Widerfahrnis

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Freiburg: Audiobuch, 2016, Seiten: 5, Übersetzt: Frank Arnold, Bemerkung: Ungekürzte Lesung

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Britta Höhne
Bis auf weiteres unsterblich

Buch-Rezension von Britta Höhne Aug 2016

 

"Mit meinem Hutladen bin ich wenigstens an der Zeit gescheitert. Die Leute haben gespürt, dass ihre Gesichter zu leer waren für Hüte", sagt Palm.

 

Leonie Palm. Sie ist es, eine offensichtlich unscheinbare Frau, die den introvertierten Büchermenschen Julius Reither überredet, mit ihr nach Italien zu fahren. Wieder einmal Italien. Wer war nicht schon alles dort? Wenn nicht real, dann doch in Gedanken: Antal Szerb, Thomas Mann, Goethe und jetzt auch noch Bodo Kirchhoff. Widerfahrnis heißt die Novelle, mit der Kirchhoff sich im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis sicherte. Warum eigentlich?

Die Novelle beginnt zäh. Da ist diese Leonie Palm, die, das Datum ist bekannt, die Uhrzeit auch, beim ehemaligen Verleger Julius Reither an die Tür klopft. Er bittet sie herein, obwohl er sich schon fragt, wer sie ist, diese dreiste Person, die einfach für einen Augenblick - und dann für länger - sein Leben durcheinander bringt.

Palm besitzt ein altes BMW-Caprio. Dreier-Reihe. Dunkelblau. Nach ein paar Startschwierigkeiten springt der Wagen an und eine Reise, die als kurzer Ausflug geplant war, kann beginnen. Bis Italien führt sie schließlich. Alles, was zwischen dem ersten Treffen der Protagonisten und deren Scheiden begeistert, ist Kirchhoffs präziser Umgang mit der Sprache. Wenngleich der 1948 in Frankfurt geborene Autor oft arrogant herüber kommt, lesen sich seine Zeilen wie ein Ausflug in die textliche Vergangenheit. Und da Kirchhoff dem Leser nicht zutraut, eben diese Begebenheit selber festzustellen, unterstreicht er verbal seine Bedenken:

 

"..., ob ihm etwas den Kopf verdreht hat - eine der Wendungen, die man in Büchern jüngerer Schreiber vergeblich sucht... Von anderen Wendungen gar nicht zu reden, sein Herz verlieren, auf Wolken schweben, Feuer und Flamme sein, den Himmel auf Erden erleben..."

 

Sicher, die Sprache eines Thomas Melle, Clemens Meyer oder Philipp Winkler kommt anders daher. Ruppiger, mit Anglizismen vermengt und Umgangssprache, aber ist es schlecht, nicht mehr auf Wolken zu schweben und Feuer und Flamme zu sein? Sprache ist lebendig, sie lebt, verändert sich und Kirchhoff liest sich zuweilen wie aus der Zeit gefallen - was auch seinen Charme hat. Zweifelsohne. Vielleicht, um der Jetztzeit-Literatur einen Schritt entgegen zu gehen, verzichtet Kirchhoff auf An- und Abführungszeichen, was den Lesefluss keineswegs hemmt und zudem keine kirchhoffsche Erfindung ist.

Reither und Palm treibt es ungewollt nach Sizilien. Auf der Suche nach einer vielleicht letzten Liebe. Nach der großen Liebe? Was sie wirklich treibt, bleibt im Verborgenen. Wie Vieles. Die Geschichte der aus Eritrea stammenden Aster. Über Lampedusa erreichte sie Deutschland, arbeitet jetzt als Empfangsdame. Im Wechsel mit Marina aus Bulgarien. Viel ist nicht zu erfahren, über die aktuelle Flüchtlingsgeschichte, was (ob der Fülle an täglichen Informationen) positiv sein kann, aber doch viele Fragen offen lässt. Ebenso die Geschichte des jungen Mädchens, das sich dem doch so ungleichen Paar anschließt. Reither nimmt sie mit, gefällt sich in der Rolle eines Vaters, der er nie sein sollte. Palm, deren Tochter sich das Leben genommen hat, fühlt sich erinnert an ihr eigenes Familiendrama. Die Geschichte klärt sich nicht auf. Soll nicht geklärt werden. All den Begegnungen, soviel sei verraten, stehen wieder zahlreiche Trennungen bevor. Mehr als die Trennung von einem Hutgeschäft und einem kleinen Verlag, dessen zuletzt publiziertes Buch den tragischschönen Titel "Bis auf weiteres unsterblich" trägt.

Der dramatische Kern einer Freundschaft zwischen Mann und Frau, teilt Kirchhoff mit, liege "in der Schönheit des Ünerfüllten". Unerfüllt, oder besser unbefriedigt, bleibt vermutlich auch so mancher Leser hinter der Lektüre des Preisträgers zurück. Zum Ende hin scheint es, als müsse ein Abgabetermin eingehalten werden. Die Geschichte nimmt zwar an Tempo zu, aber nicht an Inhalt. Das Ende kommt prompt, aber keineswegs unerwartet. Lediglich in der Nutzung der Sprache bleibt Kirchhoff immer Kirchhoff. Das allerdings, was die Jury bezüglich der Preisverleihung verliest, ist in dem Buch nur schwerlich auszumachen: "Kirchhoff gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive seines literarischen Werks auf kleinem Raum zu verhandeln. Gleichzeitig erzählt er von unserer Gegenwart und davon, wie zwei melancholische Glückssucher den Menschen begegnen, die in der Jetztzeit den umgekehrten Weg von Süden nach Norden antreten. Kirchhoffs "Widerfahrnis" ist ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt."

So ist Kirchhoff doch letzten Endes auch an der Zeit gescheitert, wie Leonie Palm. Zwar nicht, um seinen eigenen Protagonisten Julius Reither zu zitieren, weil es mittlerweile mehr Schreiber als Leser gibt, sondern weil seinem Werk einfach die Energie fehlt. Schade, denn Kirchhoffs Schreibstil bleibt und ist einfach ein überaus schöner.

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