Die Autobiographie der Zeit

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer, 2016, Seiten: 240, Originalsprache

Couch-Wertung:

85

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

1 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:100
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":1}
Kathrin Plett
Zeit, Raum, Beständigkeit und Abgrund: Die vier großen Mächte

Buch-Rezension von Kathrin Plett Jul 2016

Was ist die Zeit? Wie viele Philosophen haben sich schon mit dieser Frage beschäftigt. Meist wird die Zeit dann als etwas unfassbares beschrieben, das sich jeden Augenblick verändert und immer weitergeht. Je nach Situation vergeht sie mal schneller, mal langsamer. Zu ihr gehören Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre. Sie gibt den Menschen, Tieren und Dingen ihr Alter, selbst ist sie jedoch unsterblich und ewig. Auch der Raum lässt sich ähnlich betrachten. Ohne Raum gäbe es kein Sein. Der Raum bildet quasi die Grundlage der Existenz und den Boden, auf dem sich das Leben bewegt.

Beständigkeit und Abgrund hingegen ergänzen die ersten beiden. Beständigkeit ist ein Zustand von Zeit. Sie existiert dann, wenn etwas über längere Dauer gleich bleibt. Abgründe gibt es zunächst im Raum, wenn er wegbricht und fehlt. Abgrund kann aber auch für das Schlechte der Welt genannt werden, die Abgründe der Seele oder der Menschheit beispielsweise. Gar nicht so einfach, wie hier deutlich wird, sich diesen vier Begriffen abseits ihrer konkreten Bedeutung zu nähern, steckt doch so viel mehr in ihnen, als eine einfache Definition. Lilly Lindner geht in ihrem neuesten Roman einen anderen Weg. Bei ihr sind Zeit, Raum, Beständigkeit und Abgrund Personen, die in einer besonderen Welt existieren und interagieren.

Sie ist fünfzehn, als der Tod sie mitnimmt, denn sie ist zu größerem bestimmt. Sie ist mehr als ein einfaches Mädchen, das zur Schule geht und sich mit Freunden trifft. Sie ist die Zeit. Ihr Leben in Winter ist nun vorbei, ihre Zukunft ist die Erde, auf der es zu diesem Zeitpunkt noch keine richtige Zeit gibt. Sie erwacht dort in einem Menschenkörper, lernt die Menschen und ihre Gewohnheiten kennen, die sie mit ihrer Unsterblichkeit jedoch alle überlebt, für die sie nicht zu fassen ist. Zusammen mit Kevin, dem Raum, David, der Beständigkeit und Shay, dem Abgrund, die wie sie aus Winter auf die Welt gekommen sind und ihr den Rahmen geben, denkt sie über das Leben und die Menschen nach.

Lilly Lindner wurde 1985 in Berlin geboren. Bereits mit fünfzehn begann sie autobiographische Texte und Romane zu schreiben. In ihrem Debüt Splitterfasernackt verarbeitete sie ihre eigene Geschichte - das Buch stand monatelang auf der Bestsellerliste und wurde von der Presse gefeiert. Zuletzt erschienen von ihr die ebenfalls viel beachteten Romane Was fehlt, wenn ich verschwunden bin, Da vorne wartet die Zeit und ihr autobiografisches Werk Winterwassertief.

