Auch das wird vergehen

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Anagrama, 2015, Titel: 'También esto pasará', Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2016, Seiten: 170, Übersetzt: Svenja Becker

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Claire Schmartz
... und es vergeht wirklich

Buch-Rezension von Claire Schmartz Jun 2016

Milena Busquets ist eine spanische Übersetzerin, Modejournalistin und Autorin. Nach ihrem Einstieg in den Verlag ihrer Mutter Lumen veröffentlichte sie 2008 ihren Debütroman "Hoy he conocido a alguien" und schrieb nebenher einen Blog bei der Internetzeitung eldiario.es sowie einen Lifestyle-Blog.

Ihr autobiographisch geprägter Roman Auch das wir vergehen galt bereits vor seinem Erscheinen international als grosser Erfolg und wird in mehr als dreissig Sprachen übersetzt. Allerdings ist diese Entscheidung schwer nachvollziehbar, wenn man den Roman tatsächlich liest. Die Protagonistin Blanca ist eine vierzigjährige Frau, die sich nach eigener Aussage nie vorstellen konnte, vierzig zu sein und nicht recht zu wissen scheint, wo sie sich in ihrem Alter positionieren soll.

"Mit zwanzig stellte ich mir vor, wie ich dreißig sein und mit der Liebe meines Lebens und ein paar Kindern zusammenleben würde. Und wie ich mit sechzig Apfelkuchen für meine Enkel backen würde, obwohl ich nicht mal ein Spiegelei zuwege bringe, aber ich würde das lernen. Und wie ich als abgehalfterte Achtzigjährige mit meinen Freundinnen Whisky trinken würde. Bloß dass ich einmal vierzig sein würde, habe ich mir nie vorgestellt, und sogar fünfzig nicht. Aber da bin ich jetzt."

Blanca will ungebunden geblieben sein und erweist sich als uneigenständige Frau, die kurz vor einer Depression steht, weil ihre demenzkranke Mutter gestorben ist und in den letzten Wochen ihres Lebens aufgrund der Krankheit das Bild, das ihre Tochter ein Leben lang von dieser starken, emanzipierten und belesenen Frau hatte, über den Haufen warf. Blanca kehrt zurück nach Cadàques, in das nun leerstehende Haus ihrer Mutter am Meer, das auch ein Boot hat. Sie nimmt ihre beiden Söhne, die Kinderfrau-Haushälterin Ursula, ihre besten Freundinnen Sofia und Elisa sowie deren Freund mit. Doch dann folgen zwei Ex-Ehemänner von Blanca und ein verheirateter Geliebter, der mit seiner Frau in Cadàques Urlaub machen will, und das Chaos an zwischenmenschlichen Komplikationen ist perfekt: Huis clos, eine Seifenoper. Willige Frauen, freie Männer, viel Zeit und Alkohol und Sonne und Meer. Diese Heimkehr ins Haus ihrer Jugend könnte der Anlass sein, sich Gedanken über das Leben zu machen oder sich Fragen zu stellen, doch lieber noch lässt sich Blanca über den Küchentisch legen.

Das erschütternde Erlebnis des Todes der Mutter und vor allem ihrer letzten Wochen wird in der Erzählung immer weiter in den Hintergrund gedrängt - zugunsten flacher Themen und Szenen. Blanca, die ihre Mutter liebte, scheint sich jenseits dieser gesunden Mutter-Tochter-Beziehung nie für etwas anderes interessiert zu haben als Männer, Sex und Äusserlichkeiten. Sie verweigert sich ganz ihrer eigenen Mutter-Rolle, hat zwei Söhne und kümmert sich wenig um deren Ernährung, Sprechverhalten oder Sicherheit. Stattdessen albert sie mit ihren Freundinnen rum, flirtet mit Männern, kommentiert Outfits, trinkt und raucht Gras und ist ganz stolz über ihre Verweigerung des Kochens oder irgendeiner Routine. Sie scheint Halt zu suchen, und will sich doch nicht recht für etwas entscheiden. Oder für einen Mann. Das Problem hierbei ist nicht, dass sie "keine gute Mutter" ist, oder nicht monogam lebt, sondern vielmehr, mit welcher Sichtweise auf sich selber ihr Lebensstil einhergeht. Die Protagonistin hat die Tendenz, sich selber, und Frauen im Allgemeinen, nur in Hinsicht auf Männer zu bewerten, als existieren sie nur für das andere Geschlecht, was zu dramatischen Flachheiten führt:

"Noch ein Mann zum Flirten, denke ich zerstreut, während Elisa und Sofía über Schuhe reden."

Vielleicht ist es die plötzliche Einsamkeit, die sie nach dem Tod ihrer Mutter befallen hat, die ihr die Welt leer und oberflächlich erscheinen lässt. Vielleicht hat sie wirklich keinen Ansprechpartner. Doch es scheint ihrem Weltbild weitaus inhärenter zu sein, sich selber als Objekt zu betrachten und den Blick für das eigentlich Wichtige zu verlieren. Am Tag der Beerdigung tauchte ein unbekannter Mann auf, der ebenfalls plötzlich in Càdaques ist. Sofia rät ihrer Freundin Blanca:

"Genau dein Typ. Geh hin und sag hallo."
"Du spinnst. [...] Am Tag der Beerdigung war ich nicht gerade in Topform."
"Was redest du da! Du hast super ausgesehen, du hattest diese traurige und gedankenverlorene Ausstrahlung, die seitdem eigentlich auch nicht mehr weggegangen ist."
"Man nennt es Depression", sage ich.

Auch das wird vergehen ist ein Buch, von dem Modezeitschriften ekligerweise sagen würden, dass es die perfekte Strandlektüre für Frauen ist. Der Roman versucht, analytisch zu sein und gelegentlich über Leben und Tod zu sinnieren, ergiesst sich aber lieber noch in Oberflächlichkeiten wie aus Frauenmagazinen. Blanca hat keinen Charakter, ist keine Identifikationsfläche, und schnell wird aus dem Angelpunkt der Geschichte, dem Tod der Mutter, der Hintergrund von Verzweiflungsorgien einer verlorenen, 40-jährigen Figur. Dass Männer und Frauen nur als Liebhaber existieren und richtige Liebe gleichzeitig unmöglich bleibt, ist ein ernüchterndes Fazit des Buches. Dass das Ganze den Lesern noch als Feminismus verkauft werden soll, ist erschütternd.

"Du [die Mutter] hast mich so rigoros und nachhaltig gegen jede nicht spielerische Form von Unterwerfung erzogen, dass ich noch nicht einmal Feministin werden musste."

Hätte die Protagonistin doch nur ein bisschen in Richtung Feminismus gedacht! Sie definiert sich allerdings weiterhin über Männer(meinungen) und Mode. Man möchte hoffen, dass es ein Porträt einer 40-jährigen Frau sein sollte, das diese Flachheiten durch ihre klaffende Absurdität und Weltfremdheit aufdecken sollte. Doch im Buch selber, genau so wie angesichts des Covers und Marketings des Buches, gibt es keine Hinweise auf diese Meta-Ebene, auf diese Kritik oder Reflektion. Das Buch ist ein Beleg für das Bild, das vielen Frauen von sich verkauft wird, sowie für die Gedankengänge, zu denen das führt. Haarsträubend.

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