre außergewöhnlich und aufregend waren. Das Leben lief ihnen davon, es wartete nicht auf sie, da sie jeden Morgen in die Fabrik gingen, ihre Arbeit erledigten, die Wochenenden mit der Familie verbrachten, sich um Rechnungen und die Zeugnisse der Kinder sorgten. Plötzlich waren sie alt und sie hatten nichts mehr vor sich, keine Ziele und keine Interessen.

Marco Balzano gibt ein ganzes Leben wieder, von der Kindheit bis zum höheren Alter, da der Protagonist schon Großvater ist und seine Zeit auf einer Parkbank verbringt. In mehreren Erzählsträngen berichtet er vom damals und vom heute, springt hin und her, um dem Ganzen mehr Abwechslung und Kontrastschärfe zu verleihen. Das Resultat ist unterhaltsam und sehr kurzweilig, auch wenn ihm an manchen Stellen die Tiefe und die Details fehlen, aber das kann man schlichtweg nicht erwarten von einem Buch, das sich einer Lebensgeschichte widmet und den Versuch unternimmt, einer Generation von Auswanderern gerecht zu werden.

Das Leben wartet nicht

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