Cox oder Der Lauf der Zeit

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2016, Seiten: 7, Bemerkung: ungekürzte Ausgabe

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Sebastian Riemann
Ein Mensch und ein Gottmensch

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jul 2016

Alister Cox ist seines Zeichens Uhrmacher und Automatenbauer aus England. Nicht einer von vielen, sondern der beste seines Faches, bekannt in der ganzen, weiten Welt. Number one. Für Herzöge und Könige hat er schon gearbeitet, hat für sie in seinen Werkstätten große und aufwendig geschmückte Uhren hergestellt, die mit vielen Edelsteinen besetzt und extravaganten Formen den Reichtum und die Wichtigkeit ihrer Besitzer bezeugen sollen. Cox hat schon alles gebaut, sein Portfolio und sein Ruhm könnten nicht größer sein. Sein Name wird in die Geschichte der Uhrmacher eingehen. Eigentlich kann er nicht höher hinaus, kann nicht mehr erreichen, als er schon erreicht hat. Aber dann erreicht eine Anfrage diesen erfolgsverwöhnten Mann in London und ihm fehlt der Atem. Seine Dienste werden angefragt. Das ist nichts neues, aber der Absender der Anfrage übersteigt Cox´ Vorstellung, damit hatte selbst er nicht gerechnet. Es handelt sich nicht um einen weiteren Herzog, Prinz, König oder Großindustriellen, der seine Kunst in Anspruch nehmen will. Es ist kein gewöhnlicher wichtiger und reicher Mensch, es ist jemand, der weit über allen anderen, über allen Königen steht. Der Kaiser von China, die Verbindung zwischen den Menschen und den Göttern, möchte, dass Alister Cox ins Reich der Mitte reist und dort für den Herrscher der Ewigkeit Uhren und Automaten baut.

China, der Gigant im fernen Osten, um den sich viele Sagen und Legenden ranken. Die meisten Europäer haben nur wage Vorstellungen vom Reichtum und vom Glanz, von den Ausmaßen dieses Kaiserreiches. China ist das exotische andere Ende der Welt, Gegenstand vieler Vorstellungen und Fantasien. Alister Cox willigt ein, er wagt die Reise über die Ozeane, um sich der größten Herausforderung seines Lebens zu stellen. Dabei wird er begleitet von drei weiteren Uhrbauern, den besten Männern in seinen Werkstätten, mit ihnen zusammen will er die Wünsche des Kaisers von China erfüllen.

Am Tag ihrer Ankunft zeigt sich den Engländern, auf welches Abenteuer sie sich eingelassen haben. Die Macht des Kaisers wird am Hafen vor einem großen Publikum demonstriert. Es handelt sich nicht, wie Cox und Co. wohl gehofft hatten, um ein Volksfest oder vielleicht sogar ein überdimensionales Empfangskomitee, das die Ausländer mit viel Prunk und Farbenpracht begrüßen will. Nichts dergleichen. Auf Befehl des Kaisers, des ewigen Herrschers, werden siebenundzwanzig korrupten Beamten und Spekulanten öffentlich die Nasen abgeschnitten. Sie haben sich auf unrechtmäßige Art am Reichtum des Landes und seines Herrschers zu schaffen gemacht. Ein Verbrechen verlangt Bestrafung, ein Verbrechen gegen den Kaiser verlangt eine besondere Bestrafung. Auf einer Bühne tritt der Henker den Verurteilten gegenüber und schneidet jedem von ihnen die Nase ab, so dass sie wie verrückt brüllen und schreien, am Ende einen Chor des Schmerzes und Leides bilden. Ihr Blut und ihre schmerzverzerrten Stimmen künden von der einzigartigen Macht des Kaisers, von seiner Erhabenheit, der man sich nicht in den Weg stellen sollte, die man nicht hinterfragen und niemals herausfordernd sollte. Ein grausames Schauspiel, das den ankommenden Engländern auf den Magen schlägt.

Christoph Ransmayr berichtet von einer Reise in das Reich der Fantasie. Sie lebt von der Exotik und dem Zauber der Fremde, von den farbenprächtigen Eindrücken, die sich über die europäische Gäste ergehen. Zusammen mit Cox staunt der Leser über die Pracht der verbotenen Stadt und das Leben am Hofe des Kaisers von China. Die Ordnung und Organisation im Umkreis des Herrschers, die Art, wie über ihn und seine Außergewöhnlichkeit gesprochen wird, die Distanz zwischen Kaiser und den sterblichen Würdenträgern, die überwältigenden Ausmaße und der unerschöpfliche Reichtum, all dies lässt den Kaiser und sein Reich als etwas göttliches erscheinen, über den Sterblichen stehend. Als Gegenstück dient der Uhrmacher Cox, der sich in keinster Weise über seine Sterblichkeit und seine Menschlichkeit erheben kann. Er arbeitet die meiste Zeit, nicht nur, weil es von ihm verlangt wird, sondern aufgrund der Erfüllung, die ihm aus der Arbeit erwächst. Zum anderen sind seine Gedanken permanent belastet, er kann seine jung gestorbene Tochter und seine vor Schmerz verstummte Frau nicht vergessen. Er schwebt nicht über den gewöhnlichen Menschen, ist vielmehr einer von ihnen, daran ändert auch seine kostspielige und beeindruckende Kunst nichts. Dass er letztlich mit dem Kaiser, jenem unberührbaren, unnahbaren Wesen, Kontakt hat, ist für viele Höflinge ein Tabubruch, schließlich treffen mit Cox und dem Kaiser zwei Welten aufeinander, die streng voneinander getrennt sein sollten.

Christoph Ransmayr hat ein Buch voller Faszination und Spektakel geschrieben, in dem die menschliche Dimension niemals verloren geht. Sie gibt dem Ganzen die Spannung und vermag eine Geschichte zu erzählen, die über die bloße Exotik hinausreicht und den Leser erreicht. Ein bezauberndes Buch, in das man gern seine Nase steckt.

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