Die dritte Brücke

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Wien: Nischen, 2015, Übersetzt: Eva Zádor

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Claire Schmartz
<strong>Schatten auf der pittoresken Postkartenidylle</strong>

Buch-Rezension von Claire Schmartz Okt 2016

Klassentreffen nach 30 Jahren. Margit Zsarnótzy ist auch mit achtundvierzig Jahren noch immer wunderschön und selbst Ferenc Nosztávszky ist da, obwohl er in einer anderen Klasse gewesen war. Dénes ziert sich, knackt auf dem Weg zwischen Auto und ehemaligen Klassenkameraden Walnüsse. Und dann verläuft der Abend so, wie man es sich vorstellen kann, und ganz anders. Alle betrinken sich, es wird getanzt, man erzählt, wo man im Leben steht und was man so erreicht hat, ein bisschen schöner, ein bisschen anders, ein bisschen gelogen. Magdolna Steigerwalder fehlt. Und Péter Foghorn: gestorben soll er sein.

Schnell zerbröselt das anfängliche, erwartete Geplänkel des Wiedersehens, des Schein-und-Seins und der bedeutungslosen sozialen Verpflichtung. Dénes und Ferenc scheiden schnell aus dieser Feier aus und setzen sich zu zweit in den Garten. Denn Ferenc will Dénes erzählen, wie Foghorns Geschichte wirklich lautet. Ferenc hatte Foghorn getroffen - auf der Straße. Mit Ferencs Erzählung taucht der Leser in die Welt der Obdachlosen in Szeged ein. Szeged ist die drittgrößte Stadt in Ungarn und liegt nahe dem Dreiländereck mit Serbien und Rumänien, dort wo der Mieresch in die Theiss mündet.

Der Autor László Szilasi studierte an der Universität Szeged, in der Stadt, in der auch die Erzählung spielt. Er unterrichtet n der Universität Szeged ungarische Literaturgeschichte und beschäftigt sich mit der ungarischen Lyrik des 17. Jahrhunderts sowie der Prosa des 19. Jahrhunderts. Als Schriftsteller jedoch rührt er in gegenwärtigen Themen, an dem Leben in der Großstadt Szeged und der Aktualität der osteuropäischen Geschichte.

Ferenc, der Ungarn verlassen hatte, weil er "die Trabbis leid geworden sei. Weil er umgeben von hochwertigen, sorgsam instand gehaltenen, einwandfrei funktionierenden Gegenständen leben wollte." Im Spätherbst 1987, da hing der eiserne Vorhang noch und Ungarn war unter sowjetischem Einfluss, zog Ferenc nach Kanada, "die Geschichte war ihm nicht mehr so wichtig". Doch er zerbrach, und mit ihm seine Arbeit, sein Haus und seine Ehe. Er merkte, dass seine Heimat in der Küche seiner Großmutter war und flog zurück nach Ungarn. 2009: Ungarn steckte, wie er, in einer Krise.

Da er nicht als Verlierer heimkehren wollte, aber auch keine Arbeit fand, landete er schließlich auf den Straßen von Szeged. Unter dem Denkmal eines Dichters traf er den geigenden Foghorn, der von allen nur Roboter genannt wurde. Von da an war Ferenc Teil seiner Gruppe, die keine Gang war, sondern eine Truppe von Obdachlosen die sich unter einer gemeinsamen Routine durch die Straßen Szeged bewegten.

 

"Die Führungsrolle Foghorns beruhte einerseits [...] auf seiner in einzigartiger Weise zuverlässigen Fähigkeit, Geld zu beschaffen. Allerdings glaubte er fest daran, dass er auf die kleinste Aggression sofort mit der brutalsten physischen Reaktion, [...] antworten musste. Andererseits beruhte die Führungsrolle Foghorns, [...] darauf, dass er in der Lage war, eine zielgerichtete, zusammenhängende [...] sinnvolle Tagesordnung aufzubauen. Das Ziel war, unter den gegebenen Umständen auf möglichst angenehme Weise am Leben zu bleiben".

 

László Szilasi beschreibt die Stadt, in der er lebt und lässt immer wieder Schatten auf die pittoreske Postkartenidylle fallen. Er beschreibt das gefährliche, kalte, schmutzige, stinkende Leben auf der Straße in Szegeb und im Wald, in dem die Obdachlosen ihre Lager aufschlagen; die Helfer, die jeden Morgen, Mittag und Abend Essen aushändigen, das Betteln, die Heime und die anderen Obdachlosen. Die Gruppe besteht aus Roboter, Noszta, Angel, der alten Droll, dem zahnlosen Opa Fondue, Mars und Anna. Szilsi schildert seine Protagonisten mit Empathie, aber ohne Pathos, was wundervoll ist. Sie trinken zusammen, betteln, Anna bastelt und verkauft Instrumente aus Müll - und denken über sich nach, ihre Rolle auf der Welt, ihre erfundenen Biografien, ihre Ziele und ihr Leben. Dabei gibt es auch immer wieder schöne Momente der Stärke - bis sich alles in den Alkohol stürzt oder einfach alles schief geht.

Die Beschreibungen sind präzise aber lang. Die Erzählung erstreckt sich in dem unendlichen Trott der Obdachlosen, die alle Zeit ihres Lebens haben und jeden Tag vor sich hin leben. Zugleich widmen sie sich einer Analyse der Gesellschaft, der Beobachtung der Bürger und Beamten, die die Obdachlosen umgeben. Die Überlegungen zu dem gewählten oder unfreiwilligen Aussteigertum, dem Versagen oder dem Sinn des Lebens betrachten die Gesellschaft vom Standpunkt der Übersehenen aus und reflektieren die Furcht der Bürger und ihre Suche nach Sicherheit.

Dennoch bleiben diese Überlegungen oftmals holprig, was (auch?) der sehr holprigen Übersetzung verschuldet ist. Sie wirken langatmig, wenn nicht gar außer Atem, und wickeln sich unendlich langsam ab. Vielleicht ist der Roman in Ungarn, wo er von vielen wichtigen Literaturzeitschriften beachtet wurde, brandheiß. Die deutsche Übersetzung allerdings kann nicht glänzen.

Das Rätseln darüber, was denn nun mit Foghorn passiert sei, und dass dann zum Schluss Dénes eine wichtigere Rolle spielt, als es schien, verleiht dem Roman eine krimihafte Wendung. Doch diese kommt erst spät und bleibt eine knappe Randgeschichte, die nicht mehr die Stärke hat, die Geschichte infolge des langen Monologs Ferencs umzudeuten, und deswegen eher wirkungslos verpufft.

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