Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Basel: Lenos, 2016, Seiten: 153, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Traumraumreise

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2016

Sie ist wieder im Elternhaus. Nur sind die Eltern nicht da. Aber allerhand Überbleibsel von früher liegen und stehen herum, zwischen ihnen kann sie nach Spuren suchen oder nach Inspiration zum Schreiben. Nur vor den Jungs muss sie aufpassen, die erlauben sich gern ein paar Scherze mit ihr, weil sie nicht zu ihnen gehört, weil sie ein Mädchen ist oder eine Frau. Vor ihnen sollte sie lieber in Sicherheit gehen, sonst passiert noch etwas. Zu spät. Schon ist es passiert. Sie hat das Kind, das draußen spielte und schrie, erschlagen. Es ist tot, also verpackt sie es in einem Koffer und verlässt damit das Elternhaus. Richtung Friedhof geht sie. Dort kann sie nicht erledigen, was sie erledigen wollte, findet auch nicht den Weg, den sie vielleicht gesucht hatte, erfährt aber wohin sie gehen und was sie machen soll. Den Vater soll sie suchen und ihm seine Sachen geben. Der Koffer mit dem erschlagenen Jungen darin gehört dem Vater. Ihn muss sie also zurückgeben.

Verzaubert ist die Welt, in der sich die Protagonistin des vorliegenden Buches bewegt. Mysteriöses Ambiente und surreales Theater geben sich die Klinke in die Hand, es geht drüber und drunter. Drei große Doggen verfolgen die Protagonistin, wollen sie anknabbern oder vielleicht sogar auffressen oder erlauben sich nur einen Spaß mit ihr, weil es so viel Spaß macht, sie zu erschrecken und sie rennen zu sehen. Das ist schwer zu sagen. Erklärt wird es nämlich nicht, so wie nichts erklärt wird, sondern einfach passiert in dieser Welt, die Märchen mit Kafka mit Schatzinsel verquirlt. Liebe gibt es auch. Vergangene Liebe, verblasste Liebe, wütende Liebe mit Kanone und Liebe mit gemeinsamem Bier. Liebt er sie oder liebt er sie nicht? Ist sie überhaupt alt genug für die Liebe?

Wie eine lange Traumsequenz kann man Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch lesen. Die Ereignisse und Personen darin folgen nicht den alltäglichen Gesetzen von Physik und Logik, auch Zeit vergeht anders oder vergeht gar nicht. Wer vor einem Moment noch leblos am Boden lag, rappelt sich im nächsten Augenblick schon wieder auf und macht sich davon, weil er es als Unhöflichkeit empfindet, getötet zu werden. Wer dort ist, ist auch hier. In einem Moment, in zwei Momenten und dann nicht mehr. Oder war niemals hier. Außerdem besteht immer die Möglichkeit, dass jede Person eine andere ist oder eine ganz andere. Er oder sie kann nur vorgeschoben sein. Vielleicht geht es um eine andere Person, die sich im Hintergrund versteckt hält. Vielleicht verliebt sie sich zu leichtfertig in zwei verschiedene Männer, die sie kaum kennt, weil sie dem Vater näher kommen will. Vielleicht ist sie noch ein Kind. Vielleicht sind alle anderen Kinder, wollen nur spielen und Spaß haben.

Der Interpretation der vorliegenden Geschichte sind kaum Grenzen gesetzt, so vielfältig und bunt gibt sich das gesamte Szenario mitsamt seiner verschrobenen Truppe. In den Personen und Orten kann man viel gesellschaftliche Spiegelung sehen, wenn man möchte, oder persönliche Verarbeitung des eigenen Daseins der Protagonistin und Erzählerin. Es bleibt letztlich dem Leser überlassen, wie er alles deuten will, ob er es überhaupt deuten will, oder ob er nicht viel lieber das schwere und wenig lustige Nachdenken beiseite schiebt, sich und das Buch nichts fragt, sondern sich lediglich die Nase zuhält und in die Tiefen abtaucht, die sich im Verlauf der Geschichte anbieten.

Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch ist der Debütroman Michelle Steinbecks und ein ziemlich erfolgreicher. Sie schaffte auf Anhieb den Sprung unter die Nominierten des Schweizer und des Deutschen Buchpreises. Gewonnen hat sie ohnehin mit ihrem Erstling und ebenso haben die Leser gewonnen. Steinbeck lädt ein zu einer furiosen Achterbahnfahrt durch traumhafte Welten und treibt den Leser zur Eile an. Denn vergessen sollte man nicht: Den Letzten beißen die Hunde.

Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch

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