Nora Webster

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • London: Viking, 2014, Titel: 'Nora Webster', Originalsprache
  • München: Carl Hanser, 2016, Seiten: 384, Übersetzt: Giovanni Bandini, Ditte Bandini

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Sebastian Riemann
Wie das Leben weitergeht

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2016

Nora lebt mit ihren beiden Söhnen in einem kleinen Haus in der irischen Provinz und versucht das Leben einer normalen Familie aufrechtzuerhalten. Sie ist bemüht und besorgt um ihre beiden Söhne, um ihr Wohl und ihre Entwicklung. Der ältere stottert seit einiger Zeit und scheint sich immer mehr von der Welt abzukehren, sein Heil in der Abschottung zu suchen. Unsicher und verstört wirkt er mitunter und Nora sucht verzweifelt nach Mitteln, damit er sich sicher und geborgen fühlt, nicht an Probleme denkt, sich nicht an die Vergangenheit klammert, in der alles besser war und die Familie eine wirkliche Familie war. Sie will die Sorgen von ihm nehmen, weiß jedoch nicht, wie sie das anstellen soll. Sie selbst leidet stark, muss sich zur Sorglosigkeit zwingen.

Die Stille im Haus wird regelmäßig unterbrochen, es kommen andauernd Nachbarn und Bekannte aus der Stadt vorbei, lassen sich in die Stube führen und auf Tee und Kekse einladen, während sie Nora ihr Beileid aussprechen über den Verlust ihres Mannes, eines allseits beliebten Lehrers im Ort, den viele in guter Erinnerung haben. Die Atmosphäre im Haus, in der vaterlosen Familie, ist schwer und es erscheint nahezu unmöglich, ein normales Leben aufzubauen. Doch Nora bemüht sich, empfängt die Gäste und hört sich an, was sie zu sagen haben. Mit den Jungs macht sie Urlaub, nicht dort, wo sie zuvor immer Urlaub mit dem Vater gemacht hatten, sondern an einem anderen Strand, damit die Vergangenheit sie nicht einholt und ihnen der Verlust deutlich wird.

Die Töchter sind schon aus dem Haus, sind älter und eigenständiger. Um sie macht sich Nora weniger Sorgen, da sie davon in Anspruch genommen werden, ihr eigenes Leben zu definieren und wichtige Entscheidungen zu treffen.

Nora ist keine liebenswerte Person. Auf den Umgang mit den meisten Menschen würde sie am liebsten verzichten, würde gern die Tür nicht öffnen, wenn ihr jemand Beileid aussprechen oder helfen will. Auch mit ihrer Familie versteht sie sich nicht so gut. Wenn sie aus Höflichkeit jemanden zum Tee bittet, kann sie nur schwer ihre Abneigung zurückhalten. In all ihren Unterhaltungen schwingt Feindseligkeit mit. Unhöflichkeiten und Desinteresse gegenüber anderen Personen sind regelmäßiger Teil ihres gesellschaftlichen Lebens. Ihre Kinder verstehen sich oft besser mit anderen Verwandten als mit der eigenen Mutter, vor der sie sich mitunter fürchten.
Allein zu sein, an nichts zu denken, sich keine Sorgen machen, daran findet Nora viel Gefallen, es hilft ihr alles zu ertragen und nicht ständig an den Verlust ihres Mannes erinnert zu werden.

Das Leben nach dem Tod des Mannes und Vaters ist nicht einfach, Nora fühlt sich meist überfordert und würde am liebsten in Melancholie versinken. Aber das ist nicht möglich, denn sie muss für ihre Söhne sorgen, muss Geld verdienen und es irgendwie schaffen, dem Haus eine familiäre Atmosphäre zu geben, damit der Zusammenhalt nicht dauerhaft zerbricht. Also nimmt sie eine Anstellung in einer Firma an, in der sie schon zuvor gearbeitet hatte, bevor sie heiratete und sich dem Haushalt widmete. Die Arbeit ist eine Zumutung, sie wird schikaniert von der neuen Chefin, doch das ist keine Überraschung, denn früher verhielt sich Nora ihr gegenüber keineswegs freundlich, veralberte sie, stellte sie bloß. Häufig kommt es zum Konflikt, am Ende gewinnt aber Nora - schließlich ist sie die Protagonistin des Buches - und ihre Chefin zieht den Kürzeren.

Das Buch ist voller Leid und Streit. Im Hintergrund der Geschichte kommt es auf nationaler Ebene zu Zusammenstößen zwischen Katholiken und Protestanten, Iren, Nordiren und Briten. Es sterben Menschen und Hass verbreitet sich.

Colm Tóibín schuf mit Nora Webster eine Figur, die Antipathie und Mitleid zugleich hervorruft. Zum einen versteht man die Kinder, die es bevorzugen ihre Geheimnisse anderen Verwandten anzuvertrauen, anstatt mit der Mutter reden. Auf der anderen Seite kann man auch die Abneigung Noras nachvollziehen, da sie sich von zahllosen Gästen überrannt und an den großen Verlust in ihrem Leben erinnert sieht. Man sieht die vielen Sticheleien unter den Menschen, sieht das jeder die eigene Portion bekommt und damit zurecht kommen muss. Das Miteinander ist manchmal Harmonie, manchmal Konflikt. Alle arbeiten sich aneinander ab, versuchen für sich Glück zu finden und oft verletzen sie einander dabei. Die Stimmung ist entsprechend schwer und geladen, sogar den Bemühungen um Normalität und Sorglosigkeit hängt oft eine verzweifelte Grundstimmung an. Der Leser wird emotional bewegt, da er sich im Karussell der Figuren nie sicher sein kann, an was er ist. Ein packendes Buch voller Betrübnis und dem Willen, doch noch das Beste aus dem Leben zu machen.

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