Im Schatten das Licht

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • London: Hodder & Stoughton, 2009, Titel: 'The Horse Dancer', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Polaris, 2017, Seiten: 576, Übersetzt: Silke Jellinghaus

Couch-Wertung:

85
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Rita Dell'Agnese
Träume leben, Verlust zulassen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Aug 2016

Ein Pferderoman! Selbst eingefleischte Jojo Moyes-Fans dürften zuerst einmal leer geschluckt und sich insgeheim die Frage gestellt haben, ob die Autorin eher Teenager ins Visier genommen hat. Denn auch die Protagonistin scheint zunächst eher zu einem Roman für Jugendliche zu passen. Im Zentrum steht die 14-jährige Sarah, die davon träumt, das zu erreichen, was ihr Großvater einst wollte: Teil des Cadre Noir zu sein - der besten Einrichtung für die Hohe Kunst der Pferdedressur. Einst hat Henri seine Karriere als hoffnungsvoller Dressurreiter beim Cadre Noir an den Nagel gehängt, um seiner großen Liebe nach England zu folgen. Nun lebt er mit seiner Enkelin alleine in einer bescheidenen Wohnung, seine Frau und seine Tochter sind bereits tot. Weil Sarah spürt, dass der alte Mann sich nichts sehnlicher wünscht, als zu erleben, dass seine Enkelin den gemeinsamen Traum nun verwirklicht, setzt sie alles auf eine Karte. Unter Henris Anleitung bildet sie ihren Hengst Boo aus. Er soll ihr Ticket ins Cadre Noir werden. Da trifft sie ein harter Schlag: Henri wird nach einem Schlagfanfall ins Krankenhaus eingeliefert. Sarah ist zu jung, um alleine zu wohnen und wird zu einer Pflegefamilie gebracht. Um Boo, den sie vor allen verheimlicht, weiter zu pflegen, schwänzt Sarah die Schule und versucht, sich durchzumogeln. Das kostet sie den Pflegeplatz. Sarah, die vor ihrer Platzierung eine Nacht bei dem jungen Paar Natasha und Mac verbracht hatte, das sich gerade trennen will, aber noch im gemeinsamen Haus wohnt, erreicht, dass sie zu den beiden zurück kann. Obwohl weder Natasha noch Mac die Situation gesucht hatten, versuchen sie, Sarah Boden unter den Füssen zu geben. Sie ahnen nicht, dass das Mädchen wegen Boo in eine schwierige Lage gerät und nur noch einen Weg sieht: So schnell wie möglich vom Cadre Noir aufgenommen zu werden. Dafür muss sie aber versuchen, nach Frankreich zu kommen.

Dem Leser - oder bei dieser Thematik wohl eher die Leserin - wird schnell klar, dass diese Geschichte weit weg von traditionellen Pferderomanen ist. Wohl spielt vordergründig Sarahs Verbundenheit mit ihrem Pferd Boo eine entscheidende Rolle: Ihre Liebe zu diesem Tier ist es, die sie dazu bringt, Hals über Kopf nach Frankreich aufzubrechen. Letztlich geht es jedoch um weit mehr: Es geht um Verlust, Loslassen können, auf den anderen zugehen. Es geht aber auch um Vertrauen und die Frage, wie weit man Hilfe zulassen kann und darf. Dabei betrifft das nicht nur das Mädchen Sarah, sondern auch Natasha und Mac, die es nicht geschafft haben, in einer Krisensituation aufeinander zuzugehen und sich dadurch gegenseitig das Vertrauen entzogen haben. Und hier ist auch der Kern des Romans: Er handelt von Menschen, die versuchen, mit ihrem eigenen Schmerz, ihren ganz tiefen Verletzungen und Problemen alleine fertig zu werden und sich durch dieses Verhalten so stark abschotten, dass sie den Menschen, die ihnen beistehen wollen, damit weh tun.

Jojo Moyes versteht es ausgezeichnet, Charaktere so aufzubauen, dass sie trotz Ecken und Kanten - oder möglicherweise gerade deshalb - nachvollziehbar bleiben und es möglich wird, sich mit ihnen zu identifizieren. Sarah handelt durchs Band weg wie eine 14-jährige. Sie wird von der Autorin weder zu einer Heldin hoch stilisiert, noch bekommt sie unbewusst erwachsene Züge verpasst. Natasha, die sich in ihre Karriere als Anwältin flüchtet, wirkt hart und unnahbar, kommt den Lesern aber trotzdem nahe. Und Mac, den man zunächst als großen Jungen wahrnimmt, zeigt nach und nach seine verletzte Seite, nutzt aber die Situation, um alte Verhaltensmuster zu durchbrechen. Durch die Konstellation der drei Figuren können alle Betroffenen an der Situation wachsen.

Natürlich baut Im Schatten des Lichts auch auf Klischees auf, die einige Entwicklungen vorweg nehmen. Angesichts der Tiefe der Geschichte, bei der es um so viel mehr geht, als nur um die vordergründige Handlung, mag man das aber verzeihen und nicht als starken Negativpunkt bewerten. Die Geschichte des Großvaters, an sich eine Nebenhandlung, die zwar einen Einfluss auf die aktuelle Situation hat, aber nicht im Zentrum steht, ist eine wesentliche Komponente, wenn es darum geht, weshalb sich Menschen für oder gegen etwas entscheiden und wie sie damit umgehen, wenn sie mit den Folgen dieser Entscheidung nicht glücklich werden können. Mit diesem Roman zeigt die Erfolgsautorin, dass sie ein breites Spektrum aufzuweisen hat und in der Lage ist, vielschichtige und überzeugende Geschichten so zu verpacken, dass sie sich süffig lesen und ebenso großen Unterhaltungswert haben, wie sie Tiefe aufweisen.

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