Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016, Seiten: 224, Originalsprache

Couch-Wertung:

77
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Sebastian Riemann
Eine Zigarette zum Überlegen

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2016

Asta kommt auf dem Flughafen an, ihr Gepäck aber nicht. Das ist eigentlich kein größeres Problem, weil Asta zu diesem Zeitpunkt in ihrem Leben weitaus größere Probleme hat und sich um solche Lappalien keine Sorgen machen muss. Gepäck hin oder her, die Aussichten sind nicht besonders gut für sie. Sie macht also das, was am einfachsten ist und was sie vielleicht am besten kann, sie geht vor die Tür des Flughafens und kramt aus ihrer Tasche die Stange Zigaretten hervor, die sie im Duty Free Shop gekauft hat. Dann fängt sie an zu rauchen. Das ist es, was sie besonders gut kann und besonders genießt. Sie raucht nicht eine Zigarette und macht sich auf den Weg in die Stadt, sondern bleibt lange vor dem Gebäude des Terminals stehen und raucht eine Zigarette nach der anderen. Kettenraucherin ist Asta, das ist klar, aber darüber hinaus ist sie auch verzweifelt und gehörig entwurzelt. Wohin sie gehen soll, weiß sie nicht, auch deshalb bleibt sie vor der Drehtür des Terminals stehen und verbringt die Zeit damit, sich die Leute in ihrer Umgebung anzuschauen.

Allzu viel Glück hatte Asta in ihrem Leben nicht. Ihre Männergeschichten sind merkwürdig und enden meistens nicht gut für sie. Die Männer, an die sie sich hängt, wirken dabei uninteressiert und lassen Asta ohne viel Aufhebens hinter sich, so als wäre sie nie dagewesen. Sie bleibt zurück, allein und ohne Perspektive. Die Arbeit hingegen macht ihr mehr Freude, sie ist eine Konstante in ihrem sonst unruhigen und scheinbar ziellosen Leben. Als Krankenschwester ist sie auf der ganzen Welt im Einsatz, hilft Menschen, die sich eigentlich keinen Arztbesuch und keine teuren Medikamente leisten können. Im Rahmen sozialer Projekte geht sie ihrer Tätigkeit nach, weit weg von Deutschland, dort wo sie und ihre Fähigkeiten gebraucht werden.

Leidet Asta unter dem sogenannten Helfer-Syndrom? Dieser Frage wird im Buch ein nennenswerter Raum geschenkt. Es wird hin und her überlegt und diskutiert, warum es Menschen gibt, die anderen Menschen helfen wollen, die Eigenes opfern, damit es anderen besser geht. Helfen sich diese Menschen nicht letztendlich selbst, sind sie also verkappte Egoisten, denen die Hilfsbedürftigen eigentlich egal sind, da sie ihnen nur als Mittel zum Zweck dienlich sind? Oder ist das Helfen nicht vielmehr in der Natur angelegt und Teil unseres Menschseins?

In einer Zeit, da Fremdenfeindlichkeit und Aggressivität im öffentlichen Raum zunehmen, während der Gedanke des Miteinanders und Füreinanders zurückgedrängt und verlacht wird, erhält die Frage nach der Natur des Helfens eine unmittelbare Bedeutung. Es geht nicht um die philosophisch allgemeine Frage, sondern um die gelebte Realität. Die Veränderungen der letzten Jahre sind deutlich sichtbar und nicht zu ignorieren. Asta kommt nach vielen Jahren im Ausland wieder nach Deutschland und weiß nicht recht, was sie mit diesem Land anfangen soll, sie fühlt sich ein wenig fremd in der Heimat. Das ist einer der Gründe, warum sie unentschlossen vor der Drehtür steht und nicht weiß, wohin sie gehen soll. Sie hat sich entfremdet in den Jahren, da sie woanders war und bedürftigen Menschen geholfen hat. Zurück in Deutschland steht sie vor dem Nichts und einer ihr fremden Welt. Wieder ist sie allein.

Trost spenden ihr die Erinnerungen, die sie in sich trägt und die sie mit ihrem Leben und den darin vorkommenden Personen verbindet. Die Menschen, die an ihr vorbeilaufen, während sie raucht, erinnern sie an verschiedene Episoden aus ihrer Vergangenheit. Es sind Geschichten aus ihrer Studienzeit und aus der Zeit, da sie im Ausland arbeitete und anderen half. Meist sind es nicht so sehr ihre eigenen Geschichten, sondern ihrer Kolleginnen oder der Männer, die ihr über den Weg liefen und in die sie sich verliebte.

Astas Geschichten handelt vom Miteinander und Menschsein, von Identität und Heimat. Die Drehtür verbindet zwei Seiten, das Innen und Außen, das Gestern und Heute. Auf der anderen Seite der Drehtür angekommen, weiß Asta nicht, was sie machen soll und raucht, als ob sie dafür einen Preis gewinnen könnte.

Katja Lange-Müllers Roman ist klug geschrieben und begeistert durch die verschiedenen, sehr unterhaltsamen Episoden. Zudem widmet sich Asta der deutschen Sprache, geht ihr in diversen Situationen auf den Grund und vermag somit den interessierten Leser noch zusätzlich zu unterhalten. Ein vielfältiges Buch, in dem sich zeitgenössischer Kommentar, Unterhaltung und Erzählkunst vereinen.

Drehtür

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