Weit über das Land

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Parlando, 2016, Übersetzt: Christian Brückner, Bemerkung: ungekürzte Lesung

Couch-Wertung:

84
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Almut Oetjen
Abrüstungen für das Leben

Rezension von Almut Oetjen Mär 2016

Nachdem Thomas und seine Familie aus dem Spanienurlaub wieder zurück in der Schweiz sind, einem Dorf im Thurgau, geht er am Abend einfach, ohne sich zu verabschieden oder eine Begründung zu liefern. Zurück bleibt seine Frau Astrid mit den beiden Kindern. Thomas schlägt sich durch, übernachtet auf einem Campingplatz, gerät zufällig in ein Bordell, in dem er zwei Bier trinkt und dann wieder geht, einen langen Weg ohne festes Ziel. Mehr sei nicht verraten.

Ein Buch der Bewegungen

Peter Stamm schreibt in seinem ersten Satz über den engeren Lebensraum von Thomas, er sei "ein dunkles Verlies, aus dem es kein Entkommen mehr gab". Liest man Weit über das Land als einen Roman der Bewegungen, dann etabliert er eine Kreisbahn, die diesen engen Lebensraum einschließt. Einen Lebensraum der Rituale, die bis zur Erschöpfung vollzogen werden, oder bis zum Ausbleiben der Selbstwahrnehmung und der geliebter Menschen.

Als Thomas geht, sind die Einzelbewegungen diffus und die Summe dieser Bewegungen beschreibt die zunehmende Entfernung von seinem Haus und seiner Familie, dann von seinem Dorf. Durch das Verlassen dieses Kreises begibt er sich in eine exzentrische Position. Er weiß zudem nicht, wohin er geht. Der Beginn ist markiert durch vier Momente: das Verlassen des Verlies genannten Raumes, das Verlassen des dörflichen Gravitationsfeldes, die Wahrnehmung von Stille und Lebendigkeit im Waldinnenraum, das Erreichen der Campinganlage. Thomas, der einmal charakterisiert wird als eigenbrötlerischer Dickschädel mit Autoritätsproblemen, fühlt sich in den Bergen sicher.

Im Weiteren erfolgt eine Südwest-Bewegung auf eine Bahn, die Thomas durch Länder der Europäischen Union führt. Die Bewegung gleicht erst einmal einem Abstieg aus der Zivilisation in die Bergwelt, in die er eintaucht, sich an seine Kindheit erinnert. Thomas fühlt sich zunehmend frei, lernt neu zu atmen. Der Titel "Weit über das Land" verweist auf den offenen Raum, sagt nichts über politische Grenzen, wie auch Thomas' Bewegung durch die Europäische Union eine ohne Beschränkung ist und der Roman selbst keine Kapiteleinteilungen hat.

Wenn ein Mensch sein angestammtes soziales Umfeld verlässt, kann man ihm Fragen stellen: Denkst du denn nicht auch an deine Familie? Oder: Willst du einfach alles hinschmeißen? Peter Stamm schickt seinem Weggehenden Thomas keine derartigen Fragen hinterher. Er lässt ihn einfach gehen. Aber nein, so einfach nun doch wieder nicht. Bietet der Roman auch keine Erklärungen, so doch ein paar wenige verstreute Informationen.

Du musst dein Leben ändern

Stamm erzählt aus zwei ständig wechselnden Perspektiven, der von Thomas und seiner Frau Astrid. Es wird keine Position für eine der Figuren eingenommen, noch wird deren Verhalten bewertet. Während Astrids Umwelt die Beziehung irgendwann, nicht spät, für beendet erklärt und diese Einsicht auch von Astrid einfordert, verbleibt sie zum Teil in ihr, in Form von Erinnerungen und Gedanken im Möglichkeitenraum.

In Momenten meint man, in den Text hineinlesen zu können, Stamm erzähle von einer gescheiterten oder scheiternden Paarbeziehung. Aber dafür gibt es keine Anhaltspunkte, beide Partner denken nach dem Weggang liebevoll und mitunter sehnsüchtig an den jeweils anderen. Weiter, Thomas sei ein Versager, der mit seinem Leben nicht zurande kommt. Auch hierfür liefert die Erzählung keine Anhaltspunkte. Thomas scheitert nicht, noch beschreibt sein Verhalten ein aus der Welt fallen.
Bevor Thomas geht, scheint er in der ihn umgebenden engen Welt abrupt sein Ich zu spüren, was ihm unheimlich ist und ihn erst einmal sprachlos werden lässt – nicht zuletzt sich selbst gegenüber. Die Selbstwahrnehmung in diesem Moment kann nicht grundlos sein. In Phasen der Nicht-Beschäftigung mit einem Problem kommt es vor, dass das menschliche Gehirn weiter an diesem Problem arbeitet. Und dann steht man vielleicht irgendwann auf und geht.

Ein Aspekt wäre die Schwierigkeit der Nähe, die dazu führt, dass einem der geliebte Mensch im Zeitverlauf fremd wird, weil man ihn zunehmend durch das Alltagsbild, eine spezifische Präsentation oder Projektion, ersetzt. Indem Thomas geht und Distanz erzeugt, gelingt ihm eine andere Wahrnehmung Astrids.

Das Leben sieht Thomas an, in seinen Ausprägungen als Nachbarn, Kollegen, Arbeitgeber, Behörden. Will Thomas deshalb unterm Radar verschwinden, aber nicht aus seinem Leben, das er auf radikale Weise ändert, einfach, indem er geht? Will er etwas, das man zweckfreie Existenz nennen könnte?

Während der Lektüre denkt man auch, in Weit über das Land finde sich eine Reflektion gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und zwischenmenschlicher Beziehungen, und es gehe um das intellektuelle Überleben. Einer der Romane, die auch nach der Lektüre zu beschäftigen vermögen.

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