Sengender Wind

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Berenberg, 2016, Seiten: 144, Übersetzt: Christian Hansen
  • Buenos Aires: Mardulce, 2012, Titel: 'El viento que arrasa', Originalsprache

Couch-Wertung:

73
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Sebastian Riemann
Zwei Männer und zwei Kinder, die Frage nach dem richtigen Weg

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Sep 2016

Vier Personen sitzen fest in der Einöde. Weites, trockenes Land. Fernab vom Rest der Welt. Es ist Niemandsland, es ist die Pampa in Argentinien. Nicht die Pampa im übertragenen Sinn, sondern die wahre Pampa. Dort will man eigentlich nicht sein. Aber der Wagen des Reverends will nicht mehr weiterfahren und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als Hilfe zu suchen beim einzigen Mechaniker weit und breit. Der alte Gringo lebt inmitten eines großen Autofriedhofs in den Weiten des verlassenen Landes und soll den Wagen des Reverends wieder herrichten. Er ist die einzige Option in der Gegend, die nächste Stadt zu weit entfernt. Es soll so sein.

Mit Reverend Pearson reist seine Tochter Leni, die wenig begeistert von dem Zwischenstopp und im Allgemeinen wenig begeistert vom Zusammenleben mit ihrem Vater ist, sich vorerst verweigern, sich schlichtweg nicht aus dem Auto bewegen will, sondern trotzig sitzen bleibt, bis der Vater die Geduld verliert und sie herausholt. Als Team touren sie durchs Land, es ist die Bestimmung des Vaters, der als mitreißender Prediger viel Erfolg hat. Keine schöne Kindheit für das Mädchen, ihr Trotz ist nur allzu verständlich. Die meiste Zeit verbringt sie im Wagen, nicht mit gleichaltrigen Kindern, oder in Kirchen voller Gläubiger, die ihren Vater sehen und hören wollen. Ihre größte Freude ist die Musik, die sie heimlich mit ihrem Walkman hört und die ihr ein wenig das Gefühl von Freiheit gibt. Viel Rebellion gegen den Willen des Vaters bietet sich dem Mädchen nicht, dafür leben die beiden einfach zu nah beieinander.

Gringo Brauer macht sich an dem Wagen zu schaffen und schickt seinen jungen Gehilfen Tapioca in die Küche, damit er dem Gast ein Glas Wasser bringt. Zu zweit leben Gringo Brauer und Tapioca in dem kargen Haus mitten im Nirgendwo, zwischen alten Autowracks und gähnender Leere. Sie arbeiten und manchmal betrinkt sich der Gringo, wenn es einen Grund zum Feiern gibt, und der Junge schaut ihm dabei zu, ansonsten spielt er viel mit den Hunden, die so zahlreich sind, dass der Gringo schon nicht mehr weiß, wie viele es eigentlich sind. Da Tapioca auch auf gleichaltrige Spielkameraden verzichten muss, ist er von der Ankunft des Reverends und seiner Tochter beeindruckt. Natürlich muss er seine Arbeit machen, muss die Hilfsarbeiten für den Gringo erledigen, aber sein wahres Interesse gilt den beiden Gästen, denen er sich zuerst kaum zu nähern wagt, da er ein zurückhaltender, an andere Menschen nicht gewöhnter Junge ist, aber bald wird klar, dass die beiden das Leben des Jungen verändern werden.

Die beiden Männer leben ohne Frauen, der eine abgeschieden in der weiten Pampa, der andere immer auf Tour von einer Kirche zur nächsten. Sie tragen Verantwortung für ein Kind, auch das haben sie gemeinsam. Große Unterschieden finden sich jedoch in ihren Einstellungen zum Leben. Gringo Brauer will nichts wissen von der Welt, will seine Tage mit dem Jungen, den Hunden und Autowracks verbringen, trinken und rauchen. Der Prediger hingegen ist auf einer Mission in Gottes Namen, will sich in das Leben anderer Menschen einmischen, will sie bekehren und auf den richtigen Pfad führen. Sobald der Reverend beginnt über Gott zu reden, beginnen die Probleme. Der Gringo ist zufrieden auch ohne Gott und sieht es nicht gerne, dass ihm jemand sagt, wie die Dinge und wie die Menschen sein sollen. Zuerst begnügt sich der Reverend mit dieser Einstellung, er respektiert die Meinung des Mechanikers, der ihm den Wagen repariert, damit er weiterfahren kann. Doch dann beginnt er Interesse an dem jungen Tapioca zu finden, der, davon ist der Reverend überzeugt, eine reine Seele hat. Er ist für höheres bestimmt, nicht für die öde Weite der Pampa. Doch davon will der Gringo nichts hören.

Selva Almada konstruierte ihren Roman mit ruhiger Hand. Wenig Überraschungen gibt es bei der Konstellation der Figuren, die manchmal den Eindruck erwecken auf einem Schachfeld oder auf einer Theaterbühne zu stehen. Genau abgestimmt sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden erwachsenen Männer und der beiden Kinder, es gibt Spiegelungen und ein paar Lichteffekte. Die Entwicklung der Geschichte ist vorhersehbar, aber dafür wird der Leser ausreichend entschädigt mit atmosphärisch dichten Bildern aus der Pampa und dem Dasein abseits der Gesellschaft. Sengender Wind ist der erste Roman Almadas, bietet viel Authentizität und ist wahrer Ausdruck der Pampa, der trockenen Erde unter unerbittlicher Sonne. Ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

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