Nussschale

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2016, Seiten: 4, Übersetzt: Wanja Mues, Bemerkung: ungekürzte Ausgabe

Couch-Wertung:

83
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Sebastian Riemann
So jung und schon so viele Sorgen

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jun 2016

Das Kind ist nicht von schlechten Eltern und doch sind seine Eltern schlecht, sehr schlecht sogar. Sie lieben ihn nicht, kümmern sich nicht um ihn. Am liebsten würden sie auf ihn verzichten. Der Kleine reift im Bauch seiner Mutter heran, wächst und gedeiht. Er entwickelt sich prächtig. Nur seine Eltern interessiert das nicht. Meistens bemerken sie ihn nicht, da sie zu sehr mit den eigenen Angelegenheiten beschäftigt sind und überhaupt wenig übrig haben für die Idee der Familie. Mutter und Vater leben getrennt, doch das ist nur der Anfang des Problems. Während der heranwachsende Sohn an Größe gewinnt, denkt der Vater nur an seine Gedichte und seinen Verlag für junge Poeten, die Mutter wird zur Mörderin und will meistens die trüben Gedanken in frischen, leichten Weinen ertränken. Das ist das wahre Problem für den Kleinen. Außerdem planen die Mutter und ihr neuer Liebhaber, ihn loszuwerden, sobald er das Licht der Welt erblickt und Forderungen an sie stellt, die sie nicht erfüllen wollen, weil sie schlechthin keine Kompromisse machen und sich auf ein Kind einlassen wollen. Es passt ihnen nicht in den Plan, den sie beim Essen und Wein ausgearbeitet haben. Vielmehr wollen sie sich absetzen und das gute Leben genießen, das sie sich vorstellen. Vorher muss nur das Problem mit dem Vater des Kindes gelöst werden.

Der Junge im Bauch seiner Mutter ist ungewöhnlich begabt, seine Sinne sind außerordentlich gut entwickelt und der Verstand ist seinem Körper viele Jahre voraus. Der Junge ist noch nicht auf der Welt und schon Erzähler des vorliegenden Romans. Er berichtet dem Leser, was geschieht und was er wahrnimmt. Die feinsten Regungen des mütterlichen Körpers bemerkt und versteht er, hört, was sie hört, und nimmt teil am Leben. Eingreifen in das Geschehen kann er nicht, nur hin und wieder gegen die Wände treten, die ihn umgeben und ihm allmählich zu eng werden. Da die Mutter oft und gerne Podcasts hört, ist der Junge auch überraschend gebildet, er kennt sich in der Geschichte aus und kann auch über Kunst sprechen, auch wenn ihm noch die motorischen Fähigkeiten fehlen, um überhaupt zu sprechen. Außerdem ist er ein beachtlicher Weinkenner. Verschiedene Trauben kann er unterscheiden und in Hinblick auf ihre Kombination mit dem Essen beurteilen. Das entsprechende Wissen resultiert nicht aus einem Podcast, den seine Mutter hörte, sondern aus den unzähligen Weinen, die sich die gute und gut aussehende Frau gönnt, während sie hochschwanger ist und sich zunehmend in die Planung eines Mordes einbindet.

Mit Sorgen muss sich der Kleine herumschlagen, um sein zukünftiges Leben zu sichern. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf und immer mehr sieht er sich ins Hintertreffen geraten, da ihn niemand wohlwollend in die Pläne einbezieht. Da kann er meist nicht entscheiden, wen er weniger mag, seinen uninteressierten Vater oder seine unachtsame Mutter. Keiner von beiden will ihm einen Platz im Leben zuweisen, an Familienleben ist überhaupt nicht zu denken. So schwanken seine Sympathien hin und her, er verteufelt einmal die Weltfremdheit des Vaters, der doch eigentlich ein guter Mensch und dem Sohn wichtig ist, ein andermal hat er nur böse Worte für die Mutter über, die ihn doch ernährt und sein ein und alles ist.

Ian McEwan erzählt mit großer Leichtigkeit vom Leben im Bauch. Sein Sprache ist einfach und elegant zugleich, vermag dem Leser diese ungewöhnliche Wirklichkeit der pränatalen Welt nahe zu bringen, die dem Buch seinen besonderen Charakter verleiht. Den Organismus der Mutter hört man arbeiten und verarbeiten, ihren Puls ansteigen oder abklingen. Zwischen den Dialogen der Erwachsenen, die ihren eigenen, mitunter finsteren Plänen nachgehen, nimmt man teil an den Reflexionen des ungeborenen Jungen, an seinen Ängsten und Hoffnungen. Dabei sind die Urteile über seine Eltern und den Liebhaber seiner Mutter besonders unterhaltsam. Mit viel Witz und Finesse wird diese Geschichte erzählt, wird diese aberwitzige Situation bis zum großen Finale durchgespielt und unterhält den Leser derart, dass er dabei mitunter sein Glas Wein vergisst und sich in den Sorgen und Gedanken des Ungeborenen verliert.

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