Lärm und Wälder

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: S. Fischer, 2015, Seiten: 320, Originalsprache

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Claire Schmartz
Wie betrachtet man sich von innen heraus?

Buch-Rezension von Claire Schmartz Mär 2016

Begibt man sich nach dem Lesen von Lärm und Wälder ins Internet, findet man schnell heraus, dass es diese Gated Community tatsächlich gibt: Nordelta. Geschwungene, trocken gelegte Nachbarschaften mit grünem Rasen und Pools drapieren sich um einen künstlichen See und klar und deutlich erkennt man drum herum die Mauer.

Juan S. Guses Nordelta wird bewohnt von jenen, die sich Sicherheit leisten können. Eine Gated Community mit eigenem Radiosender und privatem Sicherheitsdienst. Guses Nordelta ist allerdings mehr als eine Gated Community. Sie ist ein Brandherd, eine isolierte Gesellschaft, die sich von allen Seiten bedroht fühlt und in der der Verfolgungswahn nach und nach Blasen schlägt. Es geht um eine Gesellschaft, die Angst hat. Und die beherrscht wird von der Angst. Gleichzeitig braucht sie die Nähe zu den anderen, den Strom, das Wasser.

In dieser Gated Community hat sich eine Familie ein Eigenheim geleistet, um sich sicher zu fühlen. Pelusa hat in ihrer früheren Ehe mit ihrem Mann alleine in den Anden gelebt, doch selbst da war sie nicht sicher. Es gibt überall Gefahren, ob von innen oder von außen, durch den Ehemann, den Sohn, den Trappisten, die Nachbarn, die anderen - omnipräsente Bedrohung, doch

 

"zu welchen ungeheuren Leistungen der menschliche Körper in der Lage [ist], wenn man ihn nur an seine Grenzen bringt. Built to survive."

 

In Nordelta widmet Pelusa sich der europäischen Literatur und unterstützt ihre Schwester beim Aufbau eines freikirchlichen Gemeindehauses. Doch ihr Leben ist nicht weniger paranoid. Ihr Mann Hector ist überzeugt, dass er die Gefahr kommen sieht und stellt sich der Verantwortung. Er bereitet sich mit Alvaro, dem Sicherheitschef Nordeltas auf den Untergang der Zivilisation vor: Die beiden sind sich einig, dass nach dem Zusammenbruch das Recht der Stärkeren gelten wird. Alvaro baut an einem Bug-Out-Haus, in das er ziehen wird, sobald es so weit ist; Hector wird zum Prepper, will einen Bunker bauen. Er kauft sich mit Alvaros Hilfe eine Waffe, obwohl der Waffenbesitz in Nordelta eigentlich verboten ist. Aber Ausnahmesituationen erfordern besondere Maßnahmen, nicht wahr?

Es geht allen Bewohnern in jeder noch so kleinen Entscheidung ums eigene Überleben, vielleicht noch um den Schutz der Familie. Es ist dieser brennende Überlebenstrieb, der alle Bewohner panisch reagieren lässt, und sich selbst unter den Kindern ausbreitet. Die Gefahr ist so real und so nah, gleich jenseits dieser Mauer - man sieht die Gefahr noch nicht, deswegen muss man immer und auf alles vorbereitet sein - und es gibt keine Verbündeten. Das, was man nicht kennt, erscheint einem so viel stärker und unberechenbarer als man selber. Die Angst vor dem Ungewissen, Unmessbaren, Unaufhaltbaren bricht über die Bewohner herein wie ein Gewitter.

Bei der Servicehotline Nordeltas rufen regelmäßig besorgte Anwohner an: Aber auch wenn der Sicherheitsmitarbeiter und die Haushälterin leugnen, dass sie verwandt seien, könnte es nicht sein, dass sie lügen, um uns auszurauben? Immerhin kommen beide aus Bolivien, und man habe ja auch schon gehört, dass Nachbarn etwas abhanden gekommen sei...?

