Superposition

  • Hamburg: Hoffmann und Campe, 2015, Seiten: 272, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2017, Seiten: 272, Originalsprache
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Sebastian Riemann
801001

Belletristik-Couch Rezension vonMai 2016

Dynamischer Großstadtroman mit Jazz und großen Fragen

Izy Cool. Sie hat alles, was man braucht, um als anbetungswürdige Großstadtkünstlerin durchzugehen. Sie ist jung, intelligent, Jazzmusikerin mit Ambitionen und Erfolg, und natürlich sieht sie gut aus. Das Leben liegt vor ihr wie eine reife, saftige Melone und sie greift zu, genießt die Süße und Frische. Ein junges Dasein voller Freude und blendender Aussichten. Aber wie gesagt, sie ist eine Großstadtkünstlerin und als solche ist sie immun gegen jede Anwandlung von heiler Welt und blumigen Lebensentwürfen. Der leichte, offensichtliche Weg geradeaus zum schönen Leben ist nicht für sie gemacht. Etwas Verruchtes und Fatales haftet ihr an, so wie man es von einer aufstrebenden und begabten Jazzmusikerin in Babylon erwartet. Sex, Drugs and Jazz, das ist der erste Eindruck bei der Lektüre, dann aber vermag die junge Autorin dem Ganzen mehr Tiefe und auch mehr Aktualität zu verleihen. Ein ausgezeichnetes Debüt über Jugend, Identität, Sinn und Lust.

Izy ist auf dem Weg nach oben, sie unterschreibt einen Vertrag für eine Theaterproduktion und kann sich Hoffnungen machen, bald von ihrer Musik leben zu können. Die Tage der schlecht bezahlten Kunst nähern sich ihrem Ende. Das passt ins Bild, denn auch Izys Freunde sind jung und auf dem Weg nach oben. Nur das wahre Glücksgefühl will sich nicht einstellen, immerzu versinkt Izy in sehnsüchtigen Gedanken an den Mann ihrer Träume. Er lebt mit einer anderen Frau zusammen, Izy ist seine Geliebte. Selten sehen sich die beiden, meistens kann er nicht, meistens denkt Izy an ihn. Teilen will sie ihr Leid und ihre Freude mit ihm, kann es aber nicht. Unerreichbar scheint er.

Wer ist Izy, was ist Familie und Heimat? Das Buch ist mitunter philosophisch in seinen Fragestellungen und erfrischend, wenn auch nicht erhellend, in seinen Antworten. Deutsch-Russin und Jüdin sind zwei Etikette, die ihr angeheftet werden, aber nicht allzu gute Dienste leisten bei der Beantwortung der Fragen, sondern sie vielmehr zwischen den Stühlen sitzen lassen, und so sucht sie lieber in der eigenen Familie nach Sinn. Jedoch fühlt Izy die Familiengeschichte schwer auf sich liegen. Alles Streben der Eltern und der vorangegangenen Generationen, wohin führt es denn?

 

"Es macht überhaupt keinen Sinn alles bis jetzt. So viel Mühe, Liebe, Geld, Risiken, falsche Pässe – alles nur, damit es mich gibt. Und ich weiß nicht, was tun damit, lebe so vor mich hin. Als ob man eine Riesenshow vorbereitet hätte, alle herbeigerufen, sie sollen unbedingt kommen, auch Freunde mitbringen, es sich ansehen, das wird Wunder was Tolles, dann Pauken, Trompeten, der Vorhang geht auf, und dahinter – sitzt jemand auf einem Stuhl und guckt dumm. Und das ist alles. Das bin ich."

 

Neben den philosophischen Fragen, der Sehnsucht und dem Jazz – der wirklich gut zum Buch passt und jedem Leser als Soundtrack empfohlen werden kann, vorzugsweise in Form von Chet Bakers Trompete oder Bill Evans Klavier – gibt es natürlich ein paar Partys zu feiern. Alles wird dabei miteinander verbunden und vermischt, schnell geht es hin und her, das ist unterhaltsam und so muss ein Großstadtroman geschrieben sein. Dazu gibt es eine gehörige Portion an vulgärem Vokabular, welches selten übertrieben oder gezwungen wirkt, sondern meistens gut das ungezwungene Ambiente wiedergibt und dem Ganzen Authentizität verleiht. Viele Ausrufezeichen muss man dabei in Kauf nehmen, es ist halt laut in einer großen Stadt. Das weiß man.

Kat Kaufmann wurde in Sankt Petersburg geboren und lebt nun als Schriftstellerin, Fotografin und Komponistin in Berlin. Ihre eigene Biografie weist also viele Parallelen zur Protagonistin Izy auf. Die überzeugende Darstellung mag wohl zu guten Teilen auf diesen Parallelen beruhen und aus ihnen ihre Kraft ziehen. Die Jury des Aspekte-Literaturpreises überzeugte der Roman jedenfalls, sie zeichneten Kat Kaufmann mit dem Preis für das beste Debüt 2015 aus.

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