Diese Fremdheit in mir

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Istanbul: Yapı Kredi Yayınları, 2014, Titel: 'Kafamda Bir Tuhaflık', Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2016, Übersetzt: Dietmar Wunder, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Claire Schmartz
Eine unkomplizierte, spannende und durch die Länge ruhige Geschichte

Buch-Rezension von Claire Schmartz Jan 2016

Mevlut ist Straßenverkäufer in Istanbul und verkauft Joghurt, Eis, Hähnchen mit Pilav oder Boza, seit er mit seinem Vater vom Dorf in die Stadt gezogen ist. Eigentlich sollte Mevlut zur Schule gehen und später studieren, doch die Arbeit als Straßenverkäufer schlägt ihn immer mehr in seinen Bann. Als Mevlut auf der Hochzeit seiner Cousins die jüngere Schwester der Braut sieht, verliebt er sich schlagartig in sie und will sie entführen, wissend, dass ihr Vater der Ehe der beiden nicht zustimmen würde. Drei Jahre lang schreibt er ihr Liebesbriefe nach Anatolien. In der Nacht, in der es endlich so weit ist und er sie aus dem väterlichen Haus entführt, kommt es zu einer fatalen Verwechslung. Nicht Samiha nimmt er mit nach Hause, sondern Rayiha, die ältere Schwester. Aus Pflichtbewusstsein heiratet er sie, und findet in der Beziehung die große Liebe, während ein Freund aus Schulzeiten Samiha heiratet. Jahrelang leben die Familien in unmittelbarer Nähe, helfen sich gegenseitig, doch dann passiert ein Unglück....

Aber welche Stimme stellt Mevlut dar? Die des einfachen Mannes in Istanbul? Mevlut schafft den Ausstieg aus dem Straßenverkäuferdasein nicht, seine Tage sind durch die Zubereitung und das Verkaufen der Speisen rhythmisiert. Dennoch ist es kein einfacher, simpler, kleiner Charakter, sondern jemand, der sich durchschlägt und widersteht. Diese Darstellung verschiedener Figuren, aber auch der populären Viertel Istanbuls mitsamt dem Aufkommen von eingezeichneten Grundstücken, Stromzählern, politischen Unruhen ergeben ein vielstimmiges, reiches Bild an Meinungen, die nicht auf Kosten einer sozialen Klasse geht und nicht stigmatisiert.

Und welche Fremdheit ist in Mevlut? Ist es das Boza, ein sehr leicht alkoholisiertes Getränk, das zu Zeiten des Sultanats hergestellt wurde - als Alkohol noch verboten war. Dieser Rest an Tradition und Geschichte, der in der Erzählung immer wieder aufkommt - vor allem angesichts der sozialen, politischen und architektonischen Veränderungen Istanbuls. Von 1969 bis 2012 wird die Geschichte Istanbuls aufgespannt und erklärt, Landflucht, Kriege, die das Leben der Figuren teilweise nur tangieren, teilweise verändern und sich in der Gesellschaft Istanbuls wiederspiegeln. Dennoch bleibt der Gesichtskreis der Erzählung vor allem auf die Familie um Mevlut fokussiert. Es wird keine Historie einer Stadt, sondern eine Erzählung über das Leben einer Familie und von Freunden in einer Stadt im Wechsel der Zeiten, der Gesellschaft, der Geschichte - inmitten der Verwandlung des alten Istanbuls. Aber auch der Verlauf der Geschichte der Türkei, der sozio-kulturellen Determination der neuen Stadtviertel, der aufkeimenden Diskrimination der Kurden oder Kommunisten.

Auf einem Lastjoch trägt Mevlut es durch die Straßen und ruft aus. Doch ist das wirklich die Fremdheit, die der Titel ankündigt? Zu der Zeit, zu der der Roman spielt, trinkt in Istanbul kaum mehr jemand Boza, Kinder, Alte, Nostalgiker. Raki wird immer mehr und öffentlich getrunken. Mevlut wechselt seine Waren. Und doch ist Boza eine Idee von Akzeptanz und Toleranz: Boza ist ein Alkohol, der je nach Ansichtsweise gar keiner ist, so dass selbst Gläubige ihn trinken können, denn er ist so schwach, dass er niemandem schaden kann. Diese liberale Auslegungen um das Getränk spiegeln Mevluts Charakter: Er ist ein gutmütiger, unkomplizierter Held, genauso wie der Roman eine unkomplizierte, spannende und durch die Länge ruhige Geschichte ist, die den Leser mit den Veränderungen Istanbuls in seinen Bann schlägt.

Orhan Pamuk selbst ist in einem fünfstöckigen, Istanbuler Haus aufgewachsen. Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei und hat 2006 den Literatur-Nobelpreis erhalten. Er ist dafür bekannt, europäische Romanstrukturen mit den mystischen Traditionen des "Orients" zu verbinden und erschafft dadurch Welten, die zwischen beiden vermitteln.

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