Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2015, Seiten: 352, Originalsprache
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017, Seiten: 352, Originalsprache
  • Köln: RandomHouse Audio, 2016, Übersetzt: Joachim Meyerhoff, Bemerkung: Live-Autorenlesung

Couch-Wertung:

88
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Kathrin Plett
Eine WG der etwas anderen Art: Leben bei den Großeltern

Buch-Rezension von Kathrin Plett Dez 2016

Früher war das Leben von mehreren Generationen in einem Haus der Normalzustand, heute hingegen ist dieses Wohnmodell eher selten anzutreffen. Kinder ziehen zum Studieren in eine andere Stadt, die Alten gehen lieber ins Heim als ihren Angehörigen zur Last zu fallen. Dass ein Enkel zu seinen Großeltern zieht um bei ihnen während des Studiums oder der Ausbildung unterzukommen, ist wohl eher die Ausnahme. Dass so eine Art von Wohngemeinschaft auf beiden Seiten Kompromisse erfordert und Welten aufeinanderprallen können, kann sich wohl jeder gut vorstellen. In seinem Roman Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke erzählt Joachim Meyerhoff von genau diesem Erlebnis, der Zeit, in der er als Schauspielschüler der Otto-Falckenberg-Schule für Schauspielerei in München bei seinen Großeltern lebte.

Eigentlich wollte Joachim ja als Zivi mit vielen attraktiven Schwesternschülerinnen im Schwesternwohnheim wohnen. Als er dann jedoch unerwartet mit Ach und Krach die Aufnahmeprüfung der Otto-Falckenberg-Schule für Schauspielerei besteht, entscheidet er sich um, schließlich bekommt nicht jeder die Chance, einen der begehrten Plätze zu erhalten. Da die Wohnoption im Schwesternwohnheim nun nicht mehr besteht und Wohnraum in München schon immer schwer zu finden war, entschließt er sich, bei seinen Großeltern einzuziehen. Dass das Leben mit den alten Herrschaften nicht ganz einfach wird, war ihm von vornherein klar. Seine Großmutter, einst eine schillernde Diva und ebenfalls Schauspielerin und sein Großvater, ein emeritierter Professor der Philosophie haben im Laufe ihres langen Lebens so manche Gewohnheiten angesammelt, die sich jetzt in einer durchgetakteten Tagesstruktur widerspiegeln. Vor allem der Alkohol hat seine festen Zeiten, die morgens mit dem Gurgelwasser beginnen und bis zum Abend durch viele Weine, Champagner oder andere Alkoholika fortgesetzt werden.

Ist Joachim tagsüber an der Schauspielschule und wird systematisch in seine Einzelteile zerlegt, ertränkt er abends seine Verwirrung auf dem opulenten Sofa in Rotwein und anderen Getränken. Aus dem Kontrast zwischen großelterlichem Irrsinn und ausbildungsbedingtem Ich-Zerfall entstehen die ihn völlig überfordernden Ereignisse, die seine Zeit bei den Großeltern fortwährend begleiten.

Joachim Meyerhoff, geboren 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, ist seit 2005 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. In seinem sechsteiligen Zyklus "Alle Toten fliegen hoch" in dem er autobiografisch über seine Familie erzählt, trat er als Erzähler auf die Bühne und wurde zum Theatertreffen 2009 eingeladen. 2007 wurde er zum Schauspieler des Jahres gewählt. Für seinen Debütroman wurde er mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis 2011 und dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.

Mit Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist der dritte Teil der sechsteiligen Reihe "Alle Toten fliegen hoch", welches er zunächst im Wiener Burgtheater als Erzählstück aufgeführt hatte, erschienen. Berichtet er im ersten Teil noch von seine Kindheit und dem Aufwachsen auf dem Anstaltsgelände einer Schleswiger Kinder- und Jugendpsychiatrie, von der sein Vater Direktor war, geht es im zweiten Buch um sein Austauschjahr in Amerika. Der dritte Teil handelt von seinem Schauspielstudium in München, währenddessen er bei seinen Großeltern lebt. Mit viel Humor und Witz gibt er den Alltag bei seinen Großeltern wieder, deren Tage regelmäßiger nicht sein könnten. Jeder Urlaub gleicht sich, die Einrichtung über all die Jahre hinweg unverändert, jedes Ding hat seinen festen Platz, der durch unerwünschte Abdrücke in Holz oder Teppich bezeugt wird. Allein das Alter vermag Veränderungen zu erzwingen, die stillschweigend hingenommen werden müssen. Meyerhoff wird in diesen Ablauf eingefügt und selbst zu einem Teil der Struktur, wenn er an den Mahlzeiten, die Ritualen ähneln, teilnimmt oder die in kurzen Abständen folgenden Drinks serviert bekommt. Neben der beruhigenden Konstanz des Hauses erfährt Meyerhoff in seinem Leben als Schauspielschüler das komplette Gegenteil. Kein Tag gleicht dem anderen, jeder Tag wartet mit neuen Herausforderungen auf, von der ihn jede aufs Neue an den Rand der Überforderung oder sogar darüber hinaus bringt. Selbstironisch und mit dem Abstand der Jahre blickt der Autor auf diese Jahre zurück und gewährt dem Leser Einblicke in zwei bizarre Welten. Auch sprachlich kann der Roman überzeugen, drückt sich Meyerhoff doch sehr elegant und gewählt aus, ohne dabei geschwollen zu klingen. Einfühlsam schaut er hinter die Kulissen seiner Großeltern, die auf eine nicht immer einfache Vergangenheit zurückblicken.

Alles in allem ein empfehlenswerter Roman, der zurecht für den Deutschen Literaturpreis 2016 nominiert war. Auch ohne die beiden vorherigen Werke zu kennen, ist es kein Problem, sich in der Geschichte zurechtzufinden, die sich zwar an einigen Stellen auf ihre Vorgänger bezieht, dieses Wissen aber nicht voraussetzt.

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