Schlaf der Vernunft

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer, 2015, Seiten: 448, Originalsprache

Couch-Wertung:

89
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Rita Dell'Agnese
Eine andere Sicht der Dinge

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Feb 2016

70er Jahre: Deutschland wird von einer Welle von Terror-Anschlägen erschüttert. Die RAF schreckt vor nichts zurück. Zahlreiche Menschen sterben. Eine von den Terroristinnen, die Schuld auf sich geladen hat, ist Martina Müller. Sie verbüßt eine langjährige Haftstrafe. Nun steht ihre Entlassung an. Für verschiedene Menschen bedeutet dies eine erneute Konfrontation mit ihren schlimmen Erinnerungen. Auch bei Angelika Limacher brechen Gefühle auf. Sie ist die Tochter von Martina Müller. Einst von ihrer Mutter im Stich gelassen, damit diese sich dem Untergrund anschließen konnte, später von der Inhaftierten zurück gestoßen, will Angelika Limacher ihr Verhältnis zur Mutter klären. Sie glaubt nicht daran, der Frau näher zu kommen, doch sie will zumindest eine Antwort auf die Fragen bekommen, die sie seit vielen Jahren beschäftigen. Die Entlassung Müllers löst aber auch bei den Opferfamilien unterschiedliche Gefühle aus. Sie fragen sich, wie sie damit umgehen, der Frau, die ihnen einst Partner oder Vater nahm und damit ihre Existenz zerstörte, plötzlich irgendwo gegenüberstehen zu können. Mit der Rückkehr von Martina Müller ins normale Leben kehrt auch die Erinnerung aller Betroffenen zurück. Und die Frage, wann ist Schuld wirklich gesühnt.

Bücher über die Zeit der RAF gibt es einige. Davon einige mit Tiefgang und einer scharfen Sicht auf die damaligen Ereignisse und politische Entwicklung. Tanja Kinkel geht also mit ihrem Roman ein Wagnis ein. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ein Wagnis, das sich letztlich lohnt. Denn die Autorin bringt eine andere Sicht der Dinge ein. Sie legt den Finger nicht primär auf die Chronologie des Terrors. Vielmehr pflückt sie eine der Verantwortlichen heraus und beleuchtet deren Umfeld. Entschieden hat sie sich für eine der Terroristinnen, der sie den fiktiven Namen Martina Müller gibt. Tanja Kinkel konzentriert sich dabei nicht primär auf die Terroristin selber, sondern auf deren Tochter Angelika. Die Leserinnen und Leser erleben mit, wie sich die junge Frau – inzwischen selber Mutter – mit dem Kontakt zu ihrer Mutter schwer tut. Die verschiedenen Verletzungen schwelen, Angelika ist hin und her gerissen. Die Autorin fängt diese Gefühlswallungen sehr gut auf und macht sichtbar, welche Gedankengänge die Tochter plagen: Es ist eine Zerrissenheit zwischen dem Bedürfnis, die eigene Mutter quasi wiederzufinden und der Abneigung, die von den Ereignissen und dem späteren Verhalten der Terroristin ihrer Tochter gegenüber genährt werden.

Es ist beeindruckend, wie geschickt Tanja Kinkel an das Thema "Opfer" heran geht. Sie lässt nebst Angelika -die als Tochter durchaus auch Opfer der Ereignisse wurde, wenn auch auf eine andere Art – den Sohn eines der zufälligen Opfer zu Wort kommen. Der Journalist erfährt von der bevorstehenden Entlassung Martina Müllers und stellt sich die Frage, wie weit er noch Rachegedanken verspürt. Zugleich wird im Dialog des Journalisten mit seiner Mutter deutlich, dass die Frau verbittert ist und der Terroristin, die für den frühen Tod des geliebten Ehemannes und Vaters verantwortlich gemacht wird, nicht verzeihen mag. Jede der Figuren, die in diesem Roman vorkommen, hat seine eigene Geschichte, die mit den damaligen Ereignissen verbunden ist. Jeder muss für sich den Weg finden, mit den erwachenden Erinnerungen fertig zu werden. Teilweise kommt es zu Verknüpfungen und Begegnungen. Die Opfer erkennen sich ineinander wieder und können einen neuen Blickwinkel auf die Ereignisse bekommen.

Die Art, mit der Tanja Kinkel dieses Thema bearbeitet, zeugt von viel Empathie. Sie verniedlicht oder verharmlost nichts, stellt aber Fragen in den Raum, die vieles in einem anderen Licht erscheinen lassen. Dass die Autorin sowohl den Opfern wie auch der Täterin selber Raum gibt, ihre Gedankengänge sichtbar macht und nicht zwingend jede Frage beantworten muss, sondern einiges auch offen lassen kann, ergibt ein rundes Bild. Sprachlich kann Tanja Kinkel ihr Talent optimal einbringen. Sie pflegt eine direkte, schnörkellose Erzählweise, mitunter könnte sie gar als kühl bezeichnet werden. Doch genau das passt zu diesem Stoff.

Wer sich mit dem Thema RAF auseinander setzen will, hält hier ein Buch in den Händen, das eine gute Grundlage bietet, sich intensiver auf das Thema einzulassen und sich vertieft Gedanken zu machen. Eine überzeugende Leistung von Tanja Kinkel.

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