Lettipark

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2016, Seiten: 3, Übersetzt: Judith Hermann, Bemerkung: ungekürzte Ausgabe

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Almut Oetjen
Beobachtungen am Wegesrand

Buch-Rezension von Almut Oetjen Sep 2016

Eine Frau folgt dem Vorschlag ihrer Freundin und lässt sich auf eine Psychotherapie ein, ohne wahrnehmbares Ergebnis. "Emphatisch und seltsamerweise trotzdem teilnahmslos" ist die Beziehung zwischen Therapeut und Klientin. Aber sagt dies etwas über die Wirkung der Therapie? Ab welchem Zeitpunkt ist die Therapie vielleicht notwendiger Bestandteil der Lebensführung, der psychischen Stabilität geworden, und die Klientin fällt auseinander, sobald die Therapie aussetzt?

In "Kohlen" wird das Schaufeln von sieben Tonnen Kohlen zur Vorbereitung auf die Heizperiode geschildert. Eine Gegenwart wird beschrieben, in der eine zurückliegende Zeit aufgehoben ist und in die langsam eine andere Geschichte hineinsickert. Es werden ("Lettipark", "Fetisch") Fotos betrachtet, nicht Fotos, die Geschichten oder mehr als tausend Worte erzählen, sondern solche, die den Weg zu Erinnerungen freilegen. In "Rückkehr" liegt ein Ereignis in der Vergangenheit, das Ursache für einen höllischen Kreislauf von Selbstverletzungen ist. In "Zeuge" und "Pappelpollen" ist von Lebensentwürfen die Rede, die dem bürgerlichen Standard entsprechen, dann von möglichen Abweichungen.

Beziehungen verändern sich im Lauf der Zeit, man erkennt das Gegenüber nicht mehr, weil es nicht übereinstimmt mit seiner früheren Präsentation, mit der Erinnerung, die man hat.

Figuren mit Vergangenheit

Judith Hermann hat in ihrem Debüt Sommerhaus, später eine Generation von Figuren in ihr Werk eingeführt, die in der Folgezeit mit ihrer Autorin älter geworden sind. In ihrem fünften Buch, dem Erzählungsband Lettipark, gibt es nicht nur diese eine Generation, sondern das Spektrum von Kindern bis alten Leuten, vier Generationen also. Darunter sind Menschen in einem Alter, in dem sie auf eine Geschichte zurückblicken können.

Es gibt Erinnerungen an die gemeinsame Studienzeit und einen Zeitsprung um fünfzehn Jahre, wie in "Solaris". Wir lesen von Begegnungen, Wiederbegegnungen, zwischen Figuren, während Hermann den Dingen Aufmerksamkeit entgegenbringt, die im Alltag eher nicht wahrgenommen werden.

Die Figuren sind mit sich selbst und allenfalls noch ihrem sehr engen Umfeld beschäftigt. Die größere Welt spielt keine Rolle, auch wenn sie beispielsweise durch Reisen geöffnet wird. Reisen können aber Beziehungsprobleme offenlegen und stehen nicht für Veränderung, Ankunft, Neubeginn.

Politik spielt keine Rolle, folglich gibt es auch keine direkt beobachtbaren Wirkungen auf die Figuren. Indirekt jedoch schon, so durch Hinweise auf die Möglichkeit des sozialen Absturzes, die aber nicht festgemacht wird an Politik oder Wirtschaft, sondern an der Abwesenheit des Partners und dem Anblick eines dürren Mädchens. Wo die Möglichkeit im Hier gegeben ist ("Fetisch"), trifft man auf das tägliche Elend während eines Aufenthalts in Odessa ("Osten"). Aber letztlich sind die großen Ereignisse, die irgendwo in der Welt stattfinden, nur Rauschen in einer kleinen Existenz.

Menschen, die sich einmal besser kannten und Umgang miteinander hatten, entfernen sich voneinander. Figuren haben Zeit, die sie alleine oder in Gegenwart anderer Figuren verbringen und auf die Errichtung von gedanklichen Architekturen verwenden, die sie oft genug gleich darauf wieder zum Einsturz bringen. Etwas scheint zu sein, Vermutungen liegen nahe. Wie im französischen Noveau roman gibt es bei Hermann emotionsarme Beschreibungen, nicht selten Wiederholungen. Ihre Leser konsumieren nicht den Text, sondern, bedingt durch die starke Verdichtung und eine Erzählweise, in der Dinge umkreist statt expliziert werden, produzieren den Text, vielleicht auch seine Bedeutung. Hermann kartographiert Seelenlandschaften, oft in grober Skizzenhaftigkeit und auf eher indirekte Weise. Darin ähnelt sie Alain Robbe-Grillet, der in "Die Jalousie" ein Psychodrama entwickelt, indem er seine Hauptfigur Räume und in diesen enthaltene Gegenstände beobachten lässt. Hermann beschreibt Texturen, auch die von Gedanken, ohne Tiefenschichten aufzusuchen. Räume, soweit sie überhaupt beschrieben werden, erscheinen fragmentiert, mehr noch: reduziert auf Teile ihres Inhalts, Ausstattungselemente. Dies kann Irritationen verursachen. Die Wahrnehmung von Details, materiellen wie gedanklichen, lässt Räume und Beziehungen entweder immer wieder neu erstehen, so durch Infragestellung oder Wiederholung. Vielleicht sind die beschriebenen Dinge Lieferanten von Indizien zum Verständnis einer Figur.

