Das Mädchen mit dem Fingerhut

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2016, Übersetzt: Michael Köhlmeier, Bemerkung: ungekürzte Lesung

Couch-Wertung:

75
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Kathrin Plett
Auf der Flucht

Buch-Rezension von Kathrin Plett Mär 2016

Auf der Flucht sein, ein Thema, das gerade in letzter Zeit immer präsenter wird. Oft wird von Flüchtlingszahlen gesprochen, über wirtschaftliche und politische Aspekte, aber nur selten wird über die einzelnen Schicksale berichtet. Wenn dies doch einmal geschieht, dann geht es häufig über das Leben im Herkunftsland, die dort herrschende Not und Gefahr. Michael Köhlmeier berichtet in seinem neuesten Werk aus der Sicht eines kleinen Mädchens, das nicht einmal seinen Namen kennt, nirgends hingehört und ganz allein in einem fremden Land ist, dessen Sprache sie nicht versteht und spricht.

Yiza weiß nicht, wo sie ist. Sie weiß nicht einmal, wo sie herkommt, warum sie dort ist, wo sie ist, oder wie ihr richtiger Name lautet. Von ihrem Onkel hat sie die Anweisung nicht zu sprechen und bei dem Wort Polizei laut zu schreien. Bei Bogdan bekomme sie Essen, mehr sagte er nicht zu ihr. Jeden Abend ist sie mit ihm an einer bestimmten Stelle verabredet, nachdem sie den Tag bei Bogdan verbracht hat. Als ihr Onkel eines abends nicht erscheint, macht sie sich auf die Suche und verliert die Orientierung. Schließlich wird sie doch von der Polizei aufgegriffen und in ein Kinderheim gebracht, in dem sie zwei Jungen kennenlernt, die sie mit auf die Flucht aus dem Heim nehmen. Von keinem gewollt haben sie den Plan, sich über den Winter in einem leerstehenden Haus einzuquartieren, dessen Besitzer die kalte Jahreszeit in wärmeren Gegenden verbringen. Doch der Plan scheitert und das Leben wird zu einem stetigen Kampf.

Michael Köhlmeier, 1949 in Hard am Bodensee geboren, lebt als Schriftsteller in Hohenems/Vorarlberg und Wien. Seit Anfang der 1980er Jahre hat er zahlreiche Romane, kürzere Texten und feuilletonistische Beiträge veröffentlicht. Seine Werke wurden u. a. ins Französische, Griechische, Koreanische, Rumänische, Slowenische, Spanische und Türkische übersetzt.

Mit Das Mädchen mit dem Fingerhut ist Michael Köhlmeier ein berührender und vor allem sehr aktueller Roman gelungen. Er erzählt die Geschichte eines sechsjährigen Mädchens, das irgendwo in einer großen Stadt in Westeuropa gestrandet ist und fortan auf sich allein gestellt ist. Auch wenn sie von der Polizei aufgegriffen und in ein Kinderheim gebracht wird, fühlt sie sich verloren. Sie spricht die Sprache nicht, alles ist ihr fremd. Als sie im Kinderheim auf zwei Schicksalsgenossen trifft, tut sie sich mit ihnen zusammen und flieht. Auch wenn das Leben von nun an für sie beschwerlicher ist, hat sie immerhin die Gewissheit, dass sie nicht mehr nur geduldet, sondern mit Menschen zusammen ist, die mit ihr zusammen sein wollen. Köhlmeier erzählt mit viel Fingerspitzengefühl vom Schicksal der kleinen Yiza, welches stellvertretend für das Schicksal vieler Flüchtlingskinder steht, die sich in einem fremden Land wiederfinden, ohne ihre Angehörigen und in einer Gesellschaft, in der sie sich nicht willkommen fühlen, die sie selbst aber auch nicht verstehen. Yiza weiß nicht, dass die alte Frau ihr die Freiheit nimmt, um ihr zu helfen oder das Leben im Kinderheim nur die Zeit überbrückt, bis sie adoptiert wird. So wird das Leben zu einem ständigen Kampf gegen Hunger, Durst, Kälte und die fremden Menschen, die ihr zu nahe kommen. Ein Teufelskreislauf, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Köhlmeiers Werk Das Mädchen mit dem Fingerhut überzeugt durch seine realistische Darstellung eines Themas, welches wir zwar aktuell überall präsentiert bekommen, aber nur selten aus der von ihm gewählten Perspektive. Ein Buch, das nachdenklich macht und ein beklemmendes Gefühl hinterlässt.

Das Mädchen mit dem Fingerhut

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