Elf Tage in Berlin

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2015, Seiten: 1, Übersetzt: Dietmar Bär, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Almut Oetjen
Ich mach mir die Welt...

Buch-Rezension von Almut Oetjen Feb 2016

Man wird ihm mit Sicherheit keinen Nobelpreis verleihen, aber Arne Murberg aus dem schwedischen K. ist ein guter, liebenswerter Mensch, der sich mit seinen vierunddreißig Jahren eine offene, kindlich naive Art bewahrt hat. Seit einem Badeunfall mit zwölf Jahren hat er Schwierigkeiten sich zu konzentrieren und selbst einfachste Anweisungen zu verstehen. Sein Vater Torsten offenbart ihm auf dem Sterbebett, dass seine Mutter Violetta Dufva nicht tot ist, wie Arne immer geglaubt hat, sondern mit dem mittlerweile verstorbenen Troubadour Egon Lummersten nach Berlin durchgebrannt ist, als Arne nicht mal zwei Jahre war. Torsten bittet Arne, seiner Mutter ein verschlossenes Kästchen zu übergeben.

Ausgerüstet mit Adresse und Foto seiner Mutter, Stadtplan und rudimentären Deutschkenntnissen fliegt Arne nach Berlin und checkt im Hotel Munck ein, den Instruktionen von Onkel Lennart und Tante Polly folgend, die seine Reise minutiös geplant haben und einen täglichen Rapport per Mobiltelefon erwarten.
Bald gerät Arne in Schwierigkeiten, zumal sich herausstellt, dass die Adresse seiner Mutter nicht mehr stimmt. Die Suche nach der Mutter führt ihn zu Litvinas, einem gerade aus der Nervenheilanstalt entlassenen Professor der Astronomie, Quantenphysik und Numerologie. Litvinas sieht im Ignoramus Arne den idealen Helfer für seine Experimente, um seine Frau wieder zu finden. Dabei zieht er Arne in eine seltsame Geschichte hinein. Gemeinsam mit der jungen, scharfsinnigen Beate Bittner, die seit ihrer Kindheit im Rollstuhl sitzt, versucht Arne, die Geschehnisse zu entschlüsseln.

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Zwischen Knobelsdorffstraße, Kyffhäuserstraße, Meraner Straße und Fasanenstraße, KaDeWe, Siegessäule und Tiergarten erlebt Arne Murberg Dinge, die für den gewöhnlichen Berlinbesucher nichts Bemerkenswertes darstellen, wohl aber für jemandem wie Arne, dessen Leben zwanzig Jahre im gleichen Trott verlaufen ist und für den alles Neue eine Herausforderung darstellt. Begegnungen mit Hotelpersonal, Taxifahrern, Kellnerinnen oder Polizisten, die Suche nach einem Café oder Pissoir, für Arne ist alles ein Abenteuer, das er mit Elan angeht.

Neben dem Geist wirkt auch die Sprache restriktiv, denn Arnes Deutschkenntnisse sind begrenzt, hat er doch lediglich einen Crashkurs bei seinem Onkel überstanden, dessen Schulzeit wohl auch schon ein halbes Jahrhundert zurückliegen dürfte. Beides schafft komisch-schräge Situationen. So denkt Arne, dass der Inhaber der Würstchenbude den Namen Helmut Imbiss trägt, oder er kommt mit einer Taube ins Gespräch, die er nach dem Lieblingssänger seines Vaters auf den Namen Evert Taube tauft.

Arne versucht, einen Sinn in seine neuen Erlebnisse und Eindrücke zu bringen. Er glaubt nicht an Zufall, wohl aber an Vorsehung oder Schicksal. Er spekuliert und mutmaßt, schlussfolgert unter anderem messerscharf, dass sich hinter der Mieterin Frau Vogel eigentlich nur seine Mutter verbergen kann, die sich, aus was für Gründen auch immer, ein Pseudonym zugelegt hat. Seine Logik erscheint zwingend: Dufva gleich Taube gleich Vogel!

Arnes Suche nach der Mutter nimmt mysteriöse Züge an, als er dem mephistophelischen Professor Litvinas begegnet. Damit beginnt eine zweite Geschichte, die im siebzehnten Jahrhundert angesiedelt ist und in der ein Jüngling ein Mädchen befreien muss, das als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll. Beide Geschichten, Arnes und die des Jünglings, werden kunstvoll miteinander verwoben, wobei die eine nicht ohne die andere denkbar scheint und die Zeitlinie suspendiert wird. Arne begegnet unter Hypnose Personen, die er schon kennt, aber auch solchen, die er noch kennenlernen wird. Wie ist das möglich? In beiden Geschichten spielt ein Schlüssel eine wichtige Rolle, Feuer, ein Sprung ins Wasser. Es gibt zahlreiche Schnittstellen, Parallelen, Dopplungen, wie den Rollstuhl und den Karren, das Kästchen und das Gefängnis, verschlossene und offene Türen. Alles nur Zufall?

Arne versucht, die Welt mit Hilfe des smarten TV-Anwalts Perry Mason zu begreifen, bis er Beate trifft. Beate, wegen ihres Pechs von der Familie in Unglück umgetauft, hat vom Großvater eine wichtige Lektion gelernt: Alles, was geschieht, hat einen Sinn. Für sie ist Berlin eine besondere Stadt, die Unvorhergesehenes und Geborgenheit verbindet, Fantasie und Fakten, Dichtung und Wahrheit. Zusammen machen sich diese auf ihr Umfeld seltsam anmutenden Menschen an die Dechiffrierung des Rätsels, deren Hauptpersonen sie selbst sind. Mit ihrer eigenen Logik gelangen sie zu einer überraschenden Erkenntnis, die dem Paradigma des Professors in nichts nachsteht.
Arne erlebt in einer Woche Berlin mehr als in zwanzig Jahren K. Das bleibt nicht ohne Folgen, die sich metaphorisch bereits früh angedeutet durch den Verlust seines Mobiltelefons.

Verständnisvoll und sensibel zeigt Nesser die Welt aus der Perspektive dreier Außenseiter, die versuchen, die Welt um sich herum zu begreifen. Dem Leser, der sich auf dieses Abenteuer einlässt, gelingt es, sich in die Welt eines Arne Murberg hineinzufühlen und hineinzudenken.

Håkan Nessers Elf Tage in Berlin ist ein literarischer Roman mit drei besonderen Protagonisten, der, für den Schriftsteller eher überraschend, ganz ohne Mord auskommt. Er erzählt von dem ganz und gar menschlichen Bedürfnis nach dem Konstruieren von Lebensgeschichten, geschickt verbunden mit einer Geschichte über das (späte) Erwachsenwerden, ganz wie bei Astrid Lindgren, die in einem vorangestellten Zitat für mehr Toleranz gegenüber dem menschlichen Wahnsinn wirbt.
Intelligent, tiefgründig und amüsant zugleich.

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Letzte Kommentare:
07.02.2018 17:07:52
Chrissie

Ich fand das Buch leider unerträglich. Allerdings nur wegen der verquasten esoterischen Ebene. Arne als tumber Thor ist warmherzig und humorvoll geschildert. Seine Geschichte interessiert, man hätte sie gern weiterverfolgt. Wenn denn nicht das Abdriften in sein Alter Ego wäre, dieser Wechsel in finstere Zeiten der Hexenverbrennung, deren Verknüpfung mit der Gegenwart misslungen ist.
Schade.

Chris aus Bä