Bartleby und Co.

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: S. Fischer, 2009, Seiten: 240, Übersetzt: Petra Strien
  • Zürich: Nagel & Kimche, 2001, Seiten: 240, Übersetzt: Petra Strien
  • -: -, 2003, Titel: 'Bartebly y compañia', Originalsprache

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Sebastian Riemann
Genialer Text nicht geschrieben

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Feb 2016

Enrique Vila-Matas – einer der ganz Großen der spanischsprachigen Literatur und König der Bibliophilen – schrieb eine Unmöglichkeit und taufte sie auf den Namen Bartleby y compañia. Er schrieb ein Buch, in dem kein Text enthalten ist. Wie soll das möglich sein?, fragt man sofort und schaut ungläubig. Sind die Seiten des Buches etwa weiß und leer? Nein, das sind sie nicht, sie sind bedruckt mit schwarzer Tinte so wie andere Bücher auch, aber es fehlt der Text. Der Text, der sich mit dem Thema des Buches befasst, ist abwesend. Er existiert nicht. Und trotzdem ist er im Buch enthalten. Man kann ihn nicht lesen, nicht wie man andere Texte liest, aber man kann ihn suchen, erahnen und heraufbeschwören, wenn man sich der Magie des Autors ergibt.

Herman Melville ist jedermann bekannt, er ist der Autor des Moby Dick, eines der bekanntesten Bücher der Geschichte. Darüber hinaus ist er aber auch der Verfasser einer Kurzgeschichte mit dem Titel Bartleby, the scrivener, welche für viele Leser bedeutsamer und weitreichender ist als der große, weiße Wal. Sie handelt von einem Schreiberling, der in Manhattan eine Stelle in einem Büro annimmt, dort zahllose Texte per Hand kopiert und auf jeden Vorschlag seines Vorgesetzten mit den Worten „I would prefer not to" reagiert. Konsequent verweigert er sich allen vorgeschlagenen Aktivitäten und kopiert tagein und tagaus. Ein komischer Kauz, würde man sagen, merkwürdig und eigenbrötlerisch. Und die Sache wird noch bizarrer, da der Leser entdeckt, dass Bartleby im Büro wohnt, in seinem Verschlag, in dem er arbeitet.
Diese personifizierte Verneinung ist der Aufhänger für Enrique Vila-Matas, ist Anfang für eine Geschichte des Neins und Initiator einer Revision der negativen Literatur.

Das Nichts wurde schon des Öfteren als Thema der Literatur herangezogen – oft zum Leidwesen des Lesers – und befindet sich seinem Wesen nach im Bereich des Unbeschreiblichen. Es erforderte stets viel Kunst und Kunstgriffe, um sich dem Gegenstand zu nähern. Das Ganze ist im Fall des vorliegenden Buches noch viel komplizierter. Nicht das Nichts ist das Thema sondern das Nichts der Literatur, das Nicht-Schreiben, die nicht existente Literatur. Es geht um Bücher, die nicht geschrieben wurden, um Autoren, die nicht geschrieben haben, die sich gleich Bartleby der Sache der Literatur verweigert, die es bevorzugt haben nicht zu schreiben.
Wie kann man über das Nicht-Schreiben schreiben? Indem man nicht darüber schreibt. Das ist die einzig gültige Antwort, da sie Form und Inhalt zusammenbringt. Dem Nichts wird nur das Nichts gerecht. Alles andere wären vergeudete Wörter. Enrique Vila-Matas schreibt also nicht über das Nicht-Schreiben. Und er füllt ein hoch interessantes Buch damit.

Aus sechsundachtzig Fußnoten besteht das Buch. Sie beziehen sich auf den Text, der nicht geschrieben wurde und von der nicht geschriebenen Literatur handelt. Der Verfasser spürt die Bartlebys der Literaturgeschichte auf und bringt sie in seinem Buch zusammen. Es sind Autoren, die nach erfolgreicher Karriere als Schriftsteller die Entscheidungen trafen, der Literatur den Rücken zu kehren. Manche ziehen sich für ein paar Jahrzehnte zurück, andere für den Rest ihres Lebens. Das Buch spürt ihren Beweggründe nach, die sehr unterschiedlich ausfallen, manchmal unterhaltsam komisch, manchmal philosophisch begründet sind. Es werden dabei die weithin bekannten Fälle wie Salinger und Rimbaud besprochen, aber auch (für den europäischen Leser) weniger bekannte wie Mexikos Nationaldichter Juan Rulfo, der nur zwei Romane und einen Erzählband geschrieben hatte, bevor sein Onkel Celerino verstarb, der ihm zuvor alle möglichen Geschichten erzählt hatte.

Es ist also ein Buch ohne eigene Handlung? Nicht ganz. Der Verfasser kann es an manchen Stellen nicht unterlassen, ein wenig von sich zu erzählen, von seiner Arbeit an dem Buch und der dadurch verursachten Einsamkeit. Er zieht sich zurück von der Welt, vergräbt sich in Büchern und hat keinen nennenswerten Kontakt zur Außenwelt, sondern lebt inmitten der Schriftsteller des Nein. Jedoch sind diese Ergänzungen selten, meist hält er sich zurück und überlässt den nicht-schreibenden Kollegen die Bühne.

Enrique Vila-Matas ergründet alle Spielarten der Literatur und ist eine Galeone voller Gold für jeden Liebhaber der Literatur, der beim Lesen nicht nur wichtige Wörter, sondern auch Kreativität und Leichtigkeit sucht. Die Idee zu Bartleby und Co. ist genial, die Umsetzung ebenso. Vila-Matas schreibt mit einer Leichtigkeit, die aus seiner schier grenzenlosen Liebe zur Literatur und seiner Kenntnis derselbigen hervorgeht, und dem Leser ein Erlebnis bietet, welches er andernorts nicht finden kann.

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