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Sebastian Riemann
Die schönste Erinnerung

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jan 2017

Jane liegt nackt auf dem Bett in lasziver Pose. Draußen sind die Vögel zu hören und die Sonne strahlt, als wäre es Sommer. Ein schöner Tag Ende März, ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Jane verspürt keine Lust sich zu bewegen. Sagen will sie auch nichts, sondern nur zusehen. Das Zimmer betrachtet sie eingehend, da es das erste Mal ist, dass sie es zu sehen bekommt, und auch das letzte Mal. Viele Details prägt sie sich ein. Die silbernen Bilderrahmen der verstorbenen Brüder auf dem Tisch, die achtlos auf den Stuhl geworfene Hose und das große Fenster, durch das man die Einfahrt sehen kann. Kleinigkeiten, an denen sie sich festhält, um den Moment festzuhalten. Für sie ist es ein außergewöhnlicher, ein einzigartiger Moment, den sie niemals vergessen wird und den sie so weit wie möglich in die Länge ziehen möchte. Es wird ein Schatz in ihren Erinnerungen werden, ein Höhepunkt in ihrem Leben. Der junge Mann ihr gegenüber ist ebenfalls nackt, es ist sein Zimmer, das Haus seiner Familie. Auf seine Einladung war sie gekommen.

Paul wird in zwei Wochen eine junge Dame aus gutem Hause heiraten. Es ist eine Heirat zwischen zwei wohlhabenden und angesehenen Familien. Die Eltern kommen an diesem Sonntag zusammen, um sich besser kennenzulernen und über das bevorstehende Ereignis zu reden. Groß und teuer wird die Hochzeit werden, so wie es der Stand der Familien verlangt. Es gibt aber noch Kleinigkeiten, die man besprechen muss. Das künftige Brautpaar nimmt nicht an diesem Essen teil, da Paul vorgab, lernen zu müssen. Er wird als Anwalt arbeiten. Das zumindest behauptet er, aber bei Paul hat man Zweifel, ob er jemals arbeiten wird oder nicht vielmehr das ihm zustehende Geld und das Leben genießen wird. Mit seiner Braut ist Paul zum Essen verabredet, aber er lässt sie warten. Anstatt sich zu beeilen, um pünktlich mit seiner zukünftigen Frau zusammenzukommen, raucht er lieber noch eine Zigarette mit seiner Geliebten Jane. Er stellt den Aschenbecher auf ihren Bauch und betrachtet sie, wie sie nackt in seinem Bett liegt. Paul hat keine Eile. Es ist ein besonderer Tag auch für ihn, da muss die Braut warten.

Ein Festtag ist mehr als eine Liebesgeschichte. Eigentlich spielt die Liebe keine wesentliche Rolle, auch wenn es ein Brautpaar und eine Geliebte gibt. Paul zeigt wenig Interesse an seiner Braut, ihn beschäftigt vielmehr seine Kleidung als die Verabredung zum Essen mit ihr. Mit viel Ruhe geht er durch sein Zimmer, sucht ein Hemd und eine Krawatte aus, wirft hin und wieder einen Blick auf das Bett, in dem die nackte Jane in aufreizender Pose liegt. Doch auch an ihr liegt ihm nicht viel, er vergnügt sich mit ihr, weil es für ihn einfach ist und Spaß macht. Verbindlichkeiten ergeben sich daraus keine, denn Jane hat keinen Anspruch, weder auf ihn noch auf ein Leben, das sich mit dem Leben Pauls und seiner Familie vergleichen lässt. Sie ist nur ein Dienstmädchen.

Graham Swift hat Ein Festtag sehr klug aufgebaut und mit viel Feingefühl umgesetzt. Im Zentrum des kurzen Buches steht das letzte amouröse Zusammentreffen von Paul und Jane. Um diese Szene werden zum einen die Standesunterschiede arrangiert, zum anderen die Person Janes, die der Geschichte die Stimme gibt. Letztlich ist Jane viel mehr als nur ein Dienstmädchen, sie ist begabt und wissbegierig. Zur Überraschung ihres Arbeitgebers interessiert sie sich für die umfangreiche Bibliothek im Haus, die von den Familienmitgliedern nur selten benutzt wird. Sie bittet um Erlaubnis, sich Bücher auszuleihen, was durchaus für Verwunderung sorgt, denn eigentlich erwartet man nicht, dass ein Dienstmädchen derartige Absichten äußert.

Janes Interesse an der Welt, zu der sie nur beschränkten Zugang hat, findet seinen schönsten Ausdruck in den Minuten, da Paul sein Haus bereits verlassen hat und sie allein zurücklässt. Die neugierige Jane schreitet nackt und vorsichtig durch das große Gebäude, betrachtet mit Ruhe das Zeugnis des Wohlstands und des kultivierten Lebens. Sie gehört nicht in diese Räume, deshalb schwebt sie wie ein Geist hindurch und ist bemüht, keine verdächtigen Spuren zu hinterlassen. Zugleich ist ihr Interesse am privilegierten Lebensstil groß und lässt sie alles genau untersuchen. Mit Präzision beobachtet sie alles und hält es in ihrem Geist fest, als wüsste sie bereits, dass ein Unglück diese heile Welt bedroht.

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Letzte Kommentare:
02.08.2017 17:21:33
Helmut Hesse

Es ist ein Meisterwerk! Swift erweist sich hier als ein Sprachkünstler. Von dieser seiner Fähigkeit leben eigentlich alle seine Werke, aber "Festtag" und das frühe "Waterland " ragen für mich da noch heraus.
Die kurze Erzählung (140 Seiten) ist dicht und fesselnd erzählt und zugleich auch nüchtern. Es fehlt jeglicher Schwulst und emotionaler Bombast, wie es bei der Thematik und manch' anderem Autor nicht unüblich wäre.
Absolut lesenswet!!