Es ist auch die Paranoia, die alle Probleme generiert, und die Nordelta von innen heraus zerbröseln lassen. Es ist eine krankhafte Angst, zu verlieren, überrannt zu werden, die exponentiell wächst - angesichts der Nachrichten aus umherliegenden Bezirken: Nachrichten von Straßenschlachten, Angriffen, Überfällen, bewaffneten Einbrüchen, Morden.
Um Nordelta brechen schließlich tatsächlich Unruhen aus. Ein Schulbus wird umgeworfen. Die Medien berichten vom infernalischen Geschrei verletzter Pferde der Pferdestaffel in der angegriffenen Mall, von Lichtblitzen. Oder handelt es sich bloß um eine erwartungsgetränkte Interpretation der Geschehnisse?

Diese Paranoia erinnert an Yossarian in Joseph Hellers wunderbarem Roman Catch-22. Yossarian ist überzeugt, dass die Feinde versuchen, ihn zu töten - auch wenn sein Gegenüber ihn beruhigen will und betont, dass sie bloß versuchen, alle zu töten. Aber was für einen Unterschied macht das?

"Just because you're paranoid doesn't mean they aren't after you."

Irgendwann fängt Yossarian an, nur noch rückwärts zu laufen, weil er Angst hat, dass ihn jemand hinterrücks überfällt.
Lärm und Wälder ist kein Buch über die Probleme der Gated Communities, es ist kein Buch über soziale Probleme in und um Buenos Aires - natürlich ist es das auch - aber vor allem ist es ein Buch über Angst und vermeintlichen Zugzwang, um allen Eventualitäten zuvorzukommen ( - der vielleicht Auslöser ist). Guse hat ein fabelhaft präzises Buch geschrieben, das den Leser gruselt. Seine Dystopie ist keine ferne Zukunft voller genmanipulierter Zombies, sondern ein deutlicher und schmerzhafter Verweis auf uns und jetzt. Die Erzählung ist so gut platziert und besetzt, dass sie hervorsticht.

Es ist die unterschwellige Panik in Nordelta, die sich so leicht auf vieles übertragen lässt, was gerade auf der Welt passiert, wie in den Medien immer dringender werdende Probleme erscheinen, die als Sorgenkorsett auf die Bevölkerungen niederschlagen. Was, wenn die Regierungen versagen? Wenn der Euro zusammenbricht? Wenn Europa auseinanderbricht? Wohin mit dieser Flut von Flüchtlingen, die so anders sind und so unberechenbar und so teuer? Müssen wir kämpfen um das, was wir haben? Müssen wir uns schützen, Mauern bauen? Wohin führt uns diese ständige Bedrohung durch Attentate und Terrorismus? Alle haben Angst, und aus dieser Angst heraus werden Entscheidungen getroffen, die es nicht leichter machen, die Unterschiede betonen und Grenzen deutlicher machen. Wie eine Schlange, die sich selber auffrisst.
In dem Buch erzählt ein Trappist von einer Zeit, in der er als Briefträger arbeitete. Morgens wartete er mit anderen Briefträgern auf den Lastwagen mit den Briefen, und dann redeten alle über diesen Traum von Europa:

 

"Jeder einzelne von ihnen träumte davon, nach Europa zu fliegen, alle hatten irgendwo in ihrer Wohnung eine kleine Holzkiste mit ersparten Geldbündeln versteckt, um irgendwann einmal durch das große Europa laufen zu können, seine historischen Städte, seine prachtvolle Zivilisation, von all diesen Dingen sprachen sie, während sie auf den Lastwagen warteten. Manch einer habe dabei sogar gelegentlich geweint, weil er schon Kinder hatte und eine Frau und wusste, er werde niemals in seinem ganzen Leben auch nur einen Fuß auf den verheißungsvollen Mutterkontinent setzen, er werde für immer hierbleiben."

 

Es ist dieser externe Blick auf Europa, der dem Leser einen Spiegel ins Gesicht hauen soll. Wie betrachtet man sich von innen heraus und wie betrachten einen die Außenstehenden? Wo verläuft diese Grenze, die den Blickwinkel definiert? Es ist nicht immer eine Mauer, wie in Nordelta.

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