Albertos verlorener Geburtstag

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • München: Knaur, 2016, Seiten: 336, Übersetzt: Gabriela Schönberger

Couch-Wertung:

80
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Rita Dell'Agnese
Die Suche nach einem Stück Identität

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mai 2016

Für Tino ist es unverständlich, dass sein Großvater nicht weiß, wann er geboren wurde. Der Siebenjährige findet, dass jeder Mensch Geburtstag feiern sollte. Also macht sich Abu, wie der Großvater von Tino liebevoll genannt wird, daran, seinem Enkel seine Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der im spanischen Bürgerkrieg nicht nur seine Familie verliert und im Waisenhaus landet, sondern auch sein Gedächtnis verloren hat und damit nicht genaueres über seine Herkunft weiß. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Großvater nie nach seiner Vergangenheit geforscht. Doch nun sieht alles anders aus. Denn Tinos Situation ist schwierig: Sein Vater liegt nach einem schweren Unfall im Krankenhaus und niemand weiß, ob er überleben wird. So hat sich der Großvater bereit erklärt, seinen Enkel eine Weile bei sich aufzunehmen, damit sich Tinos Mutter ganz auf ihren schwer verletzten Mann konzentrieren kann. Um Tino auf andere Gedanken zu bringen, geht Alberto auf seinen Wunsch ein und macht sich zusammen mit dem Jungen auf Spurensuche.

Diana Rosie wählt eine ungewöhnliche Art, an die Geschichte heran zu gehen: Sie wählt eine wechselnde Erzählperspektive. Zum einen ist die sehr intensive und liebenswerte Beziehung zwischen Tino und seinem Großvater Abu der rote Faden, der die Geschichte ausmacht. Zum anderen sind es Erinnerungen von sehr unterschiedlichen Personen, die der Geschichte zusätzliche Tiefe geben. Es braucht vom Leser zwar die Bereitschaft, sich auf diese Erzählweise einzulassen, doch dafür wird er mit einer sehr feinfühligen und außergewöhnlichen Geschichte belohnt.

Es ist nicht ganz schlüssig, ob Diana Rosie nun das Thema Krieg und Grauen besonders hervorheben möchte, oder das Gewicht eher bei der liebevollen Großvater-Enkel-Beziehung ansiedeln möchte. Beide Varianten haben ihre Berechtigung und beide Erzählperspektiven punkten mit sehr viel Gefühl, ohne sich in Rührseligkeit zu verlieren. Die Suche nach seiner Identität ist für den Großvater eine wichtige Station, die ihm zugleich die Chance gibt, den Enkel davon abzuhalten, über die schwierige Situation zu grübeln, in der sein Vater steckt. Hier ist allerdings auch Kritik angebracht. Dass sich Tino so leicht ablenken lässt und sich ganz auf die Geschichte des Großvaters konzentriert, mag nicht ganz glaubwürdig sein.

Diana Rosie schafft es, das unschöne Thema des spanischen Bürgerkriegs aufzugreifen und auf eine leicht lesbare und dennoch eindrückliche Art zu präsentieren. Die Wahl der einzelnen Charaktere ist sehr umsichtig geschehen und gibt dem kleinen Roman besonderen Tiefgang. Es ist eines der Bücher, die noch lange nachwirken, wenn man sie aus den Händen gelegt hat. Und die man nicht zu schnell verschenken sollte. Denn immer wieder tauchen Szenen vor dem geistigen Auge auf, die dazu animieren, das Buch nochmals in die Hand zu nehmen und die betreffende Stelle nachzulesen. Damit hat die Autorin nicht nur eine sehr schöne Unterhaltung geschaffen, sondern auch die Türe zu einer Welt aufgestoßen, die den meisten Leserinnen und Lesern bis dahin noch unbekannt war.

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