Samir, genannt Sam

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Salzburg, Wien: Residenz, 2016, Übersetzt: Bettina Bach
  • Amsterdam: Prometheus, 2013, Titel: 'De Belfote van Pisa', Seiten: 296, Originalsprache

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Claire Schmartz
Absolut lesenswert und lebensnah!

Buch-Rezension von Claire Schmartz Okt 2016

Bouzamour nimmt in Samir, genannt Sam kein Blatt vor den Mund und hat eine fabelhafte Erzählung geschrieben: absolut lesenswert und lebensnah.

Die Erzählung folgt Samir, genannt Sam durch die sieben Jahre Gymnasium. Sam ist der Sohn marokkanischer Einwanderer in den Niederlande und wohnt mit seinem Eltern und seinem Bruder im Stadtviertel De Pijp. Dass Sam das Gymnasium besuchen wird, obwohl er nur eine Hauptschulempfehlung bekommen hat, ist der alleinige Verdienst seines grossen Bruders. Damit ist er der einzige in seiner Familie, der die Aussicht hat, sein Abi zu machen, denn auch sein grosser Bruder hat kein Abi:

 

"Weisst du warum, Sam? Weil sich keiner um mich geschert hat. Zu Hause hat nie jemand nach meinen Hausaufgaben gefragt. Oder ob ich was nicht verstanden habe. Logisch, Vater und Mutter können nicht mal lesen und schreiben. Sie sind nie zur Schule gegangen. [...] Ich war also im vorletzten Schuljahr vorm Abi. Zu Hause konnte ich mich tagsüber nicht auf die Hausaufgaben konzentrieren, also bin ich nachts wach geblieben. Manchmal habe ich bis vier Uhr morgens gebüffelt. Bis ich matschig war in der Birne und dachte: Was soll der Geiz? Die können mich doch alle mal. Die Lehrer, meine pickeligen Mitschüler, Vater und Mutter, die ganze Welt konnte mich mal. Jetzt, so im Nachhinein, war das komplett bescheuert. Die viele Arbeit umsonst. Aber in dem Moment kapiert man's einfach nicht. Die Konsequenzen waren mir nicht klar. Da war ich sechzehn, jetzt bin ich vierundzwanzig. Warum nehme ich dich überallhin mit? Was meinst du? Weil sich alle einen Dreck um mich geschert haben und mich niemand irgendwohin mitgenommen hat. Was ich damit sgen will ist, dass man es leichter hinwirft, wenn einem keiner hilft. Aber mach dir keine Sorgen, ich passe auf dich auf, Kleiner. Wir machen das zusammen."

 

Deswegen schliessen sie ein Versprechen: zusammen werden sie das schaffen, Sam wird sein Abitur bekommen.

Sams grosser Bruder ist sein grosses Vorbild, denn er hat alles: einen Job beim Sushiladen, einen Roller, Erfolg bei den Mädchen, einen besten Freund und traut sich ziemlich viel, was Sam imponiert. Als könne man alles haben - sogar einen (geklauten) Flügel. Bis Sams Bruder noch vor dem Beginn des Gymnasiums verhaftet wird und ausgerechnet sein bester Freund ihn verpfeift. Sechs Jahre Gefängnis. Sam muss jetzt - als gefühlt einziger Marokkaner in einem Gymnasium, in dem alle das gleiche Polo tragen auf dem der Reiter auf sein Pferd eindrischt - alleine durch das Gymnasium, die Pubertät, das Abi. Alleine im Viertel De Piijp, und "in de Pijp sind wir heiss": das heisst, manchmal schmuddelig, manchmal Mädchen, manchmal wütend, aber nicht sexistisch oder rassistisch, morgens virtuos am Klavier, dann hin- und hergerissen zwischen Freitagsgebet und den Gleichaltrigen.

Sams Erzählung ist fabelhaft, klug, witzig, inspiriert und lebensfroh, nicht auf den Mund gefallen und interessiert. Bereits die Grundlage der Herausforderung des Gymnasiums und der rasenden Verehrung Sams für seinen Bruder reichen, um ihn wachsen zu lassen. Denn Sam muss sich nicht nur mit der Pubertät, sondern auch mit den Vorurteilen seiner Mitmenschen und den Regeln seiner Familie rumschlagen - und zwischendurch er selber sein, sich Fragen stellen, was seine Ziele  und seine Identität sind.

Das klingt fast, als riskiere der Roman zu erzählen, wie sich Sam an die Amsterdamer Regeln und Werte angepasst habe - das ist es aber auf keinen Fall. Denn im Vordergrund steht immer Sam selbst, der genau das macht, was sich gut anfühlt, der zu seinen Werten steht und Ziele hat und es liebt Klavier zu spielen, der sich nicht scheut, Leute zu kritisieren für das, was sie sagen, sind, oder wie sie auftreten, der sich nicht zurückweisen oder einschüchtern lässt und teilhat - und sich den Vorurteilen seiner Mitmenschen, Mitschüler, Familie und seines Bruders stellt - selbst denen seines besten Freundes. Und der dabei vor allem eins ist: sich selbst treu. Dabei muss der Roman weder Klischees in Szene setzen, noch selber Vorurteile verbreiten.

Mano Bouzamour wurde 1991 in Amsterdam geboren. Er studierte Geschichte und lebt als Pianist und Autor in Amsterdam, schreibt jede Woche eine Kolumne in der Tageszeitung Het Parool. Samir, genannt Sam ist sein autobiografischer Debütroman.

Die Erzählung ist unglaublich stark, verwegen und ehrlich, und nicht nur für junge Erwachsene lesenswert.

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