Der Bahnhof von Plön

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Halle (Saale): Mitteldeutscher, 2016, Seiten: 400, Originalsprache

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81

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Sebastian Riemann
Wohin führt der Lotse?

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Apr 2017

Willenlos schleppt er sich durch die Stadt, um seinen neuen Auftrag anzunehmen. Treffpunkt und Uhrzeit wurden am Telefon geklärt. Ein japanisches Restaurant. Er darf sich gern etwas zu essen bestellen oder ein alkoholfreies Getränk. Lieber keinen Alkohol, er hat die Neigung, sich ohne Sinn und Maß zu betrinken, ganze Tage, ganze Wochen lang. Am liebsten wäre er auch zuhause geblieben, im Bett mit einer oder zwei Flaschen, dazu eine Packung Zigaretten. Aber der Anruf zwang ihn, sich aufzumachen, sich ins East Village zu begeben. Wenn das Telefon klingelt, hat er keine andere Wahl. Ein Auftrag ist ein Auftrag. Er macht, was man ihm sagt, Fragen stellt er selten. Fragen stellen ist nicht gern gesehen und damit hat er kein Problem. Fragen und Antworten versucht er aus dem Weg zu gehen. Entscheidungen werden ihm abgenommen, darüber ist er eigentlich froh, auch wenn es hin und wieder Impulse in ihm gibt, die ihn auffordern, sich nichts mehr gefallen zu lassen, sich zu erheben und sein eigener Herr zu sein. Aber zuerst muss er ins vereinbarte japanische Restaurant. Bestimmt kommt er wieder zu spät. Das gefällt den Auftraggebern nicht.

Der Lotse erteilt die Aufträge. Der Lotse sagt, was zu tun ist und wo es langgeht. Er ist Teil einer Gemeinschaft, die sich vom Rest der Menschheit unterscheidet und zu der auch der willenlose Protagonist gehört. Der Lotse kennt den Weg, er ist der Navigator für diese Gemeinschaft, die sich inmitten der normalen Menschen wie ein bedrohlicher Fremdkörper bewegt. Ohne seine Kenntnis wären sie verloren. Deshalb erteilt er die Aufträge. Vertrauen in seine Fähigkeiten und sein Wissen ist Voraussetzung. Er wird sie zurückführen in einen besseren, wunderbaren Urzustand, so wie es früher einmal war, als alles seine Ordnung hatte und die Ereignisse der Welt noch Sinn machten. Der Lotse leitet und führt, von seinen Gefolgsleuten erwartet er bedingungslose Ergebenheit, keine Fragen. Wenn der Lotse einen Auftrag erteilt, wird er Auftrag ausgeführt.

Ein Berg Leichen in einem Hotelzimmer. Das ist der neue Auftrag für den Protagonisten des Buches. Halb verweste Leichen, aus denen die Maden kriechen und über denen eine Schar Fliegen ihre Runden dreht. Widerlich und abstoßend. Doch gibt es keine Alternative. Die Leichen müssen bewegt werden, müssen an einen anderen Ort. Er, der Protagonist, wird damit beauftragt. Fragen stellt er keine. Sein größtes Problem sind seine Schuhe, die bei der Arbeit dreckig werden. Er will ein neues Paar haben. Die alten sind nicht mehr zu gebrauchen, sind hinüber infolge der Arbeit. Also will er ein neues Paar. Schuhe, meint er, gehören zu seiner Arbeitskleidung, deshalb hat er Anspruch auf sie. Ansonsten will er nicht viel. Bei der Erledigung des Auftrags muss er sich nicht um seine Verpflegung kümmern, das macht die Organisation. Das Essen ist ausgezeichnet. Wenn die Arbeit, das Bewegen des Leichenberges, erst mal erledigt ist, wird er das gute Essen vermissen. Die Leichen sind schwer und stinken bestialisch, jeden Abend kommt er erschöpft nach Hause, betrinkt sich, raucht und schläft einen tiefen, dunklen Schlaf.

Was macht den Lotsen und die Gemeinschaft, die er anführt und die er leiten soll, so außergewöhnlich? Sie leben im Untergrund, sind eine eingeschworene Gruppe, die sich gut kennt. Neben den alltäglichen Menschen bewegen sie sich durch die Straßen, kaufen sich einen Kaffee zum Mitnehmen und ein Stück Kuchen. Aber sie arbeiten nicht in Büros, beziehen kein Gehalt am Ende des Monats, mit dem sie die Miete bezahlen, vielleicht einen kurzen Urlaub an der Ostsee bezahlen. In einer versteckten Parallelwelt gehen sie ihren Beschäftigungen nach, führen ihre Aufträge aus. Wohin das führen soll, wird nur schwer und langsam ersichtlich. Es ist der Weg zurück in eine gelobte Vergangenheit.

Der Bahnhof von Plön ist keine leichte Literatur, kein sorgenfreier Zeitvertreib. Das Buch ist schwer und bizarr, es wirft viele Fragen auf und gibt nur wenige Antworten. Die Atmosphäre ist düster, das Leben im Buch zersetzt sich unaufhörlich, die Maden und Fliegen des Leichenberges vermehren sich vergnügt. Wohin die Reise geht, lässt sich nur schwer sagen, schnell entwickelt man dem Lotsen gegenüber ein Misstrauen und zweifelt an seinem Anspruch. Erklärend schaut der Protagonist in regelmäßigen Abständen auf seine Kindheit, in denen sein Vater und die Welt wunderbar waren, wie in einem Märchen mit dem Vater als Herrscher eines Königreiches. Doch erklären diese Kindheitserinnerungen dann doch nicht so viel, tragen mitunter noch zum Mysterium des Buches bei, das sich aus fantastischen Auswüchsen in die Vergangenheit und in die Zukunft nährt.

Die vielen blinden Stellen regen den Leser an, sie zu füllen, dem Ganzen eine Struktur und einen Sinn zu geben. Manchmal fühlt er sich dabei verloren, manchmal glaubt er sich in eine mysteriöse Welt voller Rätsel entführt. Es ist ein anregendes Buch, in dem alte Gräber auf ungeahnte Tiefen verweisen.

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Letzte Kommentare:
17.11.2020 20:10:23
Andrea Ring

Nein, Christopher Ecker hat keinen Provinzkrimi geschrieben: "Der Bahnhof von Plön" beginnt in einem preiswerten Hotel in New York, das der Autor kennt: "Dieses Hotel war ein offenbar noch benutztes Laufhaus (Bordell, Anm. d. Redaktion). Ich wohnte in einem Zimmer ohne Fenster mit nur einer Dachluke, die Tür schloss nicht richtig, die Gänge waren ganz eng, und ich hatte auf einmal das Gefühl, das ist eigentlich das Setting für eine Geschichte." William S. Burroughs und John Coltrane sollen da verkehrt haben. Der Serienmörder Joel Rifkin hat hier seine Opfer aus dem Drogen- und Prostituiertenmilieu gesucht: "Und da entstand plötzlich die Idee, dass eine Person Leichen transportieren soll."
Dem surrealen Leichentransport über drei Etagen stellt der Ich-Erzähler ein wiederkehrendes Motiv voran: das Bild vom paralysierten Meerschweinchen, dem er als Kind sein Häuschen weggenommen hat. "Der Ich-Erzähler sieht sich nämlich in allem, was er tut, als Opfer. Ob das jetzt berechtigt ist oder nicht, das sei mal dahingestellt", erklärt Christopher Ecker und weckt zugleich Zweifel. Ein Verfahren, das den Roman durchzieht.
Ominöse Mächte, verkörpert in einer unsympathischen Figur, die der Erzähler den Lotsen nennt, haben den absurden Auftrag erteilt. Wie er ihn ausführt, beschreibt Ecker so minutiös wie ein literarisches Splattermovie: "Ja, aber das ist eklig. Ich versuche das nicht zu beschönigen."

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