Menschen im August

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: S. Fischer, 2015, Seiten: 368, Übersetzt: Franziska Zwerg

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Sebastian Riemann
Politische Kolumne, die kein Ende nimmt

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Mai 2016

Die Großmutter war eine ungewöhnliche Frau. So empfand es der Enkel, der mit ihr unter einem Dach lebte und sie aus der Nähe erlebte, ihr Altern und ihr Resignieren. Es ist der Enkel, der von ihr ein ganz besonderes Geschenk erhält. Keine Schokolade, kein Spielzeug, nichts worüber sich die meisten Enkel freuen würden, sondern ein Buch voller Notizen. Es sind Erinnerungen aus den vergangenen Jahrzehnten, eine Innensicht der Dinge, die geschahen, über die aber niemand zu reden wagte infolge der sich wandelnden politischen Situation und der beständigen Repressionen. Das Buch ein stummer Zeuge, denn damals dürfte es nur stumme Zeugen geben. Kritiker waren nicht geduldet und so musste man sagen, was von einem erwartet wurde. Der Ausweg der Großmutter war jenes Büchlein, das sie mehr oder weniger gewissenhaft führte und darin festhielt, was sie dachte, aber nicht sagen dürfte, was sie fühlte, aber mit niemandem teilen konnte. Es ist Zeitgeschichte und Tagebuch zugleich, vermischt das Gesellschaftliche und Private. Soweit der Prolog von Menschen im August. Eine lange Vorgeschichte, zu lang, zu umständlich und nicht gut erzählt, aber immer noch besser erzählt als große Teile des Buches.

Die Handlung des Buches ist in der Post-Sowjetzeit angesiedelt. Verfall, Rechtlosigkeit und Orientierungslosigkeit prägen die Orte und die Menschen, die eine Epoche hinter sich lassen, aber noch nicht in der neuen Epoche angekommen sind. Das Alte ist zusammengebrochen, alte Ideen und Vorstellungen sind verloren. Im Buch macht sich eine geradezu apokalyptische Stimmung breit, es scheint, dass die Länder der ehemaligen Sowjetunion jeglichen inneren Zusammenhalt verloren haben und wie faulende Kadaver auf einer Müllhalde liegen. Geist und Kraft sind aus ihnen gewichen. Kein schöner Ort zum Leben. Auch nicht zum Reisen.
Der Protagonist des Buches bewegt sich in der neuen, sich selbst erst noch findenden Gesellschaft und bewegt sich zugleich in der Vergangenheit. Die aufgeschriebenen Erinnerungen der Großmutter sind ihm im Gedächtnis geblieben, ganz besonders die mysteriöse Beziehung zum Großvater, der zu großen Teilen übergangen und verschwiegen wird in den Aufzeichnungen, als gäbe es ihn nicht oder als wäre er nur eine Randfigur, die keinen ganzen Satz wert ist. Der Großvater ein Unbekannter, den viele Rätsel umgeben.

Auf der Suche nach Beschäftigung gerät der Protagonist an Personen, die an ihm ein Interesse als Kurier haben. Reisen soll er und bestimmte, ungewöhnliche Gegenstände holen oder bringen. Da der namenlose Mann, der dem Leser von seinen Abenteuern berichtet, wenig Perspektiven oder Ideen hat, willigt er ein, macht sich auf den Weg und wird Teil der absurden, zerfallenden Gesellschaft. Auf seinen Reisen gerät er in verlassene Gegenden, an allerhand dubiose Gestalten, die exemplarisch für die zerbrochene Ordnung stehen, und findet immer wieder Spuren der Vergangenheit. Nicht nur der Vergangenheit, die er beruflich ausfindig machen soll, sondern auch der Vergangenheit seiner Familie. Er nähert sich dem Großvater.

 

"Dort, in dieser blutigen Masse, konnte man Reines von Üblem, Erlittenes von Erdachtem nicht mehr unterscheiden. Dort gab es die UdSSR noch – als Ansammlung zerbrochener Existenzen, Deportationen, die das Leben ganzer Völker verändert hatten, mit Blut gezogener Grenzen, die den einen etwas nahmen und anderen etwas gaben, eine unvorstellbare Fülle gegenseitig zugefügter Ungerechtigkeiten, die umso grausamer waren, als die Rollen wechselten..."

 

Sergej Lebedew schreibt politisch. Die Vergangenheit in seinem Buch ist nicht Gegenstand von Beschreibungen, sondern von Urteilen, Kommentaren und Analysen. Der Autor ist mehr Journalist als Schriftsteller. Zu großen Teilen liest sich das Buch wie eine ewig lange, nicht enden wollende Kolumne. Allgemeine Zustände und Zusammenhänge will er darstellen und sucht sich dafür beispielhafte Personen, um das Ganze als Roman zu kleiden, während er dabei aber das Erzählen vergisst. Dem journalistischen Schreiben ist wichtig, die Meinung so wuchtig wie möglich zu präsentieren, dafür opfert es leichthin Form und Poesie. Dem Leser wird die Mühe, sich selbst eine Meinung zu bilden, abgenommen.

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