Radetzkymarsch

Erschienen: Januar 1932

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Kiepenheuer, 1932, Originalsprache
  • München: dtv, 1998, Seiten: 416, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2007, Seiten: 14, Übersetzt: Michael Heltau, Bemerkung: ungekürzte Ausgabe

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Sebastian Riemann
Glorreiche Vergangenheit und nahender Zerfall. Roth in Bestform

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jun 2016

Der Niedergang eines Imperiums! Welch großes, welch kolossales Thema für einen Roman! Es geht kaum größer. Ein Kaiser von Gottes Gnaden über allen Menschen im weiten, ungemein vielfältigen Reich, er herrscht über sie wie ein gutmütiger und strenger Vater, er übernimmt Verantwortung vor der Geschichte der Menschheit, vor der Geschichte der Imperien und Kaiser, die sich seit Jahrtausenden schreibt und in ferne Zukunft immer weiter schreiben wird. Ein Kaiser irgendwo zwischen Himmel und Erde, zwischen Menschen und Göttern, erhaben und scheinbar allmächtig. Doch es ändern sich die Zeiten, während der Kaiser der selbe bleibt, sich nicht ändern will. Am Erbe seiner Dynastie hängt er und es paralysiert ihn, so wie es auch sein Reich und die darin lebenden Menschen paralysiert. Ein Vielvölkerstaat dem Untergang geweiht. Tragik auf der größten nur denkbaren Bühne, dabei gar nicht großspurig erzählt, sondern mit viel Gefühl und Hingabe an die Details eines einfachen Menschen, der als allzu sterblicher, allzu schwächlicher Spiegel des Kaisers funktioniert, mit welchem er Bürde und Schicksal teilt.

Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war die Heimat des Schriftstellers Joseph Roth und in ihr siedelte er große Teile seiner Literatur an. Der Radetzkymarsch ist dabei kein beliebiges Beispiel für diesen Heimatbezug, er ist der große, der einzig wahre Nachruf auf das Reich, in dem Roth aufwuchs und arbeitete, und das er zugrunde gehen sah. Kein anderes Werk widmete er so ausdrücklich dem Untergang und dem Verschwinden der Doppelmonarchie.

Carl Joseph von Trotta ist Enkel eines nationalen Helden. Sein Großvater rettete dem Kaiser höchstpersönlich das Leben, wurde zum Dank mit einem Adelstitel versehen und stand fortan hoch in der Gunst des Reiches, wovon später Sohn und Enkel profitierten. Der Großvater war ein einfacher Mann, der in der entscheidenden Situation das Richtige tat und den Kaiser, den Unantastbaren, vom Ross warf, um ihn vor dem Feind zu retten. Beherzt war sein Eingreifen, wichtig und von historischer Bedeutung. Ein wahrer Held, Retter des Imperiums. Doch all das liegt schon lange zurück und wiegt dem Enkel, Carl Joseph, schwer auf den dünnen Schultern. Der Ruhm des Großvaters, von dem jedes Kind die Geschichte kennt, erdrückt den jungen Mann, der sein ganzes Leben lang stets nur der Nachfolger jenes Helden war. Die Vergangenheit war so ruhmvoll und einzigartig, da weiß Carl Joseph keinen Weg, sich selbst zu finden, sich selbst zu etablieren. Könnte er etwas derart Wichtiges vollbringen, wie es einst sein Großvater tat? Nein, das kann er wohl nicht, muss er sich eingestehen. Aus dem Schatten seines Ahnen kann er nicht treten. Es bleibt ihm nur seine Pflicht zu tun. Bei der Armee, natürlich. Doch hat er wenig Begabung dafür und schleppt sich mehr durch die Stationen seiner Laufbahn als sie mit Schwung zu nehmen, wie man es von einem jungen Mann mit Potential erwartet.

Es fehlt dem jungen Trotta an Perspektive, an Hingabe, an Motivation. Er vegetiert vor sich hin. Ziel und Weg im Leben, weder das eine noch das andere hat er. Vorbestimmt scheint alles und so ergibt er sich in sein Schicksal, in seine öde Laufbahn beim Militär, die er nicht mit Leben versehen kann, nicht mit Leben versehen will, weil er sich ohnehin nicht zu den Höhen wird aufschwingen können, in denen das Erbe des Großvaters sitzt und auf ihn wartet.

 

"Der Kaiser von Österreich-Ungarn darf nicht von Gott verlassen werden. Nun aber hat ihn Gott verlassen!"
Der Bezirkshauptmann erhob sich. Niemals hätte er geglaubt, dass es einen Menschen in der Welt gebe, der sagen könnte, Gott habe den Kaiser verlassen.

 

Der junge, antriebslose Mann ist Vertreter seiner Heimat. Auch diese lebt von der glorreichen Vergangenheit, vom pompösen Klang, mit dem der Name des Kaisers ausgesprochen wird. Doch sobald der Klang verhallt, gibt es nichts zu sagen. Der Kaiser ist mehr Schein als Sein, das Imperium eigentlich ein altes, wackliges Haus, das seinen Namen nicht verdient und nur solange stehen bleibt, bis der erste, zufällige Wind es hinwegfegt.

Joseph Roth schreibt große Geschichte, versinnbildlicht historische Ereignisse und setzt alles ungemein gekonnt in Familiengeschichte um. Die Trägheit der Donaumonarchie spürt der Leser beim jungen Trotta, die Trauer bei dessen Vater. Der Autor vermag es, der Entwicklung eines Kaiserreiches eine Emotion zu geben. In durch und durch menschlichen Bildern zeigt er auf, wie es lebensunfähig ist, überfordert von der Zukunft. Das ist große Kunst, diese Verbindung vom Kolossalen und Menschlichen.

Der Radetzkymarsch ist packend, man will diesen schwächlichen Leutnant Trotta nicht aus der Hand legen, will ihn nicht allein lassen, weil er doch so unheroisch und bemitleidenswert ist, man schließt ihn ins Herz und sieht die ganze Zeit seinen Untergang kommen.

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