Madgermanes

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Bonn: Avant, 2016, Seiten: 240, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Freude und Enttäuschung im sozialistischen Bruderstaat, olivbraun gelacht und geweint

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Sep 2016

Drei Gastarbeiter wurden unter vielerlei Versprechungen in die Deutsche Demokratische Republik gelockt. Man würde sie dort ausbilden, ihnen nützliches Fachwissen geben, das sie zu qualifizierten Arbeitern machen würde. So wurde es ihnen in ihrer Heimat Mosambik erzählt und die drei waren begeistert von der Idee, sagten zu, wie es tausende Landsleute taten. Doch die Realität im Realsozialismus war ernüchternd für die jungen Leute, die nur wenige Vorstellungen erfüllt aber viele Hoffnungen enttäuscht fanden. Die Arbeit war anders als versprochen und auch fehlte es an Herzlichkeit im sozialistischen Bruderland. Hinzu kamen die ungemein kalten Winter. Doch daheim war es nicht besser, es tobten Kämpfe und die Menschen waren sich ihrer Leben nicht sicher. Die drei Gastarbeiter waren hin und her gerissen, fühlten sich fremd und unwohl, wollten aber nicht zurückkehren.

Jose Antonio Mugande war 18 Jahre alt, da er aus dem Flieger in Ost-Berlin stieg und sich in einer neuen Welt fand, die ihn mit Kälte und vielen Regeln empfing. Die Ankunft war ein Schock, das hatte er so nicht erwartet. Aber er wollte nicht aufgeben, sondern seinen Weg finden. Jose war ein ruhiger, junger Mann, der sich an die Vorgaben hielt und den größtmöglichen Gewinn aus seinem Aufenthalt in der Ferne ziehen wollte. Er las und lernte viel in seiner Freizeit. Denn – das merkte er schnell – die Arbeit war nicht anspruchsvoll, sondern vielmehr unangenehm und einfach. Das Versprechen der Ausbildung verschwand schnell aus seinem Kopf und wurde ersetzt durch den Willen, mit eigenen Mitteln und Anstrengungen sich fortzubilden. Die Kollegen gingen also feiern und den ausgezahlten Lohn genießen, und Jose blieb im Wohnheim, beugte sich über Bücher. Ein Dasein als Hilfsarbeiter entsprach nicht seinen Absichten, aus seinem Potential wollte er mehr machen. Aber nicht nur das berufliche Weiterkommen bewegte ihn, es waren auch die Eigenarten des neuen Landes, denen er sich interessiert zeigte, auch wenn es mitunter schwer war. Er genoss das Leben in der DDR, soweit es ihm möglich war und versuchte sich ein Leben aufzubauen, zusammen mit seiner großen Liebe, die er nach einiger Zeit kennenlernte. Doch dann zerbrach alles.

Basilio Fernando Matola war der Zimmergenosse von Jose, kamm aber nicht vom Lande, sondern aus der Hauptstadt Mosambiks. Schnell wurde klar, dass er der Draufgänger und Abenteurer der beiden war, der gerne ausging und sich über die strengen Regeln hinwegsetzte, während Jose daheim blieb und las. Basilio wollte seine Jugend genießen. Zudem war er ungehalten darüber, dass der sozialistische Bruderstaat den Großteil des Lohns einbehielt. Später würde ihnen in der Heimat der Rest ausbezahlt, hieß es damals und dagegen konnte sich niemand auflehnen. Doch brauchte Basilio Geld, um das Leben in der DDR auszukosten. Wenn es schon mit der professionellen Entwicklung nicht so lief, wie es versprochen wurde, dann wollte er wenigstens persönlich seinen Spaß haben, bei den Frauen und beim Sport. In Ost-Berlin kam er auch auf seine Kosten, später aber, in der Provinz, wurde es schwerer und immer öfter sah er sich Anfeindungen ausgesetzt und hatte Probleme mit der Arbeit. Denn Basilio war einer der ersten, die ihren Job nach der Wende verloren hatten. Das Leben wurde schwieriger für ihn und schließlich ging er zurück nach Mosambik, wo er jedoch auch enttäuscht wurde.

Anabella Mbanze Rai floh vor dem Krieg in ihrem Land und wollte in der DDR Geld für ihre Familie verdienen. Konkrete Hoffnungen hatte sie an das Programm für Gastarbeiter, aber auch sie wurde enttäuscht, wurde nur als Hilfsarbeiterin eingesetzt und bekam nur einen Teil ihres Lohns, so wie die anderen. Genießen konnte sie ihren Aufenthalt nicht zuletzt aufgrund ihrer Landsleute, mit denen sie viel Zeit verbrachte und unter denen sie auch die Liebe fand. Das war alles nicht gemäß den Vorstellungen der Aufseher und den Wirtschaftsvorgaben, den Jahresplänen. Aber man kann sich nicht immer an die Regeln halten, besonders dann nicht, wenn sie den Menschen die Luft zum Atmen verbieten wollen. Das Leben will schließlich gelebt werden. Außerdem war Anabella eine hervorragende Arbeiterin in der Fabrik zur Herstellung von Wärmflaschen.

Birgit Weyhe erzählt drei Geschichten und eine Geschichte aus drei Perspektiven. Das Leben der drei Gastarbeiter überschneidet sich zu großen Teilen, da sie zusammen in der DDR arbeiten, ähnliche Erfahrungen machen, unter den gleichen Enttäuschungen leiden und zu guten Freunden werden. Hinzu kommen ihre persönlichen Ambitionen und Wünsche, sowie ihre Hintergründe. Dynamisch ist die Lektüre, da mit jeder Geschichte das Ganze ergänzt und erweitert wird. Es gewinnt an Tiefe und wird interessanter, als es ohnehin schon ist.
Die Bilder Weyhes kommen mit Schwarz, Weiß und einem dunklen Olivbraun aus, mehr benötigt sie nicht, um die Geschichten zu erzählen, die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonisten darzustellen. Dabei lässt sie gekonnt Empfinden und Gegebenheiten verschmelzen, erlaubt es ihnen, sich zu überlagern und sich zu einem ausdrucksstarken Moment zu verdichten. Das Innere und das Äußere geschehen bei Weyhes Bildern zugleich, sie sind wahres Erleben, manchmal schön und fröhlich, manchmal grausam, aber immer mitreißend und eindrucksvoll.

Was ist Heimat, wo ist sie? Dieser zentralen Frage geht die vorliegende Graphic Novel nach und lässt drei Stimmen zu Wort kommen, die ganz unterschiedlich von ihren Erfahrungen und ihren Antworten auf die Frage berichten. Der Leser hört ihnen nicht nur geduldig zu, sondern begleitet sie beim Erzählen, beim Wiedererleben der damaligen Zeit und kann dank der Bilder in die Erlebniswelt der Protagonisten eintauchen. Ein herrliches, fröhliches und trauriges Erlebnis.

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