 

"Carls Rucksack ist nicht da, aber das hat nichts zu bedeuten, er nimmt den Rucksack immer mit, er lässt ihn nie aus den Augen
("Fetisch")

 

Hermann beschreibt Gegenstände im Raum, gelegentlich auch deren Standort, nicht aber die Beziehungen und die Abstände zwischen ihnen. Je weniger die Figuren in der Lage sind, sich ihrer selbst zu versichern, desto mehr betreiben sie dies für die Welt der Dinge.
Zustände des Bewusstseins werden beschrieben, ohne Bewertungen vorzunehmen, Wahrnehmungen registriert, ohne sie sogleich mit Bedeutung zu versehen. Dieser Zugang zeigt sich beispielsweise in zwei Textstellen aus "Zeugen":

 

"Er hielt inne und lauschte dem Klang des Wortes (...) nach."; "Sie denkt, Liebe könnte eine Selbstentflammung sein, aber auch dieser Gedanke hat keine Beständigkeit, und sie verwirft ihn wieder."

 

Von Ada zu Ida zu Ido zu Ivo

Judith Hermann legt in Lettipark Erzählungen von radikaler Einfachheit vor. Das könnte nun vordergründig gelesen werden als implizite Kritik: ach so, also sprachlich anspruchslos, knappe SPO-Sätze, Grundwortschatz, schlechte Literatur. Der Band besteht aus siebzehn Erzählungen, davon sechzehn mit Einworttiteln. Im Umfang liegen die Texte zwischen sechs und sechzehn Seiten, dreizehn zwischen zehn und zwölf Seiten, was bei ungefähr 180 Seiten Text auf einen Durchschnitt von knapp über zehn Seiten führt. Damit sind die Geschichten im Durchschnitt ungefähr halb so umfangreich wie im Debüt Sommerhaus, später, und die in Nichts als Gespenster und Alice sind viermal so lang. Allein deshalb schon hat man es nicht mit dem Immergleichen zu tun, wie gelegentlich veröffentlicht wird. Zu den Besonderheiten der Hermannschen Erzählwelt gehören die Namen der Figuren. Selten werden Orts- oder Zeitangaben gemacht. Lettipark enthält einige Hinweise auf Hermanns Poetologie. Dazu gehören der Erzählungstitel "Solaris" und die Textpassagen:

 

"Du musst gehen. Wir fangen an.", "Er übte damals, Gedichte auszuhalten.", "Es war ja kein wirkliches Gespräch, es war eher eine Situation." und "ich verstehe einfach mal das, was ich verstehen will".

 

Judith Hermann pflegt in ihren Erzählungen einen minimalistischen Stil. Auf diese Weise bekommen ihre Texte etwas Suggestives, vielleicht Implikatives. Sie sind Ausdruck einer Ästhetik, die nicht nur den Lesevorgang rhythmisiert, was sich nicht zuletzt in der hörbaren Lektüre bemerkbar macht, sondern die die Leser einlädt, am Textverständnis während der Lektüre aktiv mitzuwirken. Die Detailarmut bewirkt beim Leser, Auslassungen nachzuliefern. Hermann steuert den Leserhythmus insbesondere mit zwei Instrumenten: parataktische Satzgefüge, die mit Konjunktionen verbunden sind, und kurze Sätze, die sich zu den längeren mitunter verhalten, als seien sie ursprünglich ebenso gestrickt, im Nachhinein aber zerschnitten worden. Die geteilten Sätze verlangsamen den Lesefluss und machen in Momenten Nervosität und Anspannung einer Figur deutlich, wo dies nicht direkt beschrieben wird. Klare Hinweise, vielleicht gar mitschwingende Lese- und Verständnisanweisungen, sind nicht Bestandteil des Stils.

Judith Hermann erzählt in ihrem Erzählungsband Lettipark von Figuren, die weniger verortet denn entortet sind, in denen Reste einer einstmals größeren Sehnsucht spürbar sind, die vielleicht einen festen Ort und ein klar beschriebenes Leben adressierte. Die Erzählungen scheinen von der Vorstellung auszugehen, dass das Leben nicht als große Oper daherkommt, sondern allenfalls in Kleinigkeiten funkelt, die sich jedoch nicht anbieten, vielmehr aufmerksam wahrgenommen werden müssen.

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