Unsühnbar

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Manesse, 2016, Seiten: 352, Originalsprache

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Almut Oetjen
Utilitarismus und Romantik

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jun 2016

Maria Comtesse Wolfsberg ist verliebt in den Frauenhelden Felix Tessin, den ihr Vater jedoch ablehnt. Er möchte, dass sie den Grafen Hermann Dornach heiratet. Maria folgt dem Wunsch ihres Vaters, entspricht damit auch den Wiener Aristokratieregeln. Graf Dornach ist keiner der unangenehmen männlichen Zeitgenossen, die seine Welt bevölkern, er liebt seine Frau, die sich ihrem vom Vater vorbereiteten Schicksal ergibt, im Wohlstand lebt und Mutter wird.

Als Maria Tessin wieder begegnet, lässt sie sich von diesem weniger zum Sex verführen als nötigen und wird schwanger. Das Kind, ihren zweiten Sohn, den sie nicht lieben kann, gibt sie als das ihres Mannes aus. Schicksalsschläge führen dazu, dass Maria ihren Ehebruch öffentlich macht.

Sein und Schein

Marie von Ebner-Eschenbach, geborene Comtesse Dubsky, war in der Habsburger Monarchie Angehörige der Oberschicht. Gegen den Willen ihrer Eltern entwickelte sie sich zur Literaturliebhaberin, schrieb als Kind Gedichte. Während ihre Familie dieses Leiden für heilbar hielt, wollte Marie ihm zur Dauerhaftigkeit verhelfen. Sie wurde eine genaue Beobachterin ihrer Umwelt und lotete in ihrem literarischen Schaffen menschliche Stärken und Schwächen aus. Ebner-Eschenbach nimmt in Unsühnbar eine moralische Haltung ein, schreibt über Themen ihrer Zeit, die Frauenfeindlichkeit und die Verlogenheit der gehobenen Gesellschaft Wiens, Männer, die Frauen als Objekte der Begierde sahen und keine Probleme damit hatten, deren soziale Position zu schädigen. Den Normalfall bildeten eine Eheschließung aus rein finanziellen oder auch politischen Motiven, Ehebruch. Liebe und Treue waren eher etwas für das Wunschdenken und das Feld des Trivialen.

Die Liebe, so Marias Vater, könne sich im Verlauf der Ehe einstellen. Damit wäre die Liebe definiert als Solidarität der Eheleute, mithin weitab von der romantischen Vorstellung der Liebesheirat, welche die Liebe als Grundlage für die Wahl des Ehepartners beschreibt. Eheschließung ist im sozialen Feld von Unsühnbar nicht verbunden mit der Lösung von den Eltern und der Gründung einer eigenen Familie, sondern Ausdruck der Kontinuität des Bestehenden, der Fortsetzung der Familie.

Die gesellschaftliche Doppelmoral ist gleich Gegenstand der ersten Szenenfolge von Unsühnbar. Das gehobene Publikum hat Fidelio gesehen, Ludwig van Beethovens Oper in zwei Akten über Liebe und Treue, über die Unbesiegbarkeit menschlicher Hoffnung. Danach verschwendet man keinen Gedanken mehr an das Gesehene und begibt sich zurück in den Alltag, der weder in der Handlung noch der Haltung etwas mit der Oper gemeinsam hat. Anders als die arme, junge Lehrerin, die aus der Oper Kraft zu schöpfen imstande ist.

Humanität kann das strenge Korsett der Gesellschaft nicht durchdringen. Der Widerspruch von privater und öffentlicher Existenz wird aufgelöst zugunsten des Öffentlichen. Verhalten jedoch nimmt man erste Anzeichen von Veränderung wahr: die Angehörigen der Generation Marias verdammen sie nicht, es gibt keine Notwendigkeit der Selbstschädigung Marias angesichts ihres Ehebruchs, dem sie in keiner Buchführung eine Motivierung durch ihren Mann zuweisen kann. Dornach, ein Angehöriger dieser Generation, lebt, Ausdruck dieser Veränderung, mit Maria auf dem hellen, freundlichen Anwesen. Während das Wolfsbergs eher an einen viktorianischen Schauerroman erinnert – warum, wird in der Erzählung deutlich.

Bis Veränderungen die Gesellschaft durchdringen, ist es aber noch ein weiter Weg. Junge Offiziere sind alle nach dem gleichen Rezept hergestellt und imprägniert, ein vernünftiger Mensch kann nicht fromm sein, eine Treibjagd und das Verenden der Tiere, die Hingabe einer Frau – wer kennt nicht das Bild vom Orgasmus als kleinem Tod - an ihren Mann weisen im Detail Ähnlichkeiten auf. Auch Marias Vater ist ein Ehebrecher. Tessin ist Inszenator eines Szenarios, dessen Ziel die sexuelle Begegnung mit Maria sein soll.

Wie bei Beethoven Florestan Leonore als Engel sieht (in einer Fiebervision), so ist Maria für ihren Mann ein solcher. Unsühnbar ist der Ehebruch Marias, die sich Vorwürfe macht, zu verschiedenen Gelegenheiten ihrem Mann ein Geständnis liefern will, um ihn zu schützen jedoch davon Abstand nimmt. Könnte sie auch im Lauf der Zeit damit leben, so wird dies unmöglich durch den Sohn aus dieser Verbindung, eine ständige Erinnerung an den Fehltritt. Während die sexuellen Eskapaden der Männer kaum bis gar nicht zu Schuldgefühlen führen, dem gesellschaftlichen Regelsystem sei dies gedankt, leidet Maria unter ihrer Schuld.

Als der Roman von Marie von Ebner-Eschenbach im Jahr 1890 veröffentlicht wurde, nahm er Themen vorweg, die wenig später von Friedrich Spielhagen in Zum Zeitvertreib (1896) und Theodor Fontane in Effi Briest (1895) behandelt wurden. Der häufige Vergleich mit Fontane, begründet damit, dass Ebner-Eschenbachs Roman fünf Jahre vor der Effi erschien, ist nicht unbedingt von Vorteil. Die Subtilität Fontanes geht Unsühnbar ab. Ebner-Eschenbach expliziert, arbeitet mit Mitteln des Melodramas, mit Pathos und dramatischen Auftritten.
Er erwies sich als einer der ersten literarischen Beiträge zur Frauenbewegung, stieß auf breite Ablehnung und wurde in den Jahrzehnten danach kaum rezipiert. Am 12.3.2016 jährte sich Ebner-Eschenbachs Todestag zum hundertsten Mal. Ein Anlass für Verlage, ihre Archive oder das Werk der Autorin auf mögliche Neu- oder Wiederveröffentlichungen durchzusehen. Manesse brachte deshalb Unsühnbar heraus, mit einem Nachwort von Sigrid Löffler.

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