Lilly Lindner setzt sich in ihrem neuesten Werk beinahe philosophisch mit Zeit, Raum, Beständigkeit und Abgrund auseinander. Dazu wählt sie jedoch einen ungewöhnlichen Weg. Sie personifiziert die vier Mächte, gibt ihnen Namen und lässt sie zu Menschen werden, die zwar nicht ganz gewöhnlich sind, aber unauffällig zwischen den Menschen leben. Die Charaktere der vier sind durch ihre ihnen eigene Macht geprägt, Shay als Abgrund verkörpert das Böse, wo sie auch immer ist, fließt oft Blut, kommt es zu Unfällen oder Tod. Zu David, der Beständigkeit gehören die Lieder, die Traditionen, Dinge, die die Zeit überdauern und Kevin, der Raum bildet die Grundlage für das Sein. Alle drei beschreibt sie als Löcher in der Zeit, Mächte, die die Zeit durchdringen und ihre Gestalt geben. In kurzen Kapiteln, die einzelne Ideen beschreiben und meist nicht länger als eine Seite sind, schreibt Lilly Lindner ihre Ideen nieder. Immer wieder wird der Text durch feine Zeichnungen ergänzt, die den Roman eher zu einer Gedankenreise als zu einer gewöhnlichen Lektüre werden lassen und zum verweilen einladen. Auch wenn die Geschichte auf den ersten Blick befremdlich erscheint, ist sie etwas besonderes. Es erfordert jedoch Bereitschaft, sich auf diese Art von Buch einzulassen. Ist man dazu bereit, trifft man auf eine faszinierende Erzählung, die eine Art moderne Philosophie beinhaltet.

Alles in allem ein lesenswerter Roman, der neben seiner phantasievollen und philosophischen Geschichte auch durch seine liebevoll gestalteten Bilder besticht. Die Autobiografie der Zeit ist kein Mainstream, was das Werk besonders interessant macht.

Deine Meinung zu »Die Autobiographie der Zeit«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
03.11.2016 22:03:27
goat

„Wenn Worte meine Sprache wären“

Was Tim Bendzko für die Musik ist, ist Lilly Lindner für die Literatur. Ihr Name war mir bis dato kein Begriff. Aber an diesem Büchlein mit dem auffälligen Titel und der wunderschönen Gestaltung kam ich einfach nicht vorbei. Das Cover ziert eine aufgeklappte Taschenuhr, aus der Wasser fließt, auf dem wiederum ein Papierboot schwimmt. Das nennt man wohl Zeitfluss?! Und genau diese Zeit verging beim Lesen wie im Flug.

Der Roman umfasst nur 240 Seiten, von denen längst nicht alle komplett beschrieben sind und die viele herausragende Illustrationen enthalten. An dieser Stelle auch ein großes Lob an Lisa Wöhling. Die Inhaltsangabe selbst sagt sehr wenig über den Inhalt des Buches aus. Aber gerade das alles zusammen hat mich noch neugieriger auf „Die Autobiographie der Zeit“ gemacht.

Protagonistin ist die 15-jährige Ich-Erzählerin, die Zeit. Als sie stirbt und der Tod kommt, um sie abzuholen, lastet er ihr eine unheimliche Bürde auf. Sie muss ihren Heimatplaneten „Winter“ verlassen, um zukünftig für „den Rest der Zeit“ als unsterbliche Macht über die Welt zu wachen. Zusammen mit den anderen Mächten – Kevin (dem Raum), David (der Beständigkeit) und Shay (dem Abgrund) versucht sie, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Aber gerade die Menschen lassen diese Aufgabe zu einem schwierigen und komplexen Unterfangen werden …

Die Sätze sind zwar sehr kurz und bündig, aber wählt man die richtigen Worte aus, sagen sie weitaus mehr aus als manch ein langer Roman. Die Autorin muss die Seiten nicht komplett mit Wörtern füllen, denn sie überlässt es uns Lesern, etwas Wortgewaltiges daraus zu machen. Lilly Lindner schreibt über Glück und Unglück, Mut und Angst und auch über Hoffnung und tiefe Hoffnungslosigkeit. Alles in der Macht stehende tun, um ein Unheil abzuwenden? Wie sollen die vier Mächte das schaffen, wenn der Mensch sich selbst zugrunde richtet?

Die Autorin hat mich mit ihren Worten tief bewegt. Ihr Buch handelt von uns Menschen, der Zeit und was wir aus dieser Zeit machen. Über all das machen wir uns viel zu wenig Gedanken und nehmen vieles als selbstverständlich hin. Wer nach diesem Buch nicht ins Grübeln gerät, hat die ganze Geschichte nicht verstanden. „Die Autobiographie der Zeit“ ist ein wundervolles und kostbares Werk, welches ganz sicher fünf Sterne verdient hat. Von mir gibt es eine ganz klare Empfehlung.