Alles Licht, das wir nicht sehen

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • New York: Srcibner, 2014, Titel: 'All the Light We Cannot See', Originalsprache
  • München: C.H. Beck, 2015, Seiten: 519, Übersetzt: Werner Löcher-Lawrence
  • München: btb, 2016, Seiten: 528, Übersetzt: Werner Löcher-Lawrence

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90
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Rita Dell'Agnese
Intensive und berührende Geschichte um eine Begegnung zweier Kriegsgegner

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Apr 2016

Marie-Laure ist blind. Dass sie sich in ihrem Leben zurechtfindet, hat sie unter anderem ihren Vater zu verdanken, einem Angestellten im Muséum National d 'Historie Naturelles in Paris. Der kreative Mann fertig für seine Tochter ein Modell des Viertels an, in dem sie leben. Dadurch gelingt es Marie-Laure eigenständig auf der Straße unterwegs zu sein. Europa steckt mitten im zweiten Weltkrieg. Als klar wird, dass die deutschen Truppen auf Paris zumarschieren, flüchtet Marie-Laures Vater mit seiner Tochter nach Saint Malo zu einem wunderlichen Onkel. Marie-Laure wähnt sich in Sicherheit, muss aber bald erkennen, dass Missgunst und Kleingeist diese trügerische Sicherheit zerstören. Ihr Vater wird interniert und Marie-Laure lebt nun mit dem Bruder ihres Großvaters alleine im Haus. Bis auch er verschwindet und das blinde Mädchen seinem Schicksal überlassen scheint. Da trifft Marie-Laure auf den deutschen Soldaten Werner Hausner. Der junge Mann hat sich einen Namen als hervorragender Techniker geschaffen und soll einen Partisanen-Sender ausheben. Just jenen Sender, den Marie-Laures Großonkel auf dem Dachboden betreibt. Die schicksalhafte Begegnung der beiden jungen Menschen verbindet plötzlich die Welten, die gegeneinander Krieg führen. Marie-Laure erkennt in Werner einen Vertrauten, auch wenn er zur gegnerischen Armee gehört. Sie ahnt, dass er ihr weiteres Schicksal mitbestimmen wird.

Ein Hoch auf Amerika

Gleich vorweg genommen: Der Roman hat alles, was ein guter Roman haben muss. Er ist spannend und in einer sehr angenehmen Sprache geschrieben. Die Geschichte kommt dicht an den Leser heran und gibt ihm einiges zum Nachdenken. Der Autor versteht es, seine Figuren so auszugestalten, dass sie schillern, Sympathie wecken und den Leser ganz dicht an sich heran lassen. Das Zusammenspiel der Figuren ist überzeugend ausgestaltet und lässt keine Wünsche offen. Und doch gibt es ein Aber. Anthony Doerr erzählt die Geschichte eines französischen Mädchens mit Handicap und eines jungen Deutschen aus der Sicht des Amerikaners. Und genau das verhindert, dass das Buch in allen Belangen ein einzigartiges Leseerlebnis wird. Denn immer wieder mal verliert er sich in diesem unkritischen Heldendenken in Bezug auf seine eigene Nationalität.

Beklemmende Ähnlichkeit

Was Doerr hervorragend gelingt: Er beschreibt den sich langsam ausbreitenden Nationalsozialismus und skizziert die um sich greifende Angst auf eine realistische Weise. Ob gewollt oder unbewusst stellt er auch einen Vergleich mit der aktuellen Lage in Europa her, was durchaus dazu angetan ist, über die aktuelle politische Situation nachzudenken. Die Grundaussage von Doerrs Roman Alles Licht, das wir nicht sehen ist jedoch eine andere. Die blinde Marie-Laure, die auf ihre Weise mehr sieht als alle anderen und der einsame junge Deutsche Werner, der in der jungen Pariserin eine verwandte Seele entdeckt, stehen für die Menschen außerhalb der Norm, die nicht nur ihr Leben meistern und über erstaunliche Fähigkeiten verfügen, sondern auch über eine große Portion Menschlichkeit.

Alles Licht, das wir nicht sehen ist ein Buch über den Krieg. Ein sehr menschliches, sehr bewegendes Buch. Über Menschen, die am Krieg zerbrechen und ihn doch führen müssen. Und über Menschen, die im Krieg das verlieren, was ihnen am wichtigsten war: Ihre Heimat und ihre Identität. Anthony Doerr hat weder das Grausen noch die Lichtblicke in düsteren Zeiten weggelassen. So ist man zum Schluss mit der Geschichte versöhnt, selbst wenn sie sich ganz anders entwickelt, als man das wohl erwartet.

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