Oben das Feuer, unten der Berg

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • München: Carl Hanser, 2016, Seiten: 288, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Mord? Inhumanes System

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jan 2016

Der Hauptkommissar sucht einen Serienmörder, der Frauen tötet und ihnen sämtliche Körperöffnungen zunäht. Schon seit langem ist er hinter ihm her, bekommt ihn aber nicht zu fassen. Hinter das Motiv kommt er nicht und auch sonst tut er sich schwer, eine Spur zu finden. Es fehlen dem Hauptkommissar schlichtweg die Anhaltspunkte, die ihm aus dem Dunkel, in dem er tappt, helfen können. Ein alter Mann erscheint dann plötzlich auf der Dienststelle und bringt die Wende in dem Fall. Er will seine Tochter beschützen, die das nächste Opfer sein wird, deshalb kommt er zur Polizei. Den Mörder kennt er auch. Ein Glücksfall für die Ermittler, die erst nicht recht glauben können, was ihnen der alte Mann erzählt, und dann noch ungläubiger schauen, da er tot vom Stuhl fällt, bevor er ihnen alles erzählen kann. Die Tochter trägt den Namen Theresa und hat einen Bruder, der von ihr getrennt aufwuchs.

Dies ist der Beginn einer Polizeigeschichte, will man meinen. Es wird um Spurensuche gehen, Leute ausfindig machen, ihnen die richtigen Fragen stellen, jemanden überwachen, Schusswaffen und Handschellen, vielleicht eine Verfolgungsjagd, die damit beginnt, dass der Verdächtige aus seinem dunklen Versteck aufgescheucht wird, und beinahe zu seiner Festnahme führt, aber nur beinahe, denn im letzten Moment entkommt er doch, was die Ermittler sehr verärgert und dem Leser klarmacht, dass der Serienmörder fähiger ist, als man zuerst annahm. Aber nein, natürlich kommt es nicht so. Reinhard Jirgl schreibt keinen Krimi, es geht ihm um mehr, um größere Themen. Der Hauptkommissar und sein Kollege dienen dem Leser nur als Gehilfen, sie suchen und lesen, damit der Leser all die unheimlichen Dinge erfahren kann, die der Autor in diese Geschichte über Verstümmlung und Unmenschlichkeit gesteckt hat.

Die Eltern von Theresa und ihrem Bruder lebten in der DDR in einem kleinen Ort und hatten, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, Probleme mit dem örtlichen Parteivorsitzenden. Sie wollten sich ihr Dasein erträglicher gestalten und nutzen eine Gelegenheit, den Mann anzuschwärzen, was jedoch nicht den gewünschten Effekt hatte, sondern sie selbst in Bedrängnis brachte und zu Feinden des Regimes machte. Unruhestifter waren sie und als solche unerwünscht. Das Leben wurde ihnen schwieriger, dann mussten sie ins Gefängnis. Theresa war zu diesem Zeitpunkt ein kleines Kind, wurde von den Eltern getrennt und später zur Adoption freigegeben, wodurch sie zu ihrem Pflegevater fand, dem Mann, der am Anfang des Buches Ungeheuerliches erzählte und dann überraschend verstarb. Ihr Bruder wurde im Gefängnis geboren und ebenfalls von den Eltern getrennt. Während Theresa jedoch eine fürsorgliche Adoptivfamilie fand, hielt das Schicksal wenig Erfreuliches für den Bruder bereit, sein Weg wurde schon früh von Zorn, Verzweiflung und Gewalt gezeichnet.
Im Zuge der Ermittlungen stoßen der Hauptkommissar und sein Kollege auf alte Tonbandaufnahmen, die ihnen ein Informant zugänglich machte. Zuerst scheint es bei diesen Aufnahmen um Mitschnitte von geschäftliche Verhandlungen zwischen Ost und West zu gehen, bald aber erkennen die Ermittler, was hinter der Sache steckt, dass die Involvierten sich eines Codes bedienen, um den wahren Charakter und den Gegenstand der Verhandlungen zu verbergen. Es waren geheime Verhandlungen, von deren Existenz niemand Kenntnis nehmen sollte, aber trotzdem waren sie dem Dokumentationszwang der staatlichen Behörden unterworfen. Bei der Auswertung des Materials, Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, decken der Hauptkommissar und sein Kollege eine inhumane Geschäftspraxis zwischen BRD und DDR auf, die ihnen den Fall des inhaftierten Vaters von Theresa erklärt und späterhin auch die Entwicklung des Bruders, den sie als Verdächtigen jagen.

Jirgl verknüpft in diesem Buch geschickt die Themen der Machtausübung, des Machtmissbrauchs und die Frage nach dem Schlechten im Menschen, welches in den geschilderten Kontexten instrumentalisiert wird, um politische Ziele zu erreichen, die über das Wohl des Menschen gestellt werden. Ungerechtigkeit und Gewalt reproduzieren sich in diesem Buch auf unheimliche Weise, sie wachsen an dunklen Stellen, die man nicht richtig einsehen kann, die versteckt werden, aber immer wieder ausbrechen und in die Ruhe des Alltags einbrechen, wenn es geboten ist, die Verhältnisse mit Gewalt neu auszurichten.

Mit seiner ihm eigenen Sprachgewalt verdeutlicht Jirgl das Leid, das in unspektakulären Verhältnissen seinen Anfang nimmt, da es behutsam im Hintergrund geplant wurde.

 

"Später begegneten wir ein ander zum ersten Mal: auf der !Toilette im 2. Stock (?wars im2.), weil sie = die mittlerweile in-den-Keller=ins-Archiv Verbannte, hierher gehen mußte, wenn sie mußte. Denn im Keller war nicht nur ihre=Karrjere, sondern auch das Klo defekt. Unser=Anfang war im Stadium ihres=Endes am Insitut."

 

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