Kommt ein Pferd in die Bar

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Tel Aviv: Hotsa´at Hakibuts hame´uchad, 2014, Titel: 'Sus Echad Nichnas Le-Bar', Originalsprache
  • München: Carl Hanser, 2016, Seiten: 256, Übersetzt: Anne Birkenhauer

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Claire Schmartz
Selten gibt es Bücher, die so unmittelbar sind.

Buch-Rezension von Claire Schmartz Jul 2016

Nach dem Lesen muss man sich einen Augenblick lang besinnen: Was ist passiert? Grossmans Roman fordert den Leser als Zuhörer, lässt ihn mit den Augen des Erzählers sehen und zuhören, und macht ihn zum Zuschauer... eines Stand-Up-Comedy-Abends. Das klingt, genau wie der Titel, nach einem Fehlgriff. Aber nein! Diese Erzählung hat es in sich. Als Zuschauer erlebt der Leser diesen Abend mit, der plötzlich von seichter Abendunterhaltung zu einem Sturzbach der menschlichen Traurigkeit wird.

Netanja, ruft Dovele, als er auf der Bühne steht, seid ihr bereit? Und wie bereit man sein müsste: der Abend wird bitterschwarz und trotzdem rasend. Dovele Grinstein, ein todkranker, labiler Mann mit traumatischen Kindheitserfahrungen, steht an seinem 57. Geburtstag klapprig, mit schiefer Brille und strahlend auf der Bühne vor einer Schiefertafel, auf die er einzeichnen wird, wer vorzeitig die Vorstellung verlässt, mit einer Thermoskanne Milch und einem riesigen weissen Sofa. Im Publikum: Netanja. Kindheitsfreunde. Was bringt diese Leute hierher? Unter den Zuschauern ist ein Richter, der Ich-Erzähler. Er ist ein Jugendfreund Doveles, doch die beiden hatten sich aus den Augen verloren. Dass eines Abends sein Telefon klingelt und ihn Dovele persönlich einlädt, zu seiner Vorstellung zu kommen, ist genauso unvermittelt wie seine Zusage. Jetzt sitzt der ehemalige Richter im Dunkeln des Zuschauerraumes und weiss nicht, worauf er sich eingelassen hat. Doch wir können froh sein, dass der Erzähler, der Richter, so lange durchhält und den Leser an der Show teilhaben lässt.

Der Abend beginnt wie eine miese Stand-Up-Comedy-Show, mit flachen Witzen über Blondinen, Netanja, Sprüchen ins Publikum und zur Frau an Tisch sieben. Doch schon von Anfang an fädeln sich Misstöne ein, Witze, die etwas zu scharf und zu persönlich sind, die etwas zu böse und zu verletzend sind - doch noch lachen alle. Die Witze sind grob. Doch manchmal blitzt eine erstaunliche Weichheit durch, die später dafür sorgen wird, dass die Ausrichtung des Abends sich radikal ändert. Sobald es um seine Eltern geht, und zu denen kehrt er inmer wieder zurück, wird Dovele ernst.

 

"Aber jetzt zu meiner Mutter. Sein Gesicht wird ernst. Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren Geschworenen, es geht in diesem Fall um Leben und Tod. Böse Zungen behaupten, ich zitiere nur, sie habe direkt nach der Geburt, als man mich in ihre Arme legte, gelächelt, vielleicht sogar glücklich gelächelt. Quatsch, glauben Sie das nicht, war 'n Gag [...] Aber jetzt im Ernst, ohne Witz, die schönste Mutter auf der Welt ist sie gewesen, das schwör ich euch, solche klasa wird heute gar nicht mehr hergestellt, mit riesigen blauen Augen - er spreizt beide Hände vor dem Publikum, und ich erinnere mich an das leuchtende Blau seiner Augen als Kind -, und sie war die gestörteste und die traurigste Frau im Viertel [...]"

 

Dovele Grinstein ist der Sohn einer Holocaust-Überlebenden, die dann in Israel in einer Munitionsfabrik arbeitete, er ist der Sohn eines kleinen Kaufmannes, der kiloweise vernähte Jeansimitate kaufte, er ist der Junge, der in einem armen und elenden Viertel auf den Händen lief, um seine Mutter nach der Arbeit zum Lachen zu bringen - und um nicht geschlagen zu werden. In dieser Zeit seiner Kindheit kannten sich Dovele und der ehemalige Richter, der jetzt im Publikum sitzt.

Doch für den ehemaligen Richter ist es eine neue Geschichte. Er erfährt von neuen Themen des Lebens seines Freundes, mit dem er immer zu Fuss bis fast nach hause lief, von einer Bushaltestelle zur nächsten, weil das Reden so viel Spass machte. In Doveles Erzählung erlebt er die Zeit, in der sie sich aus den Augen verloren, neu, und erkennt, was im Leben Doveles wirklich passiert ist, was er damals nicht gesehen hat. Dovele erzählt von seinen Eltern und ihrer Beziehung, von ihrer Wohnung und von seiner Kindheit, von einer folgenschweren Abrechnung... aber

 

"halt mal - er stellt sich auf die Zehenspitzen und blinzelt ergriffen und dankbar ins Publikum - interessiert ihr euch wirklich für das Fiasko meiner Royal Family? An dieser Stelle scheiden sich wieder die Geister [...]"

 

In den schwarzen, flachen, groben, manchmal heiklen Witzen und den Erzählungen Doveles findet sich nicht nur sein ganzes Leben, sein Charakter, sondern auch ein Blick auf das Leben, auf Freundschaft und das Mensch-Sein. Auf Israel und seine Politik, seine Geschichte, seine Menschen. "Ist doch nur Spass!", ruft Dovele und das Publikum, das die Luft anhält bei seinen Ausschwitz- oder Palästinenser- oder Holon-Witzen, kann und muss endlich lachen, hat eine Ausrede um zu lachen, um die teils grausamen Stimmungen zu entspannen.

Selten gibt es Bücher, die so unmittelbar sind. Grossmann schafft es, den Leser direkt an seinem Stand-Up-Drama teilhaben zu lassen: als Zuschauer durch die Augen des ehemaligen Richters, des ehemaligen Bekannten und Jugendfreundes Doveles. Als direkten Zuhörer seiner Stimme, als Zuschauer im Dunkeln, Zuschauer seiner Scharade. Leser zu sein bedeutet dankt der engen räumlich-zeitlichen Verknüpfung des Erzählers und Doveles, in Grossmanns Kommt ein Pferd in die Bar sich seiner Rolle als Augen im Dunkeln sehr bewusst zu werden, und sehr nah an den Geschehnissen teil zu haben. Dazu benötigt die Erzählung keine grossen Zeitsprünge oder Erklärungen: alles, was wichtig ist, spielt sich in der erzählten Erzählzeit ab, das Sprechen Doveles deckt sich mit den Entwicklungen des Abends und direkt, unter den lesenden Augen scheint sich die gesamte Situation zu enthüllen, die an sich der Höhepunkt und der Schlüssel des Abends sind. Man muss kein Richter sein, um von der Erzählung in den Bann geschlagen zu werden, in seiner Ehrlichkeit und Menschlichkeit spricht der manchmal grobe Dovele zu jedem Leser.

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Letzte Kommentare:
29.01.2018 16:50:48
K u J Richter

Großartiges, emotional starkes Buch. Nicht erst zum Schluß weiß man: Etwas Ähnliches hat man selten od. noch nicht gelesen. Ständig wechselnder Erzähler macht es manchmal schwer der anspruchvollen Handlung zu folgen.Meine Frau u ich können nur wünschen:lest dieses tolle Buch bis zum lezten Buchstaben u ihr fühlt euch trortz stellenweiser Betroffenheitreit reich beschenkt.

17.10.2017 20:42:14
Hans werner Noll

Schwer, da einzusteigen in das Chaos dieser Gefühlsvielfalt,dann entsteht plötzlich Betroffenheit und schlièsslich Ergriffenheit bis zum tiefen Mitleiden....
.Sprung, ...plötzlich brauche ich eine Pause,kann einfach nicht mehr weiterlesen,lege das Buch weg, um es unmittelbar danach wieder
aufzuschlagen..es beginnt wieder dieses vollkommene hilflose Teilnehmen am der selbstzerstörerischen Darstellung dieses Wesens....
Das Buch ist zu Ende gelesen, ich lasse es noch auf dem Tisch, da ist noch Neugier auf bestimmte sprachliche Formulierungen für diese inneren und äußeren Notsituationen

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