Ich verkaufe dir einen Hund

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Editorial Anagrama, 2015, Titel: 'Te vendo un perro', Originalsprache
  • Berlin: Berenberg, 2016, Seiten: 256, Übersetzt: Carsten Regling

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Sebastian Riemann
Altwerden, Bier trinken und keine Romane lesen

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Feb 2017

In einem alten Mietshaus in Mexiko-Stadt leben mehrere Rentner und Pensionäre, die sich ihre Zeit mit der Lektüre hochtrabender Literatur vertreiben. Sie sitzen im Treppenhaus auf billigen Plastikstühlen, auf denen das Logo einer großen Bierbrauerei zu erkennen ist, und lesen gemeinsam in Büchern, die so groß und schwer sind, dass sie kaum bewegt werden können. Es handelt sich um einen Klassiker der mexikanischen Literatur, den Palinurus von Fernando del Paso, ein richtig dicker Schinken. In ihm lesen sie tagein und tagaus. Die Leiterin dieses selbsternannten Literaturkreises ist Francesca, eine schon ältere Frau, die aber noch über viel Energie und Willenskraft verfügt, weshalb ihr auch niemand im Literaturkreis zu widersprechen wagt. Sie ist die Herrscherin der Alten und auch des Hauses, denn außer den Lesern wohnt niemand im Haus. So zumindest war es, bis eines Tages ein alter Mann einzieht, der sich vehement den Verlockungen der häuslichen Leseroutine verweigert. Er lese keine Romane, erwidert er auf Nachfragen und stößt damit alle anderen Hausbewohner vor den Kopf. Viel lieber verbringt er seine Zeit in der Bar um die Ecke oder beim Gemüseladen, wo es auch immer ein kühles Bier für ihn gibt.

Zuerst dachten sie, der Neue sei Künstler. Schließlich hatte er eine Staffelei dabei, als er einzog. Aber diese gehörte früher einmal seinem Vater, er selbst male schon lange nicht mehr und sei wirklich kein Künstler, sondern einfach nur Rentner. Früher war er auch kein Künstler gewesen, früher habe er Tacos verkauft. Jeden Abend stand er an seinem Straßenstand, servierte dutzenden und hunderten Kunden ihre Tortillas mit Fleisch und Chilisoße gefüllt. Ein unaufgeregtes Leben, ohne Glanz und Feuerwerk, vielmehr das ordinärste Leben, das man sich in Mexiko-Stadt vorstellen kann. Ein Tacoverkäufer ist kein Künstler, ist das Gegenteil von einem Künstler, im besten Fall - und natürlich handelt es sich hier um einen besten Fall - ein früh gescheiterter Künstler, also jemand, der einmal Ambitionen und schöne Ideen hatte, sich an der berühmten Kunstschule La Esmeralda einschrieb, um das hohe Handwerk der Malerei zu erlernen, dann aber alles aufgeben musste und sich notgedrungen den Tacos als Broterwerb zuwandte. Tacos sind das einfache Brot Mexikos, ein Tacoverkäufer ist ein Beliebiger ohne herausragendes Leben.
Einfach und nüchtern ist der Protagonist, ein simpler, gotteslästerlicher und meist angetrunkener Mann im fortgeschrittenen Alter. Sein einziges Vorhaben ist das genüssliche Altern, mehr will er vom Leben nicht, da er zusammen mit all den anderen Rentnern in diesem Haus in Mexiko-Stadt lebt. Aber natürlich kommt alles anders und der alte Mann muss sich dann doch bewegen, muss sich mit dem Literaturzirkel auseinandersetzen, ob er will oder nicht, muss sich in die Angelegenheiten anderer einmischen, da sie sich in seine Angelegenheiten einmischen. Zwischendurch trinkt er so viel Bier, wie er nur kann und wie er bezahlen kann.

Die Eigenschaft des Protagonisten, die am meisten Aufmerksamkeit auf sich zieht und ihn im Verlauf des Buches doch zu einem Protagonisten werden lässt, ist seine Abneigung gegenüber Hunden. Er kann sie auf den Tod nicht ausstehen. Wenn er es bewerkstelligen könnte, würde er wohl alle Hunde, die seinen Weg kreuzen, vom Antlitz der Erde tilgen. Der Grund dafür ist recht einfach und liegt in seiner Kindheit - der zweiten Erzählebene im Roman -, da der Vater die Familie verließ, Frau und zwei Kinder, nachdem durch den Tod des Hundes seine Affäre mit einer anderen Frau aufgedeckt wurde. Später schaffte die Mutter einen neuen Hund und liebte ihn noch mehr als den ersten Hund, da nun kein Mann mehr im Haus war. Doch auch der neue Hund muss irgendwann sterben, so wie alle Hunde im Roman sterben müssen und sich einem unschönen Schicksal gegenüber sehen.

Juan Pablo Villalobos erzählt mit viel Leichtigkeit, seine Geschichte vom uninteressierten Alten ist so ruhig wie der genügsame Protagonist und doch gute Unterhaltung. Unkompliziert und mitunter simple hängt sich eine kleine Episode an die nächste und hat oft nichts anderes im Sinn als den Leser zu unterhalten und manchmal zum Schmunzeln zu bringen. Die Figuren, die sich um den Alten drehen, sind allesamt bizarr und bemerkenswert, sie sind es, die die Welt des Romans bewegen, ihm Schwung und Geschichten verleihen. Der Alte ist lediglich hineingeworfen und versucht das Beste aus allem zu machen. Das gelingt ihm gut, denn der Leser mag ihn und seinen mürrischen Ton